hr4 ÜBRIGENS
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Olschewski, Gudrun

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Pfungstadt

Zeichen von Leben

Zeichen von Leben

An das Ritual kann ich mich gut erinnern. Anfang Dezember ging Großmutter in den winterlichen Garten hinter dem Haus und schnitt vom Kirschbaum Zweige ab. Sie tat das jedes Jahr, egal wie kalt es war, ob Schnee lag oder ob es über Nacht gefroren hatte. Die kahlen Zweige brachte sie in die Küche und legte sie in eine Schüssel mit warmem Wasser. Einen Tag später klopfte sie mit den Fingern vorsichtig auf die Stellen, an denen sie die Zweige abgeschnitten hatte, und stellte sie schließlich in eine Vase. Neugierig habe ich ihr immer dabei zu geschaut. „Alle drei Tage klopfen wir jetzt an diese Stelle“, sagte Großmutter dann. „An Weihnachten werden sie blühen, du wirst sehen. Sei geduldig und warte.“

Gespannt rannte ich fast jeden Tag hin und schaute nach, ob die Zweige endlich ausschlagen. Doch lange Zeit tat sich nichts, immer und immer war einfach nichts zu sehen. Dann endlich: Kleine grüne Blättchen schoben sich aus den Zweigen und ein paar Tage später entdeckte ich zarte weiße Blüten.

Über die Jahre wurden so die blühenden Zweige im Winter für mich zu einem Symbol für Weihnachten und die Zeit davor. Die Adventszeit ist Wartezeit, zum Teil karge Wartezeit, mit nasskalten, grauen, dunklen Tagen. Und schon als Kind habe ich gelernt: Blüten gibt es eben nicht sofort. Am Anfang stehen die leblosen Zweige. Nicht viele, aber ein paar entscheidende Vorbereitungen sind nötig, damit die Kirschzweige blühen. So wie ich mich in der Adventszeit auf Weihnachten vorbereite.

Die blühenden Zweige machen mir aber auch klar: Das Entscheidende kann nicht ich bewirken. Dass Weihnachten wird, nicht nur auf dem Kalender, sondern wirklich Weihnachten, in mir und um mich, darauf kann ich mich zwar vorbereiten. Aber ich kann es eben nicht machen. Weihnachten kann ich mir nur von Gott schenken lassen und bestaunen, wie nah mir seine Liebe kommt. Jedes Jahr ist es wie kleines Wunder.