hr4 ÜBRIGENS
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Eine Sendung von

evangelisch, Frankfurt am Main

Später Dank

Später Dank

Hallo, hallo. Er war mit dem Fahrrad an mir vorbeigesaust, und nun rief er. Rief er mich? Tatsächlich. Mich meinte er mit seinem Hallo … Ich blieb stehen – und er kam auf mich zu, aber ich hatte keine Ahnung, wo ich diesen jungen Menschen hinstecken sollte. Wer war das? Aufgeregt redete er auf mich ein: "Kennen Sie mich nicht mehr? Das bin ich doch gewesen, der sie damals angefahren hat und dabei ist ihre Brille kaputt gegangen!"

Ja – jetzt erinnere ich mich. Mindestens ein Jahr war es her. Ich war hingefallen, und er half mir auf, er entschuldigte sich wortreich, und dann hob er meine Brille auf, die weggeflogen war und die nach diesem Zwischenfall nicht mehr zu gebrauchen war. Wir tauschten unsere Adressen aus, aber als ich versuchte, ihn zu erreichen, da war er unbekannt verzogen. Also die Brillenreparatur, die hätte er schon übernehmen sollen, und an dem Unglückstag hatte er sich dazu auch bereit erklärt.

Der war das also, der mich gestoppt hatte. Und warum das? Erkannt hätte ich ihn ohnehin kaum – er hätte also ohne weiteres unerkannt vorbeifahren können. Aber der junge Mann hatte ein Anliegen. Er wollte sich bedanken. Das sei ihm ganz wichtig – das betonte er mehrmals. Wofür? Nun, vielleicht meinte er, weil ich ihm damals nicht irgendeine unangenehme Instanz, die Polizei oder die Versicherung, auf den Hals gehetzt habe?! Ich hätte wohl gemerkt, in welch schwieriger Situation er gerade war.

Ob ich das gemerkt habe? Ich weiß es nicht mehr so genau. Eher kam es mir vor, als sei er ein Mensch, bei dem nichts zu holen ist. Aber mein Schädiger von damals, der wollte etwas wieder gutmachen. Fast atemlos erzählte er, dass er jetzt aus seinen schlimmen Nöten heraus sei, dass er wieder Geld habe, und jetzt könnte er die Brille bezahlen! Aber immer wieder sagte er, dass es sich bedanken möchte. Ja, er möchte sich auch für den Unfall damals entschuldigen. Vor allem aber möchte er danken, weil ich ihm in einer für ihn persönlich ganz schwierigen Situation das Leben nicht noch schwerer gemacht habe.

Danken war dem jungen Mann so wichtig, dass er das Risiko auf sich nahm, von mir die Rechnung der Brillenreparatur zu bekommen. Er wollte etwas in Ordnung bringen, einen Schaden wieder gutmachen. Und das ist mehr als eine Geldangelegenheit. Dazu gehört wohl bis heute für viele Menschen in erster Linie der Dank. Schön ist das.