hr4 ÜBRIGENS
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Eine Sendung von

evangelisch, Frankfurt am Main

Rücksicht

Rücksicht

Meine Freundin lebt mit ihrer alten Mutter zusammen, und die war vor kurzem nach einem Sturz ins Krankenhaus gekommen. Schlimm genug, aber nun passierte das ausgerechnet, als die Sache mit dem Badumbau angefangen hatte. Die beiden, Mutter und Tochter, hatten sich vorgenommen, ihr Bad umbauen zu lassen. Bequemer sollte es werden für beide. Sie hatten lange gezögert, weil sie sich vor dem Lärm, dem Staub und all den andern damit verbundenen Unannehmlichkeiten fürchteten. Als es endlich losging, da passierte das Unglück: die Mutter stürzte. Für meine Freundin begann eine Chaoszeit. Krankenhaus – häusliche Baustelle – Handwerker – Krankenhaus.

Aber zu ihrer Überraschung klappten die handwerklichen Arbeiten fast ohne Probleme. Hatten sie nicht alle Freunde und Freundinnen gewarnt, dass man sich auf Terminabsprachen mit Handwerkern nicht verlassen könne? Hatte man ihr nicht in den schrecklichsten Farben ausgemalt, wie schmutzig die Wohnung werden würde? Und zuletzt hatte man ihr auch geschildert, dass so ein Fliesenleger oder Anstreicher bestimmt ganz laut Radio hören würde - so laut, dass die Nachbarn sich gewiss gestört fühlen würden. Von ihr ganz abgesehen.

Ein Horrorszenario hatte man ihr geschildert. Aber etwas ganz anderes trat ein. Es war der Tag, an dem ein einzelner Handwerker von früh bis spät in dem Bad zu tun hatte. Und der war so leise, dass sie manchmal dachte, er sei schon gegangen. Naja, und wenn etwas gut läuft, dann fällt es meistens gar nicht auf, weshalb sie auch erst nach ein paar Stunden nachfragte: „Haben Sie gar kein Radio dabei?“ Und sie bekam die Antwort: "Ja, schon, aber… in ihrer Situation … und sie haben solche Sorgen,… da kann ich doch hier keinen Krach machen“.

Für mich ist das eine ganz leise Geschichte von Rücksichtnahme von Menschlichkeit.