Jemandem etwas zutrauen
Eine meiner Freundinnen ist wirklich schüchtern. Im Mittelpunkt zu stehen und die Blicke auf sich gerichtet zu wissen, ist für sie das schlimmste, was es gibt. Ich weiß, dass sie richtig gut singen kann. In einem Chor würde sie ja gerne singen. Aber die Vorstellung, dann auf der Bühne zu stehen und Konzerte zu geben, lässt sie zu Hause bleiben.
Nun hatten vor einiger Zeit ihre Eltern goldene Hochzeit und haben sie gebeten, auf der Feier eine Rede zu halten. Sie wäre wohl am liebsten weggerannt. Trotzdem ist sie aufgestanden und hat mit etwas zitternder Stimme angefangen zu sprechen. Es war eine tolle Rede – charmant und witzig. Gut, zwischendurch hat sie einmal kurz den Faden verloren, aber das hat niemanden gestört. Sie kam hinterher zu mir und war ganz erleichert. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe, aber meine Eltern haben mir das irgendwie zugetraut. Sie meinten, ich könne das…“
Ich musste an die Propheten denken, von denen die Bibel berichtet. Jeremia meinte, er wäre zu jung, um Gottes Wort zu verkünden. Jesaja hielt sich für unwürdig und Jona ist erst einmal weggelaufen und wollte sich vor Gott und seinem Auftrag verstecken. Selbstbewusstsein sieht anders aus. Letztendlich haben sie aber alle ihren Auftrag angenommen. Sie hatten erkannt: Von mir wird nicht mehr verlangt, als ich auch leisten kann. Gott traut mir das zu.
Nun sind wir wohl alle keine Propheten mit göttlichem Auftrag. Aber zu wissen, dass andere einem etwas zutrauen, lässt einen manchmal über sich hinauswachsen. Und ich glaube: Gott traut auch mir mehr zu, als ich mir oft selbst.