Ich bin zufrieden
Ich war lange Seelsorger in einer Klinik. Dabei durfte ich viele Menschen begleiten, ihnen begegnen. Eine Begegnung ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Ich hatte die Patientin über zwei Jahre begleitet. Sie hatte Krebs und musste deswegen immer wieder zur Behandlung in die Klinik. Operationen, Chemotherapie, Bestrahlungen – das volle Programm! Es war eine Tortur, die sie mit einer unglaublichen Energie durchgestanden hat. Immer wieder hat sie sich aufgerafft, ihre ganze Kraft zusammengenommen. Während ihrer Aufenthalte in der Klinik haben wir uns immer wieder gesehen, miteinander gesprochen. Sie hat von sich, ihrer Familie, ihrer Krankheit erzählt. Ich habe zugehört, bin einfach da gewesen.
Wie kann sie da zufrieden sein?
Schließlich mussten die Ärzte ihr sagen: Es gibt keine wirklich hilfreiche Therapie mehr. Sie werden sterben. In dieser Situation hat sie um ein Gespräch mit mir gebeten. Und dann kam dieser Satz: „Ich bin zufrieden.“ Ich war völlig überrascht. Mit dem Satz hatte ich nicht gerechnet. Wenn ich ihren Weg anschaue, was sie alles mitgemacht hat und wie sie gekämpft hat, frage ich mich: Wie kann sie da zufrieden sein?
So habe ich den Satz verstanden
Sie hat mir dann weitergeholfen und erzählt: Ihr jüngster Sohn hatte vor ein paar Wochen geheiratet, nachdem sein Haus fertig gebaut war. Ein Enkelkind war geboren und wohlauf – darauf hatte sie gewartet. Und auch sonst war alles geregelt, was zu regeln war. Jetzt musste sie nicht mehr Kräfte sammeln, um zu kämpfen. Da bekam der Satz: „Ich bin zufrieden“ für mich auf einmal eine tiefe Bedeutung. „Ich habe zum Frieden gefunden.“ So habe ich ihn verstanden.
Ich habe zum Frieden gefunden
Friedvoll ist ihr Leben zu Ende gegangen. Sie konnte für die letzten Tage ihres Lebens in ein Hospiz umziehen und ist dort in Frieden mit sich und der Welt gestorben.
Seither hat der Satz „Ich bin zufrieden“ für mich eine ganz tiefe Bedeutung: Ich habe zum Frieden gefunden.