Erziehung
An einem ganz normalen Vormittag im Lebensmittel-Supermarkt, und es ist ausnahmsweise nicht voll, an den Kassen bilden sich keine Schlangen. So habe ich einkaufen gern. Als mein Einkauf abgerechnet ist, gibt mir die Kassiererin mit fragendem Gesichtsausdruck zusammen mit der Rechnung drei Tütchen in die Hand. Richtig. Fußballeuropameisterschaft! Das sind die Sammel- Bildchen, die es schon in meiner Kindheit gab. Aber jetzt wäre das vielleicht etwas für meine Enkel? So ähnlich musste wohl die Kassiererin gedacht haben, und ich überlegte schnell, ob ich jemanden kenne, dem ich damit eine Freude machen könnte.
Da fällt mein Blick auf die nächste Kundin und den Jungen, der sie begleitet. Acht, neun Jahre wird er alt sein, und der könnte ein Sammler sein! Und tatsächlich: seine Augen glitzern, als ich mich ihm mit den Tütchen in der Hand zuwende. Vorsichtshalber nehme ich Augenkontakt auf mit der Mutter, die mir aber schnell bedeutet, dass ihr Junge die Fußballbilder nehmen darf. Drei kleine Tütchen - und ein Kind freut sich und strahlt über das ganze Gesicht! Und sein fröhliches, freudiges Gesicht in dem tristen Umfeld eines Supermarktes, dass tut richtig gut.
So. Jetzt zum Aufzug und mit dem Einkaufswagen zum Auto und dann geht's nachhause. Auf dem Parkdeck ist es trübe und zugig – kein Ort zum Verweilen. Aber ich werde überraschenderweise von hinten angesprochen: "Kann ich Ihnen helfen?" Der Junge, den ich gerade an der Kasse kennen gelernt habe, möchte nun mir einen Gefallen tun. Wunderbar! Das lasse ich mir sehr gern gefallen! Nein, es ist nicht mehr weit bis zum Auto, aber es tut so gut, Freundlichkeit zu erleben und anzunehmen. Mein junger Helfer wartet, bis ich meine Einkäufe im Auto verstaut habe, und dann fährt er auch noch den Einkaufswagen an seinen Parkplatz und vergisst nicht, das Eurostück bei mir abzuliefern.
Ob ich das Eurostück genommen habe? Na klar. Er wollte mir doch einen Gefallen tun - und das darf man nicht mit Geld bezahlen. Eigentlich schreibe ich mir solche schönen Erlebnisse immer auf. Aber diese Geschichte musste ich nicht aufschreiben. Sie hat sich in mein Herz gegraben, weil von dem kleinen Jungen so viel Freundlichkeit ausging.