hr2 ZUSPRUCH
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Lungershausen, Dr. Christine

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Eschborn

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Ein prähistorischer Mensch sitzt auf einem Felsen und bearbeitet einen Stein mit einem weiteren größeren Stein. Er hat einen muskulösen Oberkörper und trägt primitive Kleidung. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken im Hintergrund.

Womit beginnt die Zivilisation?

Woran erkennt man eigentlich, ob eine Gesellschaft zivilisiert ist? Für manche ist es die Serviette beim Essen oder ein einfaches „Danke“ an der Supermarkt-Kasse. Für andere ist es das Türaufhalten für den Nächsten. Wo fängt es an, unser zivilisiertes Miteinander?

Zeichen der Zivilisation: Serviette oder „Danke“?

Letztens habe ich eine überraschende Antwort darauf gehört. Da hieß es: Die Zivilisation beginnt mit einem Knochenbruch. Genauer gesagt: mit einem geheilten Knochenbruch. Das zeigt ein archäologischer Fund aus der Jungsteinzeit von einem Menschen: Sein Knochen war gebrochen und ist wieder geheilt. Ein Zeichen, das Menschen zivilisiert sind: Ein Tier kann mit einem gebrochenen Bein weder fliehen noch jagen. Es würde nicht überleben. Aber: Dieser Mensch mit dem geheilten Knochen hat überlebt. Weil andere sich um ihn gekümmert haben. Andere Menschen haben ihn versorgt mit Essen. Sie haben ihren Weg unterbrochen, sind bei ihm geblieben, haben ihn gepflegt. Und das, obwohl er für den Rest seiner Sippe während dieser Zeit wahrscheinlich eine Last war. Unsere Zivilisation beginnt damit, dass wir einander pflegen. Wir geben einander die Zeit, um gesund zu werden.

Brüchige Zivilisation: Müll, WhatsApp-Trennung, Krieg

Ich denke in letzter Zeit immer mehr über unsere Zivilisation nach. Denn sie erscheint mir brüchig – im Kleinen wie im Großen. Die Frau vor mir wirft beim Spazieren achtlos ihren Müll auf den Boden. Meine Freundin erzählt: Ihr Partner hat Schluss gemacht – per WhatsApp-Nachricht. Ein Land überfällt ein anderes und behauptet, die seien selber schuld. Das ist unrecht – und unzivilisiert. So will ich nicht leben. Ich spüre, wie wichtig mir unsere Zivilisation ist. In einer zivilisierten Gesellschaft fühle ich mich sicher: Wir teilen Werte. Es gelten Regeln. Und ich kann mich drauf verlassen, dass sie auch eingehalten werden.

Kleine Schritte: Freundlich bleiben, Nachsicht üben

Weil mir unsere Zivilisation so viel bedeutet, frage ich mich: Was kann ich dafür tun, dass wir zivilisiert zusammenleben? Natürlich: Ich kann nicht die Weltpolitik verändern. Aber kleine Schritte tun. Seit Jahren haben wir Ärger mit einem Nachbarn. Trotzdem bemühe ich mich, weiter freundlich zu bleiben. Und ich spüre: Auch von ihm kommt etwas zurück an Freundlichkeit. Und im Straßenverkehr – selbst wenn da ein Drängler hinter mir ist oder ich geschnitten werde: Ich nehme mir vor auszuatmen und auf andere Acht zu haben. Recht haben kann ich woanders. Erziehen muss ich die anderen auch nicht. Besser setze ich bei mir selbst an und übe mich in Nachsicht. All das könnte unsere Zivilisation stärken. Ich muss ja nicht gleich einen ganzen Knochen heilen.​
 
Quelle: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:8357a0db21e356e7/
Podcast „Der Rest ist Geschichte“, ein Deutschlandfunk-Podcast „Die Geschichte der Pflege. Wie Pflege zum Beruf wurde“, Erstausstrahlung 11.4.2024.