Aufstehen für Demokratie: Warum jede Stimme zählt
Heute Morgen: Frühstücken, in Ruhe noch eine Tasse Kaffee trinken und dann: Langsam alles zusammenpacken. Jacke an, Schuhe – und losspazieren. Zur Schule bei uns im Viertel. Da ist heute unser Wahllokal für die Kommunalwahl.
Kommunalwahl in Hessen: was wird heute entschieden?
Überall in Hessen sind die Wählerinnen und Wähler aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben – für den Landkreis, für die Gemeindevertretung, Stadtverordnetenversammlung, den Ortsbeirat. Und in manchen Orten auch für den Ausländerbeirat, für die Interessen der Menschen ohne deutschen Pass.
Warum dauert die Kommunalwahllänger?
Auch ich werde später in der Wahlkabine meine Kreuzchen setzen. Wahrscheinlich wird das diesmal länger dauern. Bei der Kommunalwahl kann man nämlich nicht nur einer Partei oder einem Direktkandidaten die Stimme geben, sondern die Stimmen verteilen auf einzelne Kandidatinnen und Kandidaten. Das ist unter Umständen mühsam, aber ich will gut überlegen: Wem traue ich zu, dass er oder sie meine Interessen vertritt – hier bei mir vor Ort.
Was Kommunalpolitik im Alltag verändert
Denn genau darum geht es ja bei der Kommunalwahl. Im Landkreis, in den Städten und Gemeinden wird über vieles entschieden, was meinen Alltag bestimmt: Welche Straße wird saniert? – Und kommt dann direkt ein Fahrradweg dazu? Bleibt das Schwimmbad offen oder fehlt dafür das Geld? Hier bei uns braucht es – wie fast überall - dringend mehr bezahlbaren Wohnraum – und mehr Leben in der Innenstadt. Ich wünsche mir, dass dazu gute Konzepte entstehen. Und ich gebe meine Stimme an die Menschen, denen ich das zutraue.
Wahlhelferin im Einsatz: Warum Mitmachen so wichtig ist
Nach der Wahl bleibe ich dann gleich da. Weil ich heute nicht nur selbst wähle – sondern auch mithelfe, dass die Wahl ordentlich durchgeführt wird. Ich bin Wahlhelferin. Schon zum zweiten Mal. Ich werde am Ende die Briefwahl-Stimmen auszählen – zusammen mit einem ganzen Team. Mit dabei ist auch Conni. Sie habe ich schon beim letzten Mal kennengelernt.
Wer ist Conni und was hat sie mit Demokratie erlebt?
Damals waren wir beide ein bisschen zu früh dran. Und aufgeregt. Für uns war es das erste Mal als Wahlhelferin. Der Wahlvorsteher hat zum Auszählen die verplombte Urne mitgebracht. Und dann ging es los. Er hat sie geöffnet. Die Briefe ausgekippt auf den Tisch. Ein riesen Berg. Und Conni hatte Tränen in den Augen.
Musik
Erinnerungen an die DDR: Wenn Wahlen nicht frei sind
Der Wahlvorstand, Conni, ich – und vor uns: Hunderte Briefwahlumschläge. Während wir die ersten ausgepackt haben, hat Conni ihre Geschichte erzählt: Sie ist in der DDR aufgewachsen. Mit 18 ist sie dort zum ersten Mal wählen gegangen. Aber die Wahl in der DDR war weder frei, noch gleich oder geheim. Es gab eine Einheitsliste, auf der alle Kandidaten von vorne herein festgelegt waren. Die meisten Leute haben deshalb den Wahlzettel mit der Liste einfach nur gefaltet und in die Urne geworfen. Wer die Wahlkabine benutzt hat - um da möglicherweise einen Namen zu streichen - der wurde beobachtet, vermerkt und musste mit Konsequenzen rechnen.[1]
Mut in der Diktatur
So war es auch bei Conni. Sie ist trotzdem in die Wahlkabine gegangen, weil sie dieses Abnicken nicht einfach so hinnehmen wollte. Wenige Tage später wurde sie festgenommen und verhört. Sie durfte nicht mehr weiterstudieren und auch sonst nicht richtig arbeiten, nur in Aushilfsjobs. Harte Jahre waren das.
Wendepunkt Mauerfall, Einheit und die ersten freien Wahlen
Aber dann: Mauerfall – Wende – Deutsche Einheit. Und zum ersten Mal: Gesamtdeutsche Wahlen. Geheim, gleich, frei. Conni strahlt, als sie davon erzählt. Sie sagt: „Das war phänomenal - ein richtiges Fest!“ Sie hat sich damals mit ihren Freunden getroffen, alle sind zusammen ins Wahllokal gegangen. Danach haben sie gefeiert - in der Kellerbar von ihrem Kumpel, mit Sekt und Thüringer Rostbratwurst. Sie sagt: Alle waren so hoffnungsvoll. Aber trotzdem war uns auch ein bisschen mulmig. Sie waren gezeichnet von der Diktatur und haben sich gefragt: Was wird jetzt kommen?
Nach der Wende: Vertrauen, Brüche und neue Herausforderungen
Es kamen die Neunziger. Die Treuhand. Viele, die ihre Arbeit verloren haben. Und die das Gefühl hatten: Wer ich bin, was ich kann, das zählt hier nicht mehr. Und wieder sind es andere, die bestimmen, was passiert – über die Köpfe hinweg. Conni sagt: „Wir haben probiert zu vertrauen. Vielen ist es gelungen. Manchen nicht – bis heute.“
Trotz allem brennen für die Demokratie
Ihr schon. Und ich staune darüber. Wie sie – bei allem was sie erlebt hat – so positiv bleibt und weiter so brennt für die Demokratie. Conni war natürlich nicht mit allem einverstanden, was die Politik gemacht hat. Ist sie immer noch nicht. Aber sie sagt: „Ich habe mich seitdem in jedem Moment frei gefühlt. Frei in meinem Handeln, meinem Denken, meinen Entscheidungen. Frei, das zu fühlen, was ich fühle. Und zu tun, was ich für richtig halte.“
Tun, was man für richtig hält
Tun, was man für richtig hält. Nicht nur meckern, sondern die Dinge angehen. Entscheidungen treffen. Das will auch mein Bekannter Aaron. Er kandidiert heute deshalb zum ersten Mal selbst für ein Amt.
Soziale Gerechtigkeit als Motivation
Ich habe ihn gefragt, wie es dazu gekommen ist. Er erzählt: Es gibt so viele Menschen, die ihre Miete kaum noch zahlen können. Die hier Schutz suchen und nicht wissen, wohin. Und dort, wo sie Hilfe bekommen sollten, wird immer mehr gestrichen. Aaron sagt: „Das ist doch ungerecht.“ Er hat sich immer öfter gedacht: „Ich sehe doch, was schiefläuft. Und wir könnten das verändern – konkret hier vor Ort. Also: Warum es nicht angehen?“
Konkrete Ziele vor Ort: Hilfsangebote stärken, Stadt sicherer machen
Aaron will deshalb Hilfsangebote stärken – vor allem für Wohnungslose oder Suchtkranke. Damit die unkompliziert Hilfe bekommen – am besten direkt dort, wo sie sich sowieso aufhalten. Das führt im besten Fall dazu, dass es nicht nur den Betroffenen besser geht, sondern allen. Weil so die ganze Stadt sicherer wird.
Was treibt Aaron als Christen an?
Sich einsetzen – vor allem für Menschen, die es selbst nicht können. Diese Haltung hat für Aaron nicht nur mit der Politik zu tun, sondern auch mit seinem Glauben. Er sagt: „Als Christ ist es mir wichtig, etwas dafür zu tun, dass es den Menschen um mich herum gut geht. Dass alle haben, was es braucht für ein gutes Leben.“
Gegeneinander oder Miteinander? Wie wir Politik gestalten wollen
Er macht eine kurze Pause. Räumt ein: „Das ist schwer. Die Herausforderungen sind riesig.“ Und er hat den Eindruck: Jeder zeigt auf andere, die angeblich daran schuld sind. Aber dieses Gegeneinander hilft ja nichts. Aaron sagt: „Besser ist es doch, wenn wir schauen, wie wir es miteinander gut machen können - für möglichst viele.“
Musik
Was Aaron sich für Gemeinde und Kirche wünscht
Miteinander – das ist Aaron wichtig. Nicht nur, wenn es um seine Kandidatur geht.
Das Wort fällt immer wieder: Miteinander. Auch, als er von seinem Glauben erzählt. Er sagt: Für sich allein sein, still werden, beten – das tut ihm manchmal gut. Aber viel mehr Spaß macht es ihm, wenn er mit anderen Christinnen und Christen zusammenkommt. Wenn sie zusammen singen und feiern. Wenn sie diskutieren. Oder wenn einer ein offenes Ohr hat für den, der es gerade braucht.
Ein Miteinander, das allen gut tut
Das wünscht er sich auch für unsere Gesellschaft, sagt er. „Ein Miteinander, das allen guttut. Und wo trotzdem jeder einzelne wichtig ist. Wo du Hilfe bekommst, wenn du sie brauchst. Und dann anderen helfen kannst, die dich brauchen.“
Eine Haltung fürs Zusammenleben und für den Wahltag
Hilfe bekommen, wenn du sie brauchst. Und selbst etwas tun, wo du kannst. Fürs Miteinander. Und für jeden einzelnen. Weil jeder einzelne wichtig ist. Ich finde: Das ist eine gute Haltung – fürs Zusammenleben, aber auch für den Wahltag heute.
Aufstehen für! – Kirchen rufen zum Wählen auf
Passend dazu haben die christlichen Kirchen in Hessen eine Initiative gestartet. „Aufstehen für!“, heißt sie.[2] Sie ruft dazu auf, wählen zu gehen. Und zwar so, dass jeder einzelne Mensch würdig leben kann. Dass die Demokratie stark bleibt und das Miteinander gelingt.
Mit Verantwortung ins Wahllokal
Das nehme ich heute mit ins Wahllokal – wenn ich später meine Kreuzchen setze.
Dann denke ich an Aaron und an das Miteinander. Ich denke daran, dass meine Stimme auch bedeutet: ich trage Verantwortung – für die Demokratie, für unser Zusammenleben und welche Werte dabei gelten.
Conni, Demokratie und das Gewicht jeder Stimme
Und ich denke an Conni. Daran, wie sie brennt für die Demokratie. Und für die Freiheit. Später treffen wir uns – zum Auszählen der Briefwahl. Conni hat schon gesagt: „Ich bin stolz wie ein Plätzchen, dass ich wieder dabei helfen darf. Ich trage die Stimmen der Wähler weiter – das hat Gewicht.“
Schlussbild: Auf ins Wahllokal – jede Stimme hat Gewicht
Stimmt, hat es. Jede einzelne Stimme. Für unseren Ort. Fürs Zusammenleben. Für unser Miteinander. Also: Kaffee austrinken, Jacke an – und dann: Losspazieren ins Wahllokal.
[1] www.aufarbeitung-berlin.de/themen/wahlen-in-der-ddr
[2] www.bistum-speyer.de/bistum/aufstehen-fuer/die-initiative/