hr2 ZUSPRUCH
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Eine Sendung von
Bianca Schamp,
Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg

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Eine junge Frau mit einer orangefarbenen Mütze sitzt auf einem Balkon, hält eine Tasse in der Hand und genießt eine Aussicht auf herbstliche Bäume. Vor ihr auf einem kleinen Tisch liegt ein Croissant neben einer Teekanne. Die Frau trägt einen gemütlichen Pullover und wirkt entspannt.

Wo das Leben dazwischen kommt

Es wird Herbst. Die Tage werden kürzer und grauer. Und ganz ehrlich: Ich freu mich auf darauf. Besonders an den Wochenenden. Verregnete Sonntage – die haben für mich was echt Befreiendes. Kein Druck, irgendetwas zu unternehmen. Keine innere Stimme, die beim Anblick des blauen Himmels drängelt: „Jetzt aber! Raus mit dir! Mach was aus diesem Tag! Mach was aus deinem Leben!“

Das Optimierungskarussell: Wenn der Regentag auch nicht frei lässt

Dieser Wunsch, das Bestmögliche rauszuholen, den kenne ich auch aus anderen Bereichen meines Lebens. Er ist nervig – und hartnäckig. Auch an einem Regentag. Denn kaum hat sich die Erleichterung übers Drinbleiben-Dürfen eingestellt, kommt die innere Stimme eben mit einer anderen Idee um die Ecke: „Heute wäre doch der ideale Tag, um endlich das Arbeitszimmer aufzuräumen. Oder den Kleiderschrank. Oder das Buch zu lesen, das schon so lange oben auf dem Stapel liegt.“

Und schon bin ich wieder mittendrin im Optimierungskarussell. Und die Gedanken kreisen. Ich könnte dieses tun. Oder jenes. Und kaum habe ich mich für eine Sache entschieden, wird die andere verlockend riesengroß. 

Das Bestmögliche verhindert das Gute

Das Verrückte daran ist: Dieser Wunsch, das Bestmögliche zu tun, verhindert manchmal genau das. Dass ich mich wirklich auf etwas einlasse. Und es dann auch als gut, ja vielleicht sogar als das Bestmögliche empfinde. 

Dabei passiert das Leben doch genau in den Momenten, die nicht perfekt, aber wahrhaftig sind. In denen ich ganz da bin, wo ich bin – meist, ohne dass ich es vorher geplant habe. 

„Aber dann kam etwas dazwischen“: Geschichten vom Jetzt

Als Seelsorgerin höre ich oft solche Sätze: „Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Aber dann kam etwas dazwischen.“ „Wir hatten einen Plan, aber dann ist etwas passiert, womit wir nicht gerechnet hätten …“ Ich mag solche Geschichten. Geschichten vom „Jetzt“. Das sich einfach in unser Leben drängelt.

Stilles Glück: Nachmittagsserie mit der Mutter im Pflegeheim

Wie bei der Frau, die fast jeden Tag ins Heim zu ihrer Mutter fährt. Schon lange können sie nicht mehr miteinander reden. Aber die kleinen gemeinsamen Unternehmungen, die bleiben: ein Ausflug mit dem Rollstuhl in den Park oder ein Stück vom Lieblingskuchen – jetzt mit dem Löffel gefüttert. Dann erzählt mir die Frau: „Immer häufiger kommt es vor, dass wir einfach stumm nebeneinander sitzen und gemeinsam eine Nachmittagsserie im Fernsehen schauen.“ Sie sagt: „Es ist verrückt, aber manchmal empfinde ich trotz der Schwere in diesen Momenten eine Art stilles Glück. Ich hab das Gefühl: hier bin ich richtig und genau hier soll ich jetzt sein.“ 

„Alles hat seine Zeit“: Nicht alles gleichzeitig

In der Bibel steht der berühmte Satz: „Alles hat seine Zeit.“ (Kohelet 3,1) Auf den ersten Blick ziemlich banal. Aber auf den zweiten auch echt herausfordernd: Denn wenn alles seine Zeit hat, dann heißt das auch: Nicht alles ist jederzeit dran. Und vor allem: nicht alles gleichzeitig.

Ich habe alle Zeit: Sich einlassen im Herbst

Ich möchte das üben, jetzt im Herbst: mich einlassen auf das, was ich gerade tue – geplant oder ungeplant –, mit ganzem Herzen. Und nicht immer prüfen, ob es auch das Bestmögliche ist. Ich glaube, dann passiert fast von selbst, was der Satz in der Bibel sagt. Ich spüre: Alles hat seine Zeit. Und: ich habe alle Zeit. Beim Seriegucken mit der Mutter im Pflegeheim – oder an einem verregneten Sonntag auf dem Sofa.