Weiter Raum zum Leben
Gott befreit. Das ist die Grunderfahrung des jüdischen Glaubens, und der christliche Glaube beruft sich darauf: Gott hat die Israeliten aus der Sklaverei aus Ägypten geführt und befreit. Diese Erfahrung kleidet ein biblisches Gebet in das Bild: „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Psalm 31,9
Glaube und Befreiung: Warum Religion frei machen soll
Wenn Religion nicht befreit, stimmt etwas nicht. Wenn Glaube einengt, klein macht, unten hält oder Hierarchien rechtfertigt, ist etwas faul. Gott macht frei. Wer Angst hat oder Panik, bekommt zu wenig Luft, atmet zu oberflächlich. Angst kommt von Enge. Gott holt aus der Enge und aus der Angst.
Weiter Raum als Bild für Freiheit und Leben
Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum. Weiter Raum kann so vieles sein. Weiter Raum heißt: Ich kann gehen, wohin ich will. Ich habe einen eigenen Raum mit genug Platz. Und Gott schenkt nicht einfach weiten Raum, sondern stellt des Beters Füße auf weiten Raum. Füße im weiten Raum heißt: Bleib in Bewegung, körperlich und geistig! Weite Räume wollen entdeckt werden.
Zwischen Weite und Verantwortung: Grenzen der Freiheit
Andererseits hat das auch Grenzen. Es ist faszinierend, den Weltraum zu erkunden. Wenn es allerdings dazu führt, dass man sich um unsere Erde nicht richtig kümmert, geht es schief.
Orientierung zwischen Enge und Weite im Glauben
Zu viel Enge bedrängt. Zu viel Weite kann aber auch bedeuten, dass man sich orientierungslos und verloren fühlt. Gott will vor dem einen wie vor dem anderen bewahren. Und Gott geht es nicht nur um physische Räume. Die Bibel ist durchzogen von Geschichten, in denen Gott für herrschaftsfreie Räume sorgt. Also für Zonen, in denen Menschen vor Willkür geschützt sind. Gesellschaften ohne Unterdrückung.
Jürgen Moltmann und die Theologie der Hoffnung
In diesem Jahr wäre der evangelische Theologe Jürgen Moltmann 100 Jahre alt geworden. Seine „Theologie der Hoffnung“ prägte Befreiungsbewegungen rund um den Globus. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ war Moltmanns Lieblingswort. Als 17-Jähriger im Zweiten Weltkrieg hat er den Hamburger Feuersturm 1943 knapp überlebt. Mit Kriegsende kam er in englische Gefangenschaft.
Befreiungserfahrung und Glaube im Leben Moltmanns
Als er in schwere Depression verfiel, fing er an, in der Bibel zu lesen, und erlebte Gott als befreiend, als einen, der Hoffnung schenkt. Für Moltmann hat diese Befreiungserfahrung sein ganzes Leben geprägt. Er hat sie theologisch durchdacht und seine Theologie der Hoffnung entwickelt. Weltzugewandt, kritisch und politisch.
Der weite Raum als Hoffnung über das Leben hinaus
Der weite Raum war für Jürgen Moltmann ein Bild für das, was man meist als Himmel beschreibt. Die Erfahrung des weiten Raums jetzt und hier ist ein Muster dafür, was wir im Tod und danach erleben werden. Jürgen Moltmann brachte das mit einem weiteren Bibelvers auf den Punkt, er stammt aus dem Buch Hiob: „So reißt er auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben.“ Hiob 36,16