Unerwarteter Besuch
Es klingelt. Und ich denke, ach nee. Dazu habe ich jetzt keine Lust. Vielleicht der Paketbote. Vielleicht jemand, der mich besuchen will. Unangemeldet. Das habe ich ja schon lange nicht mehr erlebt. Und genau das nervt mich. Man nennt das „Klingelangst“. Wenn es bei mir klingelt, stört es mich. Mein Tag ist getaktet, Termine stehen an, selbst die Pausen sind irgendwie verplant. Kleinigkeiten zuhause brauchen auch Zeit.
Leben nach dem Kalender: Wenn jede Unterbrechung zu viel wird
Der Kalender entscheidet, ob etwas „geht“. Und dann kommt da jemand einfach so dazwischen. Besuch ist nicht mehr automatisch schön. Eher eine Unterbrechung. Dass jemand mich sehen will und wenn auch nur kurz, ist etwas, worum ich nicht gebeten habe. Ich sitze zuhause und bin eigentlich sauer, dass es schellt. Besuch ist kein Geschenk, sondern eine Störung.
Warum wir selbst nicht mehr unangemeldet klingeln – und was dadurch verloren geht
Und die andere Seite gibt es ja auch: Ich selbst klingele nirgends mehr unangemeldet. Ich bin unterwegs, weiß: Zwei Straßen weiter wohnen Freunde. Früher wäre ich einfach vorbeigegangen. Heute denke ich: Lieber nicht. Wer weiß, ob es passt. So verschwindet das langsam: dieses spontane Vorbeischauen. Eigentlich schade! Dabei erinnere ich mich gut daran, wie es auch sein kann. „Ach, du, das ist ja eine Überraschung! Komm rein.“ Da war es egal, was ich gerade erledigt habe oder noch vorhatte. Dann saß man da. Kaffee, vielleicht ein paar Kekse. Und eine einfache Frage: Wie geht es dir? Mehr brauchte es nicht.
Spontane Begegnungen: Was wir als Kinder konnten
Als Kinder haben wir bei Freunden geklingelt, ohne uns darüber viele Gedanken zu machen. Ohne Verabredung. Manchmal wurden wir weggeschickt. Und manchmal sind wir geblieben bis zum Abendessen. Es geht mir nicht um früher. Es geht darum, dass Nähe und Begegnung verloren gehen. Wir brauchen das, brauchen Leute, um unsere sozialen Batterien aufzuladen. Einfach vorbeischneien und kurz reinschauen. Dieses unkomplizierte „Ich wollte dich mal sehen“. Ich spüre, wie ich das verlernt habe.
Gegen die Klingelangst: Nähe wieder einüben
Es hat nochmal geklingelt. Wie ist das jetzt mit meiner Klingelangst? Gehe ich an die Tür? Natürlich die Schrecksekunde: Was versäume ich jetzt, wenn es Besuch ist? Egal, ich muss das wieder üben. Gegen die Klingelangst. Wie man einen Muskel trainiert. Jetzt einfach die Tür aufmachen. Und dann auch mal selbst klingeln. Das Risiko eingehen, dass es nicht passt. Und die Möglichkeit zulassen, dass etwas Gutes daraus wird.
Begegnung ohne Termin: Was wir von Jesus lernen können
Übrigens: Jesus hat das ständig gemacht. Einfach vorbeigegangen, Menschen angesprochen, ist eingekehrt. Ohne Termin. Und genau das ist Begegnung.