Schule des Hörens
Subiaco. Kaum ein Ort auf meinen Reisen hat mich bisher so beeindruckt wie dieser. Etwa 70 Kilometer östlich von Rom in den Abruzzen gelegen, führen enge Serpentinen den Berg hinauf. Dann ein kleiner Parkplatz und wir betreten durch eine kleine Tür einen etwa 30 m langen Säulengang direkt an den Felsen gebaut. Noch eine kleine Tür und plötzlich öffnet sich ein Raum, übersät mit uralten Fresken. Wir gehen weiter, Treppen hinab, ein Kirchenraum, noch mehr Fresken und glatte Steine, die davon erzählen, dass hier seit Jahrhunderten unzählige Menschen den Felsen berührt haben.
Subiaco: Ein verborgenes Kloster in den Bergen Italiens
Auf einmal stehe ich in einer kleinen Grotte. Sacro Speco – heilige Grotte heißt sie. Hier hat vor über 1500 Jahren der Heilige Benedikt von Nusia gelebt, drei Jahre lang - unerkannt. Sein Leben war in dieser Zeit ganz dem Gebet gewidmet.
Auf den Spuren des heiligen Benedikt
Benedikt gilt als Vater des abendländischen Mönchtums. Jedes Jahr am 11. Juli feiern wir seinen Gedenktag. Aus seiner Feder stammt die berühmte Benediktsregel, die klösterliches Leben bis heute prägt: „Ora et labora et lege“ – „Bete und arbeite und lese“. Benedikt weist die an, ein ausgewogenes Maß zwischen Arbeit, Gebet und geistlicher Lesung zu suchen.
„Ora et labora et lege“ – ein zeitloser Lebensrhythmus
Kein schlechter Tipp – nicht nur für Mönche, auch für uns heute. Benedikt wurde 1964 von Papst Paul VI. zum Patron Europas ernannt, weil er ein geistliches, kulturelles und soziales Fundament gelegt hat, das Europa über Jahrhunderte geprägt hat. Und vielleicht täte es uns gut, uns daran wieder zu erinnern. Im Prolog seiner Regel schreibt Benedikt: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens.“
Hören lernen: Eine vergessene Fähigkeit
Höre! Wie oft vergessen wir das: wirklich hinzuhören, was der andere sagt. Das heißt: den anderen ausreden lassen, wirklich zuhören – statt innerlich schon die Antwort zu formulieren. Und dieser zweite Satz: „Neige das Ohr deines Herzens!“ Das heißt: Nimm nicht nur Informationen auf, sondern lass dich innerlich berühren. Sei offen dafür, dass das, was du hörts, dich auch verändern kann. Wer mit ganzem Herzen hört, kann Vorurteile überwinden und echtes Verständnis entwickeln. Und dann wird es möglich, im Gespräch zu bleiben – auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Und dann wird es möglich, dass man auch das hört, was verbindet, und nicht nur das, was trennt.
Zuhören statt urteilen: Ein Schlüssel für unser Miteinander
Benedict hat das selbst gelebt. Dort, in der Felsengrotte von Subiaco: Echtes Hören braucht Stille. Und den Mut, die eigenen Stimmen auch mal schweigen zu lassen. Es braucht die Bereitschaft, sich zu lösen – von festen Meinungen, von vorschnellen Urteilen. Vielleicht beginnt genau dort Veränderung. Ich habe das in Subiaco gelernt - und ich wünsche es mir für mein Leben, für unser Miteinander und für Europa.