hr2 ZUSPRUCH
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Krebs, Stephan

Eine Sendung von
Stephan Krebs,
Evangelischer Pfarrer, Langen

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Eine Katze mit grünem Auge schaut neugierig auf einen jungen Vogel, der auf einem Ast sitzt. Der Vogel ist braun und gefleckt, während die Katze ein gestreiftes Fell hat. Die Szenerie vermittelt eine Spannung zwischen den beiden Tieren.

Schöpfung – schön und grausam

Derzeit strotzt die Natur nur so vor Lebenskraft. Aber sie ist auch hart. Das werde ich gleich erleben – bei meinem Spaziergang. Erst einmal bleibe ich unter einer Buche stehen. Ich schaue nach oben in die Krone.

Staunen über die Schöpfung: Was macht die Natur so schön?

Durch das dichte Blätterwerk scheint die Sonne. Die noch jungen Blätter leuchten hellgrün, die Blattadern treten als dunkle Linien hervor – wie die Skizze eines Künstlers. Wunderschön. Halblaut sage ich vor mich hin: „Mein Gott, ist das schön!" Warum habe ich da jetzt Gott ins Spiel gebracht? Darüber denke ich noch etwas nach. Man könnte ja auch einfach denken: „So ist sie eben, die Natur im Frühsommer – Sonne, Photosynthese, Wachstum.“

Was steckt hinter Schönheit und Wachstum?

Aber das wäre mir zu wenig. Denn darin steckt noch mehr: zum einen die unbändige Kraft der Natur, die immer wieder neu anfängt. Und zum anderen ihre Schönheit mit all den Farben und Formen. Beides steht für mich in direkter Verbindung zu Gott. Für mich gehört das einfach zusammen: Gott, die Lebenskraft und die Schönheit.

Plötzlicher Bruch

Mein Gedankenflug wird jäh unterbrochen. Von einer Katze. Sie schleicht um den Baum herum, den Blick dabei fest auf einen Vogel gerichtet. Es ist ein Jungvogel bei seinen ersten Flugversuchen. Gerade ist er erschöpft auf dem Boden gelandet. Etwas unbeholfen flattert er mit den Flügeln und will wieder hochfliegen. Doch die Katze kommt ihm zuvor. Mit der Pfote versetzt sie ihm einen Schlag.

Mit der Grausamkeit in der Natur umgehen

Der Vogel bewegt sich benommen auf der Stelle. Noch zweimal wirft ihn die Katze durch die Luft. Dann regt sich der kleine Vogel nicht mehr. Die Katze schnuppert nur kurz an ihm. Dann zieht sie weiter. Nach einer Weile bewegt sich der Vogel doch noch einmal. Ob er überleben kann? Das wird sich zeigen.

Was macht dieses Erlebnis mit mir?

Ich bin erschrocken. Eben noch habe ich über die Schönheit der Natur gestaunt und sie als Gottes großartige Schöpfung gelobt. Nun werde ich Zeuge eines kleinen Überlebenskampfes. Der Jungvogel diente der Katze offenbar nicht einmal als Nahrung, sondern nur als Trainingsobjekt.

Schmerz und Glaube

„Oh Gott!" entfährt es mir – diesmal allerdings schmerzlich. Gottes Schöpfung ist nicht nur schön. Sie ist auch grausam. Auch das ist offenbar ein Teil ihrer Großartigkeit. Denn: Wenn die Schöpfung von Gott stammt, dann sagt sie auch etwas über Gott aus. Dann gehört diese Grausamkeit mit dazu. Mir tut das weh. Ich verstehe nicht, warum ein Vogel sterben muss, weil eine Katze trainieren möchte.

Offene Fragen: Muss das alles so sein?

Ich verstehe nicht, warum das einzelne Leben in der Natur oft so wenig gilt. Muss das so sein? Das gehört zum Geheimnis Gottes. Ich versuche es anzunehmen, wie es ist – so schwer mir das fällt. Beide Male ist mir Gott herausgerutscht – einmal vor Staunen, einmal vor Schmerz. Vielleicht ist das ehrlicher als jedes durchdachte Gebet. Gott betrifft beides: Freude und Protest.

Blick nach oben

Mein Blick wandert wieder nach oben in die Blätter der Buche. Sind sie noch genauso schön wie vorher? Eigentlich schon. Die Schönheit bleibt, aller Härte der Natur zum Trotz.