hr2 ZUSPRUCH
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Wiesheu, Annette

Eine Sendung von
Annette Wiesheu,
Katholische Studienleiterin an der Akademie des Bistums Mainz in Darmstadt

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Eine beeindruckende mittelalterliche Abtei steht auf einem Hügel, umgeben von Wasser und einer weiten Landschaft. Die Architektur ist detailliert, mit Türmen und Mauern, die die Geschichte widerspiegeln. Ein Weg führt zu der Abtei, die bei Flut teilweise von Wasser umgeben ist.

Saint Wandrille

Während meines Sommerurlaubs in der Normandie habe ich das Benediktiner-Kloster Saint Wandrille besucht. Das Kloster liegt idyllisch in einem Tal, nicht weit vom Ufer der Seine. Es ist eines der ältesten Klöster Frankreichs: Vor über 1300 Jahren wurde es gegründet, im Jahr 649, und auch heute lebt dort eine Gemeinschaft von Benediktinermönchen. 

Sie dienten im 19. Jahrhundert als Fabrik

Es gibt sicher schönere und kunstgeschichtlich bedeutendere Klöster, es ist keine einheitliche Anlage, die Gebäude sind eher bunt zusammengewürfelt. Mich hat dieses Durcheinander der Baustile neugierig gemacht auf die Geschichte des Klosters. Und die ist wirklich sehr bewegt: Mehrmals wurde Saint Wandrille zerstört. Das erste Mal etwa 200 Jahre nach seiner Gründung. Die Normannen überfielen damals das Kloster und vertrieben seine Bewohner. Und ähnlich war es in den französischen Religionskriegen im 16. Jahrhundert, auch da wurde das Kloster geplündert. Schließlich, nochmals 200 Jahre später, in der Französischen Revolution wurde Saint Wandrille komplett aufgelöst und verkauft. Im 19. Jahrhundert dienten die Klostergebäude als Fabrik, die alte Kirche aus dem Mittelalter wurde als Steinbruch genutzt. Heute ist sie eine Ruine. 

Es folgte eine neue Blütezeit

Aber nach allen Rückschlägen gab es immer wieder Neuanfänge: Hundert Jahre nach der Plünderung durch die Normannen kehrten Mönche zurück, eine neue Blütezeit folgte. Nach den Religionskriegen schlossen sich die Mönche einer Reformbewegung der Benediktiner an, Saint Wandrille wurde zu einem Zentrum theologischer Studien. Und nachdem das Kloster nach der Französischen Revolution über hundert Jahre lang völlig anders genutzt worden war, kehrten im Jahr 1931 endgültig wieder Mönche zurück. Sie restaurierten die Klostergebäude und bauten später eine alte Scheune zur neuen Abteikirche um. 

Besucher sind hier willkommen

Heute leben in Saint Wandrille etwa 30 Mönche, sie unterhalten unter anderem eine Brauerei, stellen Kerzen her, in einem Laden verkaufen sie ihre Produkte. Besucher sind willkommen, die Mönche führen sie durch die Gebäude, laden ein zum gemeinsamen Gebet. Ein Anbau an die alte Klosteranlage ist in Planung. 

Bei meinem Besuch habe ich es gespürt

Saint Wandrille und seine Geschichte – für mich hatte der Besuch dort etwas Ermutigendes. So viele Kirchen sind heute leer sind, müssen aufgegeben werden, zahlreiche Klöster schließen. Die Geschichte von Saint Wandrille zeigt: Es ging doch immer wieder weiter. Immer wieder haben sich Menschen gefunden, die sich auf das besondere Leben im Kloster eingelassen haben. Bei meinem Besuch habe ich gespürt: Nach so langer Zeit, nach so vielen Höhen und Tiefen: Heute ist dieses Kloster immer noch, ist es wieder ein lebendiger Ort des Gebets und des Glaubens.