hr2 MORGENFEIER
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Ein lächelnder Mann mittleren Alters mit Brille, der einen hellgrauen Anzug und ein hellblaues Hemd trägt. Der Hintergrund ist grau. Der Mann schaut freundlich in die Kamera.

Eine Sendung von
Peter-Felix Ruelius,
Katholischer Referent im Pädagogischen Zentrum der Bistümer im Land Hessen, Schlangenbad-Georgenborn

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Die Kathedrale Notre-Dame in Paris wird von der Morgensonne beleuchtet. Ihre gotische Architektur zeigt hohe Türme und ein großes Rosenfenster. Vor der Kathedrale befinden sich Bäume und Grünflächen, die zur Atmosphäre des historischen Gebäudes beitragen.

Ein Te Deum für Notre-Dame

Wenn es groß wird im Leben und schön, dann brauche ich Worte für meine Freude, Worte für die Dankbarkeit. Und am liebsten sollen es alle mitbekommen. Auch im christlichen Gottesdienst gibt es Worte und Lieder für solche großen Emotionen. Das Te Deum, benannt nach den Anfangsworten des liturgischen Textes, ist seit Jahrhunderten das große Lied der Dankbarkeit und Freude. Dich, Gott, loben wir. Te Deum laudamus.

Wenn es groß wird im Leben

In früheren Zeiten stimmte man das Te Deum an, wenn ein Krieg endete, oder wenn eine andere große Bedrohung überwunden war. Te Deum laudamus. Auf deutsch: Großer Gott, wir loben dich. Dazu alle Register der Orgel und Glockenläuten mit aller Kraft. So dass einem das Herz aufgeht. Ein neues und modernes Te Deum finde ich gerade besonders stark, es ist erst vor einem Jahr zum ersten Mal erklungen: das Te Deum für Notre-Dame in Paris.

Musik 1: Te Deum pour Notre-Dame „Nuit de Feu“

Wer erinnert sich nicht an die erschütternden Bilder? Im Frühjahr 2019 brannte die Kathedrale Notre-Dame. Mich hat das unglaublich traurig gemacht. Aber dann: nach wenigen Jahren war klar: Die Kathedrale kann wieder eröffnet werden. Und sie soll so schön werden wie noch nie zuvor. Der Komponist und Organist Thierry Escaich erhielt nun den Auftrag, ein Te Deum für Notre-Dame zu komponieren. Der Erzbischof von Paris hat ihm vorgeschlagen: Stellen Sie das Werk doch in einen größeren Kontext und beziehen Sie die Geschichte dieser Kathedrale mit ein. Zu der Geschichte gehören natürlich die schönen Momente, aber auch die Erinnerung an die Katastrophe des großen Brandes. Und so entstand eines der bedeutendsten Stücke geistlicher Musik der letzten Jahre. Seine Uraufführung vor einem Jahr muss ein beeindruckendes Erlebnis gewesen sein. Neben Thierry Escaich an der Orgel, dem Chor der Maîtrise Notre-Dame und dem Chor des Nationalen Musikforums Breslau war das hr-Sinfonieorchester eine tragende Säule der Aufführung. Sein Dirigent, Alain Altinoglu, hatte auch die musikalische Leitung. Inzwischen wurde die Aufnahme dieser Uraufführung auch auf CD veröffentlicht.

In dieser Morgenfeier möchte ich eine spirituelle Reise unternehmen. Die Musik ist manchmal sperrig und anspruchsvoll, sie fordert mich auch emotional heraus – aber ich erlebe: Mit jedem Anhören zieht mich diese Musik immer mehr in den Bann. Mir kommt es vor, als würde diese Musik den unglaublich schönen Raum der Kathedrale in die Welt der Klänge übersetzen. 

Musik 2: Te Deum pour Notre-Dame „Nuit de Feu“

Spiel mit dem Feuer

Ein erstes Motiv auf meinem spirituellen Weg ist das Feuer: Das Te Deum für Notre-Dame spielt mit dem Feuer. Im wörtlichen Sinn. Denn dieses Te Deum, das große Lob Gottes für die Pariser Kathedrale, geht einen anderen Weg als viele andere Vertonungen. Es ruft ganz bewusst und schmerzhaft die Erinnerung wach an den Tag vor mittlerweile mehr als sieben Jahren, als es brannte in Notre-Dame in Paris. Der überlieferte Text des Te Deum wird ergänzt durch Dichtungen, die eigens für das Werk geschrieben wurden.

„Nuit de Feu“ heißt der erste Teil des Te Deum. Es ist die Nacht des Feuers, das uns überrennt, überwältigt. Diese Nacht hat sich eingebrannt in die Erinnerung. „In dieser Nacht irren wir umher und werden vom Feuer verzehrt.“ So zitiert das Te Deum einen uralten lateinischen Vers. So ist dieser erste Teil auch ein Ruf nach dem Erbarmen Gottes in der Not des Feuers.

Von Anfang an zieht sich eine Feuerspur durch die Kulturen der Welt

Vom Anfang der Welt bis zum Ende zieht sich, wenn man so will, eine Feuerspur durch die Kulturen der Welt und ebenso durch die Bibel. „Aus dem Feuer ist alles geworden“, sagt der griechische Philosoph Heraklit. Im brennenden Dornbusch offenbart sich Gott und sagt zu Mose: Ich befreie euch, mein Volk, aus der Sklaverei in Ägypten. Ich führe euch in die Freiheit (vgl. Exodus 3).

Und dann taucht Jahrhunderte später das Wort Jesu auf: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen.“ (Lukas-Evangelium 12,49). Schwer verständlich war mir dieses Jesus-Wort schon immer – und in der Erinnerung an die Katastrophe von Notre-Dame, angesichts von Brandkatastrophen der Natur oder mit dem Blick auf brennende Städte und Dörfer in den Kriegen dieser Welt ist es mir noch schwerer verständlich. Als sollte ich die Liebe Gottes noch zwischen den Rauchwolken erkennen. 

Feuer, das reinigen will

Wenn man es richtig deuten will, dann muss etwas von dem uralten Verständnis des Feuers anklingen, das reinigen will, das aber vor allem Liebe ist. Ein Feuer, das sich dann nach biblischer Überlieferung am Pfingstfest wie Zungen auf den Menschen verteilt hat, die erleuchtet und entzündet waren von der Liebe Gottes, die sie in der Gemeinschaft mit Jesus erfahren und erlebt hatten (vgl. Apostelgeschichte 2).

Und dann fallen mir noch so viele andere positiv besetzte Bilder ein, die mit dem Feuer zu tun haben. Da ist die leuchtende Säule aus Feuer, die in der Osternacht heraufgerufen wird als das Zeichen Gottes, mit dem das Volk Israel sicher durch das Meer gelangen konnte. Und an Weihnachten zünden wir Lichter an, viele Kerzen brennen, um die sanfte Ankunft der Liebe Gottes mitten in der Welt zu feiern. 

Und dann: Franziskus von Assisi und sein Sonnengesang, der diese berührenden Zeilen enthält „Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Feuer, durch den du die Nacht erhellst. Und schön ist er und fröhlich und kraftvoll und stark.“

Feuer kann zerstören, aber auch wärmen und erleuchten

So ist das Feuer immer gewesen: Wärmend, erleuchtend – aber auch zerstörend und vernichtend. Und so taucht es auch in diesem Te Deum für Notre-Dame auf. Das hat schon einen guten Grund: Wenn die Not überstanden wurde, in der Rettung nach großer Gefahr, in der Heilung von einer Krankheit, ist es gut, die Erinnerung nicht auszulöschen. Der Schmerz der Vergangenheit, die Narben, die überwundene Angst und der ausgestandene Schrecken: Sie sind aufgehoben in der Rettung, der Heilung, der Hoffnung. Das Lob Gottes, wie es hier erklingt, enthält all diese Klänge, diese Farben des menschlichen Lebens. So wird es ganz.

Musik 3: Te Deum pour Notre-Dame, Verset improvisé

Was bleibt unversehrt?

Und dann möchte ich noch die Geschichte erzählen, die im Buch Daniel der Bibel steht. Auch sie hat mit dem Feuer zu tun, aber auch mit einer ganz denkwürdigen Rettung. Und sie nimmt einen großen Raum ein in dem Te Deum für Notre-Dame.

Sie spielt am Hof des Königs Nebukadnezzar. Drei junge Männer verweigern sich dem Befehl, das Standbild anzubeten, das Nebukadnezzar von sich hat anfertigen lassen. Sechzig Ellen hoch, also etwa 25 bis 30 Meter. Vergoldet. Jeder, der es nicht anbetet, soll ins Feuer geworfen werden. Die Bibel schildert das drastisch. Die drei Männer kennen ihre Strafe und bleiben standhaft. Sie werden gefesselt und in einen glühenden Ofen geworfen. Doch anstatt zu verbrennen, so schreibt die Bibel, gehen sie im Feuer umher und singen ein Loblied auf Gott, eines der großen Loblieder des Alten Testaments.

Statt zu verbrennen, singen sie ein Loblied im Feuer

„Gepriesen bist du, Herr, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit “ (Daniel 3, 52). „Preist den Herrn, all ihr Werke des Herrn – lobt und rühmt ihn in Ewigkeit.“ (Daniel 3,57

„Preist den Herrn, ihr Himmel; preist den Herrn Sonne und Mond, preist den Herrn, ihr Sterne, preist den Herrn, aller Regen und Tau, preist den Herrn, ihr Winde, preist den Herrn ihr Nächte und Tage, preist den Herrn Licht und Dunkel, preist den Herrn, ihr Berge und Hügel, ihr Quellen, ihr Tiere des Meeres, ihr Vögel am Himmel, all ihr Tiere, wilde und zahme, preist den Herrn, ihr Menschen, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit.“ (Daniel 3,58-82 gekürzt)

Es ist, als soll die ganze Welt ein einziger Lobgesang werden. 

Dieses alttestamentliche Loblied wird in dem Te Deum für Notre-Dame von Thierry Escaich ausführlich zitiert. Ich finde das einigermaßen naheliegend. Denn aus dem Feuer heraus kommt der Lobgesang. Unversehrt bleiben die drei jungen Männer in ihrem Glauben. Das Feuer kann ihnen nichts anhaben.

Ich möchte einen Gedanken zu diesem großen Loblied legen: Die Bibel geht davon aus, dass die Dinge nicht einfach nur da sind. Die Erde, die Berge, der Wind und die Sonne, der Regen und der Schnee – alles hat einen Platz in der Bewegung zu Gott hin, in der Bewegung des großen Gotteslobs. Was für eine schöne Idee – die ganze Schöpfung soll zusammenklingen im großen Lobpreis. 

Braucht Gott eigentlich unser Lob, unsere Anbetung?

Eine Frage bleibt für mich aber noch, über die denke ich immer wieder einmal nach, und bei dem großen Text des Te Deum ganz besonders: Braucht Gott eigentlich das Lob, braucht er die Anbetung der Menschen, braucht er ihren Jubel? Gott ist doch auch ohne unser Lob vollkommen. Nichts fehlt ihm. 

Der Gedanke, dass Gott die Welt erschafft, damit es das Lob Gottes und die Freude gibt, ist vielleicht etwas kühn. Aber man darf das denken: Der Kosmos wäre ohne diese Bewegung zu Gott hin nicht vollständig, Es würde etwas fehlen in der Welt. Und man darf vielleicht dann auch sagen: Auch Gott würde etwas fehlen, wenn es die Freude über ihn in der Welt nicht gäbe.

Musik 4: Te Deum pour Notre-Dame, Anges de Lumières

Die Schatten der Geschichte

„Herr, rette dein Volk und segne dein Erbe“, heißt es im Te Deum. 

Die Schriftstellerin Nathalie Nabert hat einen Text zur Komposition dieses Te Deum von Thierry Escaich beigetragen, in ihm wird mit einem weiten Horizont die Geschichte von Notre-Dame nachgezeichnet. Die Schatten der Geschichte, die vielen Bilder, die unter dem Blick der Gottesmutter Maria die Kathedrale Notre-Dame erfüllt haben, werden auf einmal alle lebendig. Die großen, lichtvollen ebenso wie die finsteren und tragischen. 

So taucht König Ludwig IX. auf, wie er einst die Reliquie der Dornenkrone Christi nach Notre-Dame brachte, im Büßergewand und barfuß, weil er neben aller Macht auch ahnte: Der leidende und mit Dornen gekrönte Jesus Christus ist größer als die gekrönten Häupter dieser Welt. Und die tragische Epoche taucht auf, als 1793 die Kathedrale Notre-Dame von der Revolution geplündert und verwüstet und am Ende eine „Göttin Vernunft“ hier inthronisiert wurde. 

Zwei wichtige Ereignisse machten Notre Dame wieder “lebendig”

Und auch das ist nicht vergessen: Die Kirche verfiel und erst ein Roman weckte sie schließlich aus dem Dornröschenschlaf. 1831 veröffentlichte Victor Hugo seinen Roman über Notre-Dame, im Mittelpunkt das ungleiche Paar des Glöckners Quasimodo und der Tänzerin Esmeralda. Tatsächlich war das ein entscheidender Anstoß, damit man mit der Restaurierung der Kirche begann. 

Und noch ein anderer Moment wird lebendig – und damit wieder ein neues Gesicht der Kirche. Der selige Fréderic Ozanam hat 1833 die „Konferenzen von Notre-Dame“ initiiert, eine Bewegung, um den Glauben in Frankreich wieder zu verlebendigen - gleichzeitig steht er am Ursprung der Vinzenz-Konferenzen oder Vinzenz-Gemeinschaften, benannt nach dem heiligen Vinzenz von Paul, dem Apostel der Armen. Die Vinzenz-Gemeinschaften hatten im 19. Jahrhundert vor allem im Blick, dass die Kirche immer eine Kirche der Caritas, der Nächstenliebe, sein muss. Heute ist diese caritative Bewegung der Vinzenz-Gemeinschaften in 155 Ländern aktiv und mit rund 800.000 Aktiven wahrscheinlich der größte Wohlfahrtsverband weltweit.

„Rette dein Volk und segne dein Erbe.“ Was für ein schöner Gedanke – keine Kirche, auch nicht die Kathedrale Notre-Dame, wäre wirklich ein Ort der Begegnung mit Gott, wenn sie nicht immer auch ein Ort wäre, wo die Begegnung mit dem Menschen, wo Nächstenliebe und soziales Engagement aufkeimen. 

Musik 5: Te Deum pour Notre-Dame Verset improvisé

Die Hoffnung

Der französische Dichter Charles Péguy war eng mit der Kathedrale von Notre-Dame verbunden. In einer großen Dichtung über die Hoffnung lässt er Gott sagen: „Aber die Hoffnung, sagt Gott, das verwundert mich wirklich. Mich selber. Das ist wirklich erstaunlich. Dass diese armen Kinder sehen, wie das alles zugeht, und dass sie glauben, morgen geht es besser. Dass sie sehen, wie das alles heute geschieht, und dass sie glauben, morgen früh gehe es besser. Das ist verwunderlich, und das ist entschieden das größte Wunder unserer Gnade. So dass es mich selbst verwundert“. 

Die Worte von Charles Péguy zitiert das Te Deum für Notre-Dame in seinem letzten Abschnitt. 

Die Hoffnung, die in der Kathedrale Notre-Dame besungen wird, ist eine vorsichtige Hoffnung. Mir geht an diesem wunderbaren Ort auf, wie zerbrechlich die Schönheit ist, wie verletzlich. Oft genug war dieser Ort ja gefährdet. Die Hoffnung, so wie sie hier anklingt, weiß, dass ihre Macht klein ist, dass sie nicht triumphiert. Darin liegt aber ihre Kraft. 

„Es ist eine Hoffnung wie das fließende Wasser inmitten der Flammen.“

„Wie der Stern die drei Weisen hergeführt hat aus dem hintersten Morgenland. Zur Wiege meines Sohnes.MaSo wird eine zitternde Flamme ganz allein die Tugenden und die Welten lenken.“

Nicht die Waffen siegen am Ende, sondern die zaghafte Hoffnung

Diese Zitate von Charles Péguy, Worte, die Gott in den Mund gelegt sind, geben die Richtung an. 

Nicht der laute Triumph ist es, der am Ende bleibt. 

Nicht der stampfende Fuß und nicht der dröhnende Stiefel.

Nicht die Macht der Militärparaden und nicht die Kraftmeierei der Raketen, Drohnen und Panzer.

Es ist die Behutsamkeit, die Zaghaftigkeit, die vielleicht mit zitternder Stimme spricht: „In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden, denn auf dich, Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt.“

Musik 6 :Te Deum pour Notre-Dame, La flamme percera