hr2 ZUSPRUCH
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Viertel, Dr. Matthias

Eine Sendung von
Dr. Matthias Viertel,
Evangelischer Pfarrer, Kassel

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Ein Mädchen mit langen Haaren in einer beige Bluse schaut besorgt auf einen Jungen, der einen weißen T-Shirt trägt und nachdenklich mit verschränkten Armen dasteht. Die Umgebung ist eine grüne, bewaldete Landschaft.

Plädoyer für Streit-Kultur

In der Familie war es mal wieder richtig eskaliert. Die Kinder stritten lauthals, warfen sich alles Mögliche an den Kopf und dabei fiel manch böses Wort. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich griff ein. 

Ist Streiten wirklich unchristlich?

„Ihr sollt doch nicht streiten“ ermahnte ich sie und schob dann hinterher: „Streiten ist nicht christlich, ihr solltet besser miteinander umgehen und euch versöhnen!“ Aber stimmt das auch? Schon beim Aussprechen der Ermahnung kommen mir Zweifel. Wenn ich an die Geschichten in der Bibel denke, wird da dauernd gestritten.

Jesus, Jünger und hitzige Auseinandersetzungen

Mal legt sich Jesus mit Pharisäern und Schriftgelehrten an, dann diskutiert er heftig mit den Händlern im Tempel, schmeißt dabei sogar deren Tische um. Auch seine Jünger zeigen sich als äußerst streitbare Personen. Mal suchen sie die Auseinandersetzung etwa mit Pharisäern, dann wieder streiten sie sich untereinander: Wer der Größte, Beste oder Wichtigste sei. Oder um den rechten Umgang mit der gemeinsamen Kasse. Einmal verschärft sich der Streit so weit, dass sie danach getrennte Wege gehen (Apg 15,39).

Gehört Streit zum Leben dazu?

Offenbar ist das Streiten gar nicht so unchristlich? Es ist zutiefst menschlich, wenn Meinungen aufeinanderprallen und nach dem richtigen Weg gesucht wird. Auf jeden Fall gehört es von Anfang an auch zur christlichen Gemeinschaft dazu.

Warum Streit oft als belastend empfunden wird

Klar, es gibt genug Streit in der Welt, da kann ich es gut verstehen, wenn man die Nase irgendwann mal voll hat von den ewigen Streitereien. Viele sehnen sich nach friedlicher Ruhe, aber deshalb muss das Streiten nicht zwangläufig schlecht sein.

Konflikte im Familienalltag verstehen

In der Familie müssen wir damit leben, dass sehr unterschiedliche Lebenserwartungen zusammenkommen. Dass die Interessen verschieden sind und Meinungen manchmal weit auseinandergehen. Und dann ist es fast unmöglich, einer Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen. Dann wird gestritten, um die eigene Position zu vertreten.

Warum Demokratie Diskussion braucht

In der Politik sieht es nicht anders aus als in der Familie. Auch die Gesellschaft braucht Foren, wo gestritten wird. Jede Demokratie lebt davon, über Ansichten und Ziele in fairer Weise zu streiten. Dafür gibt es Parlamente und Debatten. Dort kann ich für meine Positionen streiten. Und nicht zuletzt auch für die Rechte der anderen, etwa für die Armen und Benachteiligten.

Wie gelingt respektvolles und ehrliches Streiten?

So gesehen finde ich das Streiten durchaus christlich. Es muss allerdings ehrlich bleiben und Grenzen einhalten: Streiten ohne Verletzen. Streiten aber nicht Zanken! Also die ernsthafte Auseinandersetzung verschiedener Ansichten, aber nicht das kleinliche Rangeln darum, wer Recht hat. Ich muss grundsätzlich die Möglichkeit einräumen, meine eigene Haltung zu korrigieren und dem anderen Recht zu geben - nur dann ist das Streiten sinnvoll. Dann kann der Streit den Beziehungen sogar nützen, das gilt in der Gesellschaft, genauso in der Familie wie für die Liebe.