hr2 ZUSPRUCH
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Müller-Langsdorf, Sabine

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt

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Erinnern – Verstehen – Verändern

Handy raus, Ringlicht an und los geht´s. Wenn Oma zu Besuch kommt, drehen sie TikTok Videos. Aron Goodman aus New Jersey und seine Oma Tova Friedman. Er war 17, sie 84, als die beiden mit damit angefangen haben. Fünf Jahre ist das schon her. Seitdem haben Millionen Menschen ihre Videos auf Social Media gesehen. So wie dieses: „Hi, ich bin Tova Friedman. Ich bin eine Holocaust Überlebende. Als ich nach Auschwitz kam, war ich Fünfeinhalb. Ich hatte keinen Namen. Mein Name war 27633.“ Und dann zeigt die alte Dame im Video ihren Arm mit der eingebrannten Nummer.

Holocaust-Gedenken im Bundestag – Warum der 27. Januar so wichtig ist

Tova Friedman wird morgen im deutschen Bundestag sprechen – anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus. Heute vor 81 Jahren wurde das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit. Der 27. Januar erinnert daran – und steht stellvertretend für das Gedenken an die Verbrechen in allen Vernichtungslagern der NS-Zeit. Im Bundestag wird an die Menschen erinnert, die dort ermordet wurden. Die Flaggen im Land stehen auf Halbmast. Auch in Gottesdiensten bringen Menschen heute ihre Klage vor Gott, bekennen Schuld und bitten um Frieden. 

Zeitzeuginnen erzählen – Warum wir ihre Stimmen für die Zukunft brauchen

Tova Friedman hat ihre Erinnerungen an Auschwitz in einem Buch veröffentlicht. In Schulen und vor Gruppen hat sie oft davon erzählt. Sie ist eine „Zeitzeugin“. Redet für die, die nicht mehr reden können. Tova Friedman sagt: „Ich betrachte mich nicht als Tova Friedman. Eher als Vertreterin für die Kinder, die nicht mehr hier sind. Ich habe überlebt um ihre Geschichte erzählen zu können.“ Ihr Enkel Aron fügt hinzu: „Die Überlebenden werden nicht mehr lange unter uns sein, so schmerzlich das ist. Wir müssen ihre Stimmen aufzeichnen, um sie für die Zukunft zu bewahren.“ 

Wie wirkt NS-Geschichte bis heute nach?

Mich haben die kurzen Videoclips von Tova Friedman und ihrem Enkel beeindruckt. Als ich sie das erste Mal sah, habe ich auch an meine Familie gedacht, an meine Oma. Sie schwieg eisern zu allem, was mit der NS-Zeit zu tun hatte. Sicherlich war da Schmerz – ihr Ehemann ist im Krieg gefallenen. Bestimmt auch viel Scham und Schuld fürs Zuschauen, Wegsehen und Weghören. 

„Guck nicht zu“ – Was bedeutet Erinnern für unser Handeln heute?

Erzählen und Erinnern hilft zu verstehen – was damals geschah und was das heute bedeutet. Hass gegen jüdische Menschen gibt es immer noch in unserem Land. Tova Friedmans sagte in einem Interview vor einiger Zeit dazu: „Guck nicht zu. Wenn du etwas siehst oder hörst, sei nicht still. Steh auf gegen Hass.“ Ich bin gespannt auf ihre Rede morgen im Bundestag.