Meinungsstabil
Ich hab ein neues Vorbild. Es hat 4 Beine und ein dickes Fell: Rudi. Der Esel auf dem Gnadenhof Toms Farm. Rudi ist ruhig und gelassen. Und scheint sehr glücklich. Auf dem Hof leben Tiere, die früher woanders gelitten haben. Wer möchte, kann den Gnadenhof besuchen.
Was macht die Ruhe so besonders: Eine spürbare Wirkung
Als ich auf Toms Farm war, habe ich gespürt: Diese Ruhe des Esels ist ansteckend. Wenn ich über sein Fell streiche, geht etwas davon auf mich über. Wie die meisten Esel frisst Rudi gerne. Wenn Besucher ihn herumführen, sucht er sofort nach Ästen. Auf denen kaut er dann. Oder er findet Kräuter. Wenn Rudi sich erstmal festgebissen hat an einem Löwenzahn, ist er schwer abzubringen.
Meinungsstabil statt stur: Was bedeutet das eigentlich?
Anton, der Betreuer auf dem Hof, sagt: „Rudi ist meinungsstabil.“ Meinungsstabil ist nicht stur. Stur hieße, Rudi will mit dem Kopf durch die Wand. So ist er nicht. Rudi lässt sich auch von Spitzwegerich oder Beifuß überzeugen, wenn der Löwenzahn zu weit weg ist. Aber einmal festgefressen, bleibt er stehen. Und niemand kann ihn mit Worten oder Ziehen davon abbringen.
Der Wunsch nach mehr Klarheit fällt schwer
Manchmal wäre ich gerne wie Rudi. Meinungsstabil. Denn ich gebe zu oft nach. Dann fehlt mir die Kraft für eine Auseinandersetzung. Oder ich bin einfach müde. Manchmal fürchte ich auch, ein Nein würde mir schaden. Vielleicht mögen mich die anderen nach meinem Nein weniger - so fürchte ich. Da hätte ich gerne mehr von dieser Stabilität, wie Rudi sie hat.
Wann sollte ich klar Stellung beziehen?
Ich hätte gern mehr Meinungsstabilität, wenn uns um wichtige Werte geht. Vor kurzem: Da bin ich in eine Diskussion geraten. Mein Gegenüber hat geschimpft auf unfähige Politiker und „die da oben“. Ich finde auch nicht alles gut, was politisch entschieden wird. Aber so schimpfen und fluchen – das muss nicht sein. Trotzdem bin ich stumm geblieben. Rückblickend denke ich: Das hätte ich sagen können – freundlich, aber klar: „So will ich nicht über Menschen reden.“ Meine Meinung dazu deutlich machen. So wie Rudi.
Die richtige Balance zwischen Flexibilität oder Standhaftigkeit finden
Sicherlich bin ich als Mensch manchmal flexibler als Rudi: Freunde von uns spielen von Herzen gerne Monopoly. Sie haben Gefallen an Kaufen und Verkaufen, am geschickten Taktieren. Mir gefällt das Spiel nicht. Ich würde lieber Rummikub spielen. Aber für die beiden lasse ich mich auch mal auf Monopoly ein. Und nutze eben die Spielpausen für gute Gespräche. Denn ich weiß: Sie spielen das so gerne. Anders als Rudi kann ich auch gut mal Kompromisse machen. Ich muss nicht meine Wünsche durchsetzen. Aber von meinen Grundwerten will ich nicht lassen. So wenig wie Rudi von seinem Löwenzahn.
Gelassen und treu bleiben: Was wir von Rudi lernen können
Rudi und seine Artgenossen sind bekannt für diese Art der Stabilität. Auf ihre Art sind sie zuverlässig und sich selbst treu. Und sie strahlen dadurch Ruhe und Gelassenheit aus. Das möchte ich mir abschauen: Meinungsstabil sein, dabei freundlich und respektvoll bleiben. Und wenn jemand sich daran stört, habe ich ein dickes Fell. So wie Rudi - mein tierisches Vorbild.