hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Herok, Stefan

Eine Sendung von
Stefan Herok,
Katholischer Pastoralreferent i.R. in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden

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Eine blonde Frau mit langen Haaren geht auf einem Kiesweg, der sich durch eine weitläufige, goldene Landschaft schlängelt. Sie trägt eine Tasche und blickt in die Ferne. In der Umgebung sind bunte Blumen und ein klarer Himmel zu sehen.

The Chicks: Wide Open Spaces

Musik 1

Das ist das Intro eines Songs, den ich jetzt erst kennengelernt habe. Heiter, wie ich finde und spätestens, wenn die Fiddel, die Geige einsetzt, dann klingt es wunderbar nach Countrymusik und unser SommerReihenThema „Hinaus ins Weite“ bekommt für mich einen Moment von „Landpartie“… Und dass die Fiddel, die Geige sprachlich irgendwie mit unserem alten, deutschen Heiterkeitswort „fidel“ zusammenhängt, das – finde ich – kann man unmittelbar hören…

Musik 2

Nach dem heiteren Intro wird der Song ernster

Dann aber mit dem weiblichen Solopart beginnen deutlich nachdenklichere Töne und es wird ein ernstes Lied:

Musik 3

„Wer kennt das nicht, aufbrechen von zu Hause, vielleicht sogar ausbrechen; im Risiko zu scheitern, den eigenen Träumen nachjagen und etwas ganz Eigenes machen, irgendwo über den Wolken und gleichzeitig festen Boden finden unter den Füßen.

Viele haben es schon gewagt und weitere werden folgen; und der Jungmädchentraum wird kein ‚Schaum‘ bleiben, er wird die Gestalt ihrer Sehnsucht annehmen, auch wenn sie noch nicht ahnen kann, welches Schicksal er für sie bereithält…“

So singt sie, die Mädchen-, die Frauenstimme und man spürt, hier geht es um Sehnsucht. Noch tastend und noch „solo“, aber auch drängend und wachsend selbstgewiss, weil sie nicht nur ahnt, sondern schon ziemlich genau weiß, was sie sucht. Und der Klangraum öffnet sich, und weitere Frauen stimmen mit ein, weil ja, wie gesagt, jede und jeder das kennt, was sie braucht und für sich einfordert:

Musik 4 - Refrain

„Sie braucht weiten offenen Raum, wo sie ruhig Fehler machen kann, egal wie groß; wo sie neue Leute trifft… Und sie weiß ganz genau, was dabei für sie auf dem Spiel steht!“

Warum sehnen sich Menschen nach Weite und Freiheit?

Ja, ich kannte den Song wirklich noch nicht: „Wide Open Spaces“, gesungen von einer Frauenband, die sich mit feiner Selbstironie inzwischen einfach „The Chicks“ nennen: „Die jungen Hühner!“, die Hühnchen, die Küken. Bekannt wurden sie im Amerika der 90er Jahre – auch mit Hits wie diesem – als „Dixie Chicks“. Das „Dixie“ haben sie erst kürzlich abgelegt, weil darin ein rassistisches Moment gegen Südstaatler mitschwingen könnte. Den Song haben sie von der Sängerin Susan Gibson gecovert.

Ich bin jetzt bald 70, also eher ein „alter Gockel“, aber der Song ist voll bei mir angekommen, sogar auf mehrfache Weise: Klar, erinnert er mich an meine eigene Freiheitssehnsucht, als ich jung war. Durchaus auch an manche Bedrängnisse, die ich heute gerne los wäre… Aber ich höre das Lied vor allem als Next-Generation-Song: unsere Kinder und als Frauenlied…

Das Weite suchen oder die Weite suchen, bedeutet nicht das gleiche

„She needs wide open spaces“. Für unser Popsong-Sommerthema fällt mir dabei auf, dass da beides stimmen kann und passen: Sie sucht das Weite und die Weite. Das ist nicht das gleiche. Das Weite sucht man, jedenfalls nach meinem Sprachgefühl, wenn man dringend irgendwo weg will. Es hat etwas Fluchtartiges. Fast egal wohin, Hauptsache schnell und weit weg. Die Weite sucht man, wenn es einem zu eng ist und man Möglichkeit und Raum braucht, z.B. um sich zu entfalten. Neue Leute gehören dazu und Freiheit und das Recht, eigene Fehler machen zu dürfen.

Wie geht sie weiter, die „geerdete TraumRaumFahrt“ der Selbstgewinnung?

Musik 5 

„Der Weg ist gar nicht so anders, als der ihrer Kindheit und Jugend, damals mit weit offenen Augen, diesem Grinsen und ihrer Unermüdlichkeit. Nur wird sie diesmal nicht zurückkehren mit den anderen. Und wenn das die ‚Schule des Lebens‘ für sie werden soll, dann wird sie die Herausforderung bestehen!“ 

Denn ihr wird immer klarer:

Musik 6 – Refrain

„Sie braucht weiten offenen Raum, wo sie ruhig Fehler machen kann, egal wie groß; wo sie neue Leute trifft… Und sie weiß ganz genau, was dabei für sie auf dem Spiel steht!“

Und dass der Weg zwar nicht leicht, aber trotzdem erfolgreich und beglückend ist, das darf jetzt noch einmal unsere „heiter-fidele Fiddel“, Marke „Country-Landpartie“ bezeugen:

Musik 7 

Hinaus ins Weite – eine biblische Sehnsucht

Weite, offene Räume, zum Atmen, zum Leben, zum Freisein.

Als Kirchenmensch fällt mir dazu ein Bibelwort ein. In Psalm 18 sagt jemand über seinen Gott: „Du führst mich hinaus ins Weite; Du stellst meine Füße auf weiten Raum, ja, mit Dir überspringe ich Mauern!“ (Psalm 18,20)

Wie schön, wenn das unsere Kinder über uns als Eltern sagen könnten: „Ihr führt uns hinaus ins Weite!“ „Ihr gebt unserer Seele Raum!“ und unsere Herzen, sie werden, nein, nicht „sprunghaft“ – Ihr gebt uns Sprungkraft, alles zu überwinden, was uns bedrängt und ängstigt und klein hält…

Kindern Wurzeln geben und Flügel verleihen

Die Realität ist oft anders…

„Als sie mit Vaters Auto aufbricht, brüllt der: ‚Guck nach dem Ölstand!‘ Und die Mutter jammert aus dem Fenster: ‚Oh, ich verliere mein kleines Mädchen!‘ Die aber sagt nur - inzwischen schon bisschen ungeduldiger und drängender, vielleicht auch mit mehr Wut als zu Beginn: 'Ich bin nicht mehr das Kleinkind von früher!‘ Und sie lässt ihre Leute unmissverständlich wissen:

Musik 9 – Refrain

Schon ein Ideal für Familien: Den Kindern Wurzeln geben und Flügel!

Die Sängerinnen von „The Chicks“ bekommen bis heute, dreißig Jahre nach Veröffentlichung des Songs, gespiegelt, wie sehr das Lied, gerade auch für junge Frauen, immer noch und immer wieder ein Lebens- und Überlebensmittel in der seelischen Hausapotheke geworden ist. Ein klingender Beleg für die Kraft der Musik, mit Popsongs auf Sinnsuche: Das Leben geht weiter, das Leben wird weiter…

Mit dem Song will sie Frauen eine Stimme für Selbstbestimmung geben

Und darum höre ich „Wide Open Spaces“ auch als emanzipatorisches Lied. Manches ist schon erreicht, aber es gibt immer noch zu viele Bereiche, in denen die Möglichkeiten vieler Frauen zur Selbstentfaltung begrenzt sind, ihre Chancen und Bedingungen schlechter als für uns Männer: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Karrierechancen, Mehrfachbelastung in der Verteilung familiärer Aufgaben, Bedrohung durch häusliche Gewalt – leider noch ein „weites Feld“…

Da klingt sie in mir nach, die Nachdrücklichkeit, mit der „The Chicks“ den Frauen Stimme geben…

Und unser SommerreihenThema „Hinaus ins Weite“ bekommt schon gleich mit diesem ersten Song ein ausdrückliches Freiheitsmoment:

„Und sie weiß, dass für sie damit alles auf dem Spiel steht! Und sie braucht weite, offene Räume…“

Musik 10

"Wide Open Spaces" - Liedtext mit Übersetzung