hr2 ZUSPRUCH
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Wöllenstein, Helmut

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Marburg

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Mausetot – aber nicht alle!

Wir haben eine tote Maus im Garten gefunden, meine 5-jährige Enkelin und ich. Ich hebe sie auf, wir beide schauen sie an, ihr schönes braunes Fell, den langen Schwanz, die runden Ohren und ihre langen dünnen Barthaare. Eine Waldmaus. Vasare möchte sie selbst in die Hand nehmen und streicheln. Dann sagt sie, komm Opa, wir wollen sie beerdigen. 

Ein Grab für die Maus im schönsten Blumenbeet

Ich staune und frage: wie kommst du denn darauf? So eine Geschichte hat mir neulich die Mama vorgelesen, sagt sie. Also suchen wir einen Platz. Sie wählt das schönste Blumenbeet im Garten. Wir graben ein kleines Loch, legen die Maus in Moos und Blätter. Vasare bittet mich, ein kleines Kreuz zu basteln. 

Eine Fünfjährige lehrt uns Respekt vor den Tieren

Sie selbst legt in der Zeit Stöckchen um das Grab und streut Gänseblümchen darauf. Sie ist ganz bei der Sache. Ich freue mich: Ohne viel Pädagogik und Gerede hat Vasare verstanden: Tiere verdienen Respekt, auch wenn sie mausetot sind. Man wirft sie nicht einfach in den Müll. 

Wie beantwortet ein Holzgrabstein kindliche Fragen zu Sterblichkeit und Zugehörigkeit?

Ein paar Stunden später komme ich zum Grab der Maus und sehe, Vasare hat einen kleinen Grabstein aufgestellt. Einen rechteckigen Holzklotz. Darauf hat sie mit Bleistift fünf Zeilen geschrieben:  Nicht Opa. Nicht Martha, das ist ihre kleine Schwester. Nicht Oma. Nicht Vasare, Vasare mit doppelt großen Buchstaben. Und in der letzten Zeile unten steht einfach nur: Maus.    

Es ist wichtig, wer alles nicht tot ist                 

Ich bin verblüfft: Was hat sie sich denn dabei gedacht, die noch kaum schreiben kann? Ich frage sie, und sie sagt: Ist doch ganz einfach. Ich habe geschrieben, wer alles nicht tot ist. Opa, Martha, Oma, Vasare. Wir leben. Nur die Maus ist tot. 

Ein Kind denkt weiter: an die, die es nicht verlieren möchte

Ich muss schlucken, es rührt mich an. Ein Kind begegnet dem Tod. Es spürt die Trauer über diese schöne kleine Maus, die keinen Mucks mehr macht, wenn man sie streichelt. Sie macht ein Grab. Aber sie denkt weiter: Denkt an die, die gerade mit ihr zusammenleben, die sie liebhat und nicht verlieren möchte. Und schreibt dann ganz süß, aber auch tiefsinnig, ein bisschen beschwörend aber auch wie ein Geistesblitz der Kinderphilosophie auf den kleinen Grabstein: Wer nicht hier liegt!  

Was für ein Geschenk, von der Enkelin diesen Impuls zu bekommen: Wenn Du an ein Grab trittst, freu dich über alle, die nicht darin liegen. Was nicht ausschließt, an die zu denken, von denen man sich hier verabschieden muss.