Marlene Engelhorn teilt ihr Erbe mit Bürgern
Marlene Engelhorn ist Mitte Dreißig. Und reich. Oder genauer: Sie war reich. Denn sie hat ihr Geld weitergegeben. Sie hat es geerbt und zwar sehr viel Geld. 30 Millionen Euro oder mehr. Ihr Urururgroßvater Friedrich Engelhorn hat mit anderen die BASF gegründet, den bekannten Chemiekonzern. Und so ist die Familie sehr reich geworden. In Österreich gehört sie heute zu dem obersten einen Prozent.
Warum teilt sie alles?
Als Marlene Engelhorn ihr Erbe antritt, könnte sie es ganz klassisch machen: Reisen, in Luxushotels wohnen, in Whirlpools liegen und Champagner trinken. Aber sie sagt: „Ich habe das Geld nicht selbst erarbeitet. Warum sollte ich es behalten?“[1] Das ist kein Spruch, sie meint das ernst.
Ein Bürgerrat entscheidet, was mit dem Geld gemacht wird
Marlene Engelhorn gründet einen Bürgerrat. 50 Menschen, die die österreichische Bevölkerung gut abbilden: Handwerker, Kassiererinnen, Alleinerziehende, Junge und Alte. 90% ihres Geldes, ungefähr 25 Millionen, gibt Marlene Engelhardt diesem Bürgerrat. Sie sollen gemeinsam entscheiden, wohin das Geld fließt. Der Bürgerrat debattiert über gerechte Vermögensverteilung, sucht Projekte aus, für die gespendet wird. Gefördert werden schließlich Umweltprojekte, die Obdachlosenhilfe, Frauenhäuser, kleine Fußballvereine, die Salzburger Jugendphilharmonie.
Wenn jemand fragt: Was kann ich beitragen?
Ein mutiges Projekt aus dem Jahr 2024.[2] Und etwas verrückt. Bringt das was? Mich beeindruckt das. Weil jemand mit so viel Geld nicht fragt: Was bringt mir das? – sondern: Was kann ich beitragen? So wird das große Thema „soziale Ungerechtigkeit“ auf eine ganz menschliche Weise sichtbar.
Armut ist mehr als wenig Geld
Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge hat dazu viel geforscht. In einem Podcast erklärt er: „Armut ist mehr, als wenig Geld im Portemonnaie zu haben. Armut bedeutet, in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen benachteiligt zu sein. Die Lebenserwartung ist ein Beispiel dafür. Sie ist bei ärmeren Männern mehr als 7 Jahre geringer. Essenlieferanten, Paketzusteller, Fahrradkuriere, sie haben einen körperlich sehr, sehr anstrengenden Job. Oft fehlt das Geld, sich gesund und abwechslungsreich zu ernähren. Reiche können sich eine bessere Gesundheitsversorgung leisten.“[3]
Wie verhindert man mehr Ungleichheit?
Nach dem Podcast schwirrt mir der Kopf. Die reichsten 10 % in Deutschland haben etwa zwei Drittel des Gesamtvermögens. Da stellt sich die Frage: Wie lässt sich das ändern, wie verhindert man, dass die Schere immer weiter aufgeht? Und doch gibt es Menschen, die einfach anfangen zu handeln – im Kleinen.
2-Euro-Aktion für Paketboten
Am nächsten Tag besuche ich eine Freundin. Auf ihrem Schränkchen im Eingang liegen 2 Euro Münzen. Ich frag sie: „Wofür sind die denn?“ Anne sagt: „Ich bekomme viele Päckchen und Pakete. Und viele Paketboten werden mies bezahlt und schuften so hart. Da bekommt jeder, der hier klingelt, 2 Euro.“ Meine Freundin hat keine Millionen. Aber sie hat ein waches Herz. Und sie sieht genau hin – auf die, die wenig haben
[1] https://www.youtube.com/watch?v=D9-Ff2jyM2Y
"Ich habe dutzende Millionen geerbt und hab sie nicht verdient" BUSENFREUNDIN mit Marlene Engelhorn
[2] https://archive.ph/20240715084250/https://www.zeit.de/zeit-magazin/2024/27/marlene-engelhorn-erbe-vermoegen-umverteilung/komplettansicht#selection-2441.113-2441.302
ZEITmagazin Nr. 27/2024 — 19. Juni 2024
[3] https://www.youtube.com/watch?v=-pAVWZA_R7o
Armut NEU DENKEN mit Christoph Butterwegge und Maja Göpel