Keine halben Sachen
Kürzlich hörte ich eine Kundin in einem Baumarkt sagen: "Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes!" Sie kennen sicher diese Redewendung. Man sagt sie, wenn man von einem Vorhaben oder einem Gegenstand nicht wirklich überzeugt ist.
Entweder ganz oder gar nicht
In anderen Situationen sagen manchmal Menschen, die sich beispielsweise aus einem Projekt oder aus einem Verein zurückziehen: "Entweder mache ich es ganz oder gar nicht!" Also keine halben Sachen machen. Das ist sicher auch ein guter Anspruch an sich selbst. Schließlich will man sich ja auch nicht blamieren, wenn dann doch eine Veranstaltung oder ein Projekt schiefgeht.
Dann soll es nicht daran gelegen haben, dass man in der Vorbereitung nur mit halber Kraft dafür gearbeitet hat. Dann sage ich das Vorhaben lieber ab. Halbe Sachen sind also schwierig
Nichts Halbes und nichts Ganzes
Als ich kürzlich diese Redewendung "Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes" wieder einmal hörte, musste ich an das bekannte Abendlied "Der Mond ist aufgegangen" von Matthias Claudius denken. Dieses Lied, das bereits 1775 gedichtet wurde, ist voll von Weisheit und Bildlichkeit.
Dort heißt es in der dritten Strophe: "Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön." Da haben wir es wieder: diese halben Sachen. Diesmal wird der Halbmond betrachtet. In der Abendstimmung ist am Himmel nur die Hälfte des Mondes für das Auge sichtbar. Und dennoch ist er "rund und schön".
Eine Alltagserfahrung, von der Matthias Claudius schreibt. Eigentlich banal. Aber dann überträgt der Dichter diese Betrachtung auf das Leben von uns Menschen, wenn er schreibt: "So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehn."
Das Sichtbare liegt manchmal im Verborgenen
Ja, manche Sachen sehe ich nicht. Sie bleiben für mich verborgen und unzugänglich. Und doch gibt es sie. Dinge, die vielleicht auch nur belächelt werden, können einen ganz besonderen Wert haben. Mir macht diese Liedstrophe immer wieder Mut: Auch wenn ich etwas nicht gleich erkenne oder nachvollziehen kann, so gibt es dieses. Wie bei dem Mond, der am Nachthimmel nur halb zu sehen ist.
Zweifeln ist eine durch und durch menschliche Eigenschaft
In der Bibel lernen wir Thomas kennen (Joh 20, 24-29), der daran zweifelt, dass Jesus auferstanden sein soll. Auch er sagt sich: „Was ich nicht sehe, glaube ich nicht!" Allzu menschlich, diese Reaktion: Das will ich sehen - sonst ist alles Erfindung und Einbildung. Erst wenn ich mir ein Bild gemacht habe, dann hat auch ein Ereignis, von dem mir nur berichtet wurde, wirklich stattgefunden.
Es gibt allerdings bisweilen in meinem Leben Dinge, die ich nicht gleich sehen kann. Zweifel gehören zum Leben. Und dennoch sollte ich immer in Erwägung ziehen, dass der Mond, den ich nur halb erkennen kann, doch vollends da ist. Dann gibt es auch "keine halben Sachen" mehr.