hr2 ZUSPRUCH
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Krebs, Stephan

Eine Sendung von
Stephan Krebs,
Evangelischer Pfarrer, Langen

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Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch mit Salat und Gläsern. Beide wirken nachdenklich und traurig, während sie getrennt voneinander in verschiedene Richtungen schauen. Ein kleines Blumenarrangement steht auf dem Tisch, das eine angenehme Atmosphäre schafft.

Hass auf die eigene Familie?

Jesus predigt Liebe. Er lebt Liebe. Das ist sein Programm. Deshalb verstört mich, was der Evangelist Lukas an einer Stelle überliefert. Da sagt Jesus: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,26)

Man reibt sich die Augen: Verlangt Jesus hier wirklich den totalen Bruch mit der persönlichsten Gemeinschaft, die es gibt – mit der Familie? 

Verlangt Jesus den Bruch mit der Familie?

Solche Forderungen kennt man eigentlich nur von den politischen und religiösen Gruppen, die absolute Treue verlangen. Sie lösen gezielt die bisherigen Bindungen ihrer Mitglieder, damit diese nur noch zur Gruppe gehören.

Ist das bei Jesus gemeint? Das scheint mir dem zu widersprechen, was Jesus im Kern predigt und lebt. 

Was bedeutet Jesu radikale Hass-Ansage?

Was meint Lukas mit seiner radikalen Hass-Ansage? Liest man den Text im Zusammenhang, wird deutlich: Es geht um die Frage, wozu man bereit ist, wenn man Jesus folgen will. Dazu gehört, sich von allen Bindungen freizumachen – sogar von der eigenen Familie.“ 

Wenn es notwendig ist, sich von der Familie zu lösen

Aus heutiger Sicht kann das im Einzelfall sogar richtig sein. Manche sind gefangen – in einer Familie, in Erwartungen, in Rollen, die ihnen nicht guttun. Dann kann es richtig sein, sich daraus zu befreien. Manchmal ist es sogar notwendig. Für viele ist heute die Familie jedoch der wichtigste Schutzraum, der Ort, an dem sie Geborgenheit finden.

Familie zur Zeit Jesu: Eine Ordnung der Unterordnung

Das war zur Zeit des Lukas noch anders. Damals galt in der Familie dasselbe wie in der Gesellschaft: das Prinzip der Hierarchie: Ganz oben der Mann, dann die Söhne, dann die Frau, dann die Töchter, dann die Knechte. Alle mussten sich dem Höheren unterordnen.

Jesus stellt die Macht der Liebe über alle Hierarchien

Dieser Ordnung durch Unterordnung setzt Jesus ein radikal anderes Prinzip entgegen. Darin gibt es über allem nur eine Macht: Gott, die Macht der Liebe. Alle Menschen sind seine Kinder. Alle stehen auf gleicher Ebene. Viele stießen damit schon in ihrer eigenen Familie auf Widerstand. Nicht wenige mussten ihre Familie sogar verlassen, sie wurden ausgestoßen. Kein Wunder, sie stellten sich nicht nur gegen die gemeinsame Religion, sondern auch gegen die herrschende Gesellschaftsordnung! Diese alte Ordnung saß tief in den Köpfen. Und sie sitzt bis heute dort - auch bei vielen christlich geprägten Menschen. 

Jesus will Beziehungen heilen, nicht zerstören

Der Satz vom Hass in den Familien beschreibt womöglich nur, was damals geschehen konnte: Entfremdung von der Familie. Er wäre dann nicht als Aufforderung zu verstehen, so etwas persönlich sogar anzustreben. Nur so kann ich ihn annehmen. Denn das Anliegen von Jesus ist nicht, Beziehungen zu zerstören. Er will sie zu stärken und wo nötig heilen. Und Heilung braucht eine Familie - auch eine Gesellschaft -, wenn sie auf Unterordnung beruht. Für diese Heilung predigt und lebt Jesus das Prinzip Liebe. Damit das Miteinander gelingt.