Ein Wanderschuh im Vorgarten
In medizinischen Fragen vertraue ich Frauen viel leichter als Männern. Fast alle meine Ärzte sind Frauen – also Ärztinnen. Meine Haare dagegen lasse ich nur von Männern schneiden. Eine Frau als Friseurin: undenkbar für mich! Das sind krasse Vorteile, ich weiß. Und sie haben nichts zu tun mit der Realität. Mit den echten Fähigkeiten der Menschen in diesen Berufen. Aber umso hartnäckiger halten sie sich. Im Kopf. Und mehr noch im Gefühl.
Frauen, Männer, Junge, Alte: Kategorien entscheiden mit
Frauen und Männer, Einheimische und Auswärtige, Junge und Alte – das sind Kategorien, in die wir Menschen einteilen. Kategorien, die sich nicht mal immer eindeutig unterscheiden lassen. Und doch entscheiden sie oft sofort darüber, ob ein Mensch eine Chance bekommt oder nicht. Ob man ihn kennen lernen möchte, ob man ihr eine Wohnungsbesichtigung anbietet, oder sich von ihm oder ihr die Haare schneiden lässt. Meistens fällt mir das gar nicht auf. Es sei denn, ich tappe in eine Falle. So wie neulich:
Gebrochene Erwartung
In dem Viertel, in dem ich wohne, stellen Menschen oft Dinge vor die Tür, die sie nicht mehr brauchen, aber zu schade finden zum Wegwerfen. Bücher, Haushaltswaren, Deko-Artikel – solche Dinge. Der Austausch ist rege, und es geht eigentlich alles weg. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Meine Nachbarn hatten Wanderschuhe auf die Mauer ihres Vorgartens gestellt. Als ich von der Arbeit nach Hause kam, sah ich an der Ecke zu meiner Straße einen alten Mann. Er ging zielstrebig auf die Wanderschuhe zu. Dann nahm er einen der Schuhe in die Hand, schaute ihn kurz an und pfefferte ihn mit Schwung und sichtbarem Vergnügen über die Mauer. Mitten in den Vorgarten. Ich war fassungslos. Ich konnte gar nicht glauben, was ich da gesehen hatte. Alles hätte ich erwartet – aber nicht das.
Zwei Bilder, zwei Urteile
Hätte ich den Schuh ohne den Mann einfach später im Vorgarten des Hauses liegen sehen, ich hätte gedacht: ‚Ach, wieder ein paar Jugendliche, denen es wohl langweilig gewesen ist.‘ Hätte ich den Mann ohne den Schuh in der Hand gesehen, ich hätte gedacht: ‚Was für ein netter, harmloser, vielleicht sogar hilfloser alter Mann.‘ Ich hätte also den Jugendlichen zu viel und dem alten Mann deutlich zu wenig zugetraut.
Vorurteile sehen eine Kategorie, keinen Menschen
So ist das mit Vorurteilen. Sie sehen eine Kategorie, nicht einen Menschen. Sie bleiben beim ersten Eindruck stehen und malen daraus gleich ein ganzes Bild. Auf dem sieht alles ungefähr so aus, wie ich es erwarte. Genau hinschauen erspare ich mir. Allerdings: So sehe ich nur einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit. Und oft haben meine Vorurteile viel mehr mit mir selbst als mit meinem Gegenüber zu tun.
Was die Bibel über Vorurteile sagt
In der Bibel gibt es die Aussage: Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken vor deinem eigenen Auge siehst du nicht (Matthäus 7,3). Das beschreibt genau diese Verzerrung. Ich halte meine Wahrnehmung für selbstverständlich und richtig. Erst wenn etwas geschieht, das mein Bild durchkreuzt, werde ich aufmerksam.
Den ganzen Menschen sehen
Ich möchte versuchen, zumindest hin und wieder an diesem Balken vor meinem Auge vorbeizuschielen – und den ganzen Menschen mir gegenüber zu sehen.
Vielleicht entdecke ich dann noch viel öfter alte Männer, die Schuhe über Mauern pfeffern – oder Jugendliche, die dieselben ganz harmlos und freundlich wieder aufräumen.