hr2 ZUSPRUCH
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Biester, Claudia

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg

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Ein großer gotischer Kathedrale mit vielen Türmen und Fenster im Hintergrund. Vor der Kathedrale sind zahlreiche Menschen zu sehen, die auf Stufen und im Freien sitzen. Der Himmel ist teilweise bewölkt, und einige Teile des Gebäudes sind eingerüstet.

Ein Montag im Dom

Es kommt vor, da wird ein Plan durchkreuzt. Und manchmal ist das das Beste, was passieren kann: Ein Montagvormittag im Kölner Dom. Gemeinsam mit einer Kollegin will ich den anstehenden Gemeindeausflug planen – eine klassische Vorbesichtigung. Viel zu erledigen also: den Pfarrer kennenlernen, der unser Gastgeber sein würde, die Kirche anschauen und einen Ort finden für die Mittagspause der Gruppe.

Warum der Dom den Blick verändert

Es kommt alles anders: Schon vor dem Dom fängt es an. Wir schauten hoch zu den Türmen, und mir wird leicht schwindelig. Diese Architektur zieht den Blick nach oben. Himmelwärts. Was vor mir liegt, gerät einfach aus dem Blick: Die Termine, die ohnehin knappe Zeit. Für den Moment: Vergessen.

Licht, Höhe, Stille: Wie der Kölner Dom wirkt

Als wir die Kirche betreten, denke ich: Ein Skelett aus Licht: Dünne, filigrane Knochen, die zum Himmel streben. Und überhaupt dieses gedämpfte Licht, wie großartig schafft es Distanz zur profanen, ausgeleuchteten Welt dort vor der Kirchentür. Der Pfarrer, mit dem wir uns verabredet haben, nimmt uns in Empfang. Er lässt uns teilhaben an seiner Liebe zu dieser Kirche.

Was bleibt von Jahrhunderten?

Wir spüren den Glauben der Menschen, die diesen Dom über Jahrhunderte gestaltet haben. Nur wenige Symbole und Kunstwerke verstehen wir sofort. Mir kommt es ein bisschen vor wie eine Symphonie. Auch beim Hören großer Musik bekommt man ja manchmal eine Gänsehaut, wenn man keine Noten lesen kann – es sind die Schwingungen, der Klang, die Resonanz im Körper. So ähnlich ist es auch in dieser Kirche. Ihre Baumeister haben ihren Glauben in Baukunst übersetzt und einen Raum geschaffen, in dem Weite und Anhalt, Hoffnung und Trost klingt – Himmlisches aufleuchtet. 

Schmuck-Madonna: Welche Zeichen von Menschen bleiben zurück?

Wir schauen: Sonne in den vielen kleinen, bunten Fenstern. Unzählige Skulpturen, Bilder aus verschiedenen Epochen. Dann entdecken wir doch noch ein Detail: Die Schmuck-Madonna. Ganz viele Kerzen brennen dort. Blumensträuße stehen vor Maria und dem Jesuskind. An Ihrem Gewand stecken Schmuckstücke, kleine Ringe und Kettchen. Kleine Geschenke und Zeichen von Menschen, die gerade hier waren und wieder rausgegangen sind in ihren Alltag.

Ein Akku für Herz und Seele?

Wir bleiben einen Moment dort. Es ist wie ein Akku für das Herz und die Seele. Hier hat sich das Beten, Hoffen und Danken aus Jahrhunderten eingeschrieben, es steckt in den Mauern und Winkeln. An diesem Ort wird mir klar: Wir Menschen können nicht alles selbst machen. Es gibt etwas, das nur Gott dazu tun kann. Die Kerzen, Blumen und Schmuckstücke zeugen davon: Menschen sind an ihre Grenzen gestoßen – und haben erfahren, dass Gott da ist. Das spürt und sieht man an den Gaben und Gebeten, die sie in diese Kirche gebracht haben.

Drei Stunden im Dom: Was nimmt man mit nach Hause?

Nur schwer lösen wir uns. Draußen auf dem Domplatz erschrecken wir beim Blick auf die Uhr. Drei Stunden sind vergangen. Keine Zeit mehr, um eine Pizzeria auszuprobieren. Wir müssen los zum Zug, zu Hause wartet der Alltag. Aber wir nehmen eine Erfahrung mit. Der Dom hat uns einen Moment geschenkt, der bleibt. Wir legen ihn in den Rucksack – wie einen stärkenden Proviant für den Weg.