hr2 ZUSPRUCH
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Biester, Claudia

Eine Sendung von
Claudia Biester,
Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg

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Ein Kamel blickt direkt in die Kamera, mit einem neugierigen Ausdruck. Im Hintergrund sind sandige Dünen und ein Zaun zu sehen, der den Bereich um das Tier abgrenzt. Das Wetter ist sonnig und klar.

Ein Kamel

Im Taunus lebt ein Kamel. Ja wirklich. Ein Zirkuskamel. Früher stand es im Rampenlicht – immer bewundert von vielen Menschen. Sie klatschten, sie fanden es wunderschön, groß, majestätisch und dabei auch tapsig. 

Zirkuskamel findet Heim im Taunus

Manchmal kamen sie ihm nah, wollten es streicheln, auf ihm reiten. Viel zu nah, kamen sie. Das Kamel reagierte mit Stress, es konnte die Enge nicht mehr ertragen, war kein glückliches Kamel mehr. So erzählen es die Leute, die sich nun um das Kamel kümmern.

Herde aus Lamas und Ponys - welche Wege gingen sie?

Heute lebt es im Taunus, auf einer großen Koppel, zusammen mit Lamas, kleinen Ponys, Eseln. All diese Tiere sind jetzt da – in Frieden, in Gesellschaft. Sie alle haben unterschiedliche Geschichten, fröhliche und traurige.

Tierische Würde im eigenen Rhythmus?

Die Menschen wollen ihnen jetzt vor allem Normalität geben, Ruhe und Würde.
Man darf die Tiere besuchen. Aber dabei gilt: Die Tiere dort leben in ihrem eigenen Tempo, finden ihre eigenen Wege, entscheiden selbst über Nähe oder Distanz.

Konfis lernen Respekt vor Tiernähe

Ich war mit den Jugendlichen einer Konfigruppe dort. Manche Tiere wollten wissen, wer wir sind, kamen ganz nah. Andere haben wir nur aus der Ferne gesehen, andere gar nicht. Sie waren irgendwo für sich, hinter den vielen Hecken und Büschen. Natürlich haben wir das akzeptiert. Und das war interessant: Denn anfangs wollten wir den niedlichen Ponys schon gern nahekommen, wollten sie streicheln und fotografieren. Aber nach einer Weile fühlten wir uns immer mehr als vorsichtige Gäste in dem Lebensraum der Tiere.

Geburten, Schicksale, Tode: Unsere Gemeinsamkeit

Diese Erfahrung verschiebt meinen Blick. Ich begreife dort: Tiere sind Geschöpfe, genauso wie wir. Sie haben ein eigenes Schicksal, ein eigenes Leben, werden geboren. Müssen irgendwann sterben – genauso, wie wir.

Menschliche Überheblichkeit auf der Koppel

An diesem Ort bekomme ich Zweifel an der Sonderstellung des Menschen. In dieser Lebensgemeinschaft dort auf der Koppel spüre ich, wie unangemessen überheblich Menschen manchmal sind.

Wo geht er hin nach dem Tod?

Einen Satz aus der Weisheitsliteratur der Bibel stellt diese Frage überraschend offen. Dort steht: „Und was ist mit dem Lebensatem nach ihrem Tod? Wer kann denn wissen, ob er beim Menschen nach oben steigt, bei den Tieren dagegen zur Erde sinkt?“ (Kohelet 3,21)

Endlichkeit verbindet: Gefährten, keine Sachen

Für mich schwingt darin eine tröstliche Bescheidenheit mit: Wir wissen nicht, was nach dem Tod kommt – nicht für uns und nicht für die Tiere. Diese Ungewissheit verändert meinen Blick: Ich sehe das Tier nicht länger nur als „Nutzen“ oder „Sache“, sondern als ein Gegenüber mit eigenem Wert. Wir teilen das Leben die Endlichkeit. Das macht uns zu Gefährten auf dieser Erde.

Nachdenken auf der Weide als eines unter vielen

Ich finde es wirklich wunderschön dort draußen auf der großen Weide. Ich kann meinen Gedanken über Mensch und Tier, Tier und Mensch an solchen Orten ein bisschen nachhängen, sie ein wenig auszuhalten. Und einfach da sein – als Geschöpf unter Geschöpfen.