hr2 ZUSPRUCH
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Wiesheu, Annette

Eine Sendung von
Annette Wiesheu,
Katholische Studienleiterin an der Akademie des Bistums Mainz in Darmstadt

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Ein gefaltetes Dokument mit einem goldenen Banner, das "CERTIFICATE" zeigt, liegt auf rosa Untergrund. Neben dem Dokument sind bunte Konfetti-Teilchen in Rosa und Gold verteilt. Das Dokument ist mit einem schwarzen Band zusammengebunden.

Ein anderes Zeugnis

Als ich zur Schule gegangen bin, habe ich die Noten immer sehr wichtig genommen. Ich habe mich über gute Ergebnisse in Klassenarbeiten gefreut, vor allem in Fächern, die mir wichtig waren, und mich sehr geärgert, wenn es einmal nicht so gut gelaufen ist. Manchmal habe ich mich sogar mit den Lehrkräften ein wenig darüber gestritten. Bei einem Klassentreffen hat mich meine frühere Biologie-Lehrerin leicht amüsiert daran erinnert: „Du hast wirklich um jeden Punkt gekämpft“, hat sie mir gesagt. 

Daran muss ich heute denken

Daran muss ich heute denken, denn für die Schülerinnen und Schüler in Hessen gibt es heute die Jahreszeugnisse zum Schuljahrsende, mit den Noten von eins bis sechs, die ihre Leistungen in den verschiedenen Fächern des Lehrplans bewerten.

Nur ein begrenztes Urteil über bestimmte Fähigkeiten

Heute, über dreißig Jahre nach meiner Schulzeit, denke ich gelassener über Schulnoten: Natürlich ist es schön, gute Noten zu haben, sie vermitteln dem Schüler, der Schülerin: Du kannst etwas, dein Einsatz hat sich gelohnt. Und umgekehrt schlechte Noten, die können sehr am Selbstbewusstsein zehren. Aber es sind eben auch nur Noten. Beurteilt werden die Leistungen in den Fächern, die in der Schule unterrichtet werden, anhand von festgelegten Kriterien. Und es sind vor allem intellektuelle Leistungen, die in den Schulzeugnissen bewertet werden, Leistungen, die mit dem Kopf erbracht werden. Noten, so denke ich mir heute, geben eigentlich nur ein begrenztes Urteil über ganz bestimmte Fähigkeiten ab. Und ganz bestimmt nicht über den ganzen Menschen, über das, was er alles kann und wer er ist. 

Hoffe, dass sie nicht zu enttäuscht sind

Am letzten Schultag, dem Zeugnistag wünsche ich den Schülerinnen und Schülern, dass sie mit Gelassenheit auf ihre Noten schauen und sich über die Erfolge freuen können. Vor allem wünsche ich ihnen, dass sie nicht zu enttäuscht sind, wenn die Noten nicht so sind, wie sie es gerne hätten. 

Man kann sie völlig frei wählen, ganz ohne Vorgaben

Und ich wünsche den Schülerinnen und Schülern, dass in den kommenden Wochen andere Fächer auf ihrem Stundenplan stehen, nicht Schulfächer, sondern Ferien-Fächer. Zum Beispiel: einfach in den Tag hineinleben, etwas Neues ausprobieren, einen Familienausflug machen, in einem Buch blättern oder jemanden nach längerer Zeit wieder besuchen. Ein großer Vorteil von Ferien-Fächern ist: Man kann sie völlig frei wählen, ganz ohne Vorgaben. Ich werde mir in den kommenden Wochen auch ein paar Ferien-Fächer suchen: Mit einer alten Freundin wandern gehen, Gäste einladen, etwas Gutes kochen – Dinge, die mir Freude machen und für die ich sonst zu wenig Zeit habe. Ich wünsche allen, für die jetzt die Ferien beginnen: Wenn sie nach sechs Wochen ein Zeugnis über ihre Ferien ausstellen könnten, dass sie dann in jedem ihrer Ferien-Fächer eine glatte Eins vergeben können.