hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Griesel, Tanja

Eine Sendung von
Tanja Griesel,
Evangelische Schulpfarrerin, Fritzlar

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Peter Schilling: Major Tom

Zehn. Neun. Acht.

Die letzten Sekunden vor dem Start. Gleich hebt das Raumschiff ab. 1982 erscheint der Song „Major Tom“ von Peter Schilling. Es ist der typische Sound der frühen achtziger Jahre. Neue Deutsche Welle. Synthesizer. Elektronische Beats. Klar und minimalistisch. Den Text zu Major Tom schrieb Peter Schilling auf der Autobahn, in einem Opel Kadett, das Playback lief im Kassettendeck. Zwischen zwei Autobahnkreuzen war der Song fertig. Im November 1982 ging er auf Platz eins der deutschen Charts und blieb dort acht Wochen. Das war vor über vierzig Jahren. Verschwunden ist der Song seitdem nie. 

Der musikalische Start ins All mit Major Tom

Der Anfang klingt wie ein Countdown. Das Raumschiff steht bereit. Und an Bord: Major Tom.

Gründlich durchgescheckt steht sie da
Und wartet auf den Start - alles klar!
Experten streiten sich um ein paar Daten
Die Crew hat da noch ein paar Fragen
Doch der Countdown läuft

Effektivität bestimmt das Handeln
Man verlässt sich blind auf den ander′n
Jeder weiß genau, was von ihnen abhängt
Jeder ist im Stress
Doch Major Tom
Macht einen Scherz

Humor unter Hochspannung: Kurz vor dem Abheben

Gleich geht’s los. Alle arbeiten jetzt hochkonzentriert. Die Systeme werden noch einmal gründlich gecheckt. Das ist purer Stress. Major Tom reagiert darauf mit einem Scherz. Humor hilft, Spannung abzubauen und loszulassen. Und Major Tom lässt los. Im nächsten Augenblick hebt das Raumschiff ab. 

Warum „Major Tom“ uns bis heute mitreißt

Wenn ich dieses Lied höre, hebt auch etwas in mir ab. Wie von selbst richte ich mich auf. Ich bewege mich zur Musik. Und natürlich singe ich lauthals mit: „Völlig losgelöst von der Erde …“ Damit bin ich nicht allein. Bei Konzerten. Auf Partys. Und inzwischen sogar im Fußballstadion. Wenn bei einem Länderspiel ein Tor fällt, erklingt der Refrain von „Major Tom“. Und plötzlich singen Tausende mit. Menschen springen auf, reißen die Arme hoch. Eine Welle geht durchs Stadion. Für einen Moment hebt die ganze Menge ab.

Völlig losgelöst: Der Refrain als kollektives Gefühl

Dann hebt er ab und
Völlig losgelöst von der Erde
Schwebt das Raumschiff völlig schwerelos

Wenn Major Tom aus den Lautsprechern dröhnt, singen alle mit: „Völlig losgelöst von der Erde.“ Und tatsächlich wird etwas leichter. Ich tanze, springe, verausgabe mich. Ich gröle den Refrain mit. Der Alltag ist weit weg. Kein Blick zur Uhr. Kein Gedanke an das, was morgen ansteht. Ich bin einfach da. Allein für mich. Und doch verbunden mit vielen anderen. Dieses Gefühl klingt noch lange in mir nach.

Die andere Geschichte von „Major Tom“: Einsamkeit im All

Während wir hier unten für einen Moment abheben, erzählt das Lied noch eine andere Geschichte. Oben im All treibt Major Tom immer weiter hinaus. Weg von der Erde.
Weg von den Menschen. In die grenzenlose Weite.

Perfekte Technik – und doch außer Kontrolle

Die Erdanziehungskraft ist überwunden
Alles läuft perfekt, schon seit Stunden
Wissenschaftliche Experimente
Doch was nützen die am Ende, denkt
Sich Major Tom

Im Kontrollzentrum, da wird man panisch
Der Kurs der Kapsel, der stimmt ja gar nicht
"Hallo Major Tom, können Sie hören
Woll'n Sie das Projekt denn so zerstören?"
Doch er kann nichts hör′n

Er schwebt weiter
Völlig losgelöst von der Erde
Schwebt das Raumschiff völlig schwerelos

Der Traum von Leichtigkeit: Alles hinter sich lassen?

Die Erdanziehungskraft überwinden. Alles Schwere hinter mir lassen. Das wünsche ich mir auch manchmal. Schweben. So wie Major Tom. Mich lösen von dem, was mich am Boden hält. Von dem, was mein Leben eng macht, begrenzt, mir die Sicht verstellt. Mal gar nichts tun. Mich treiben lassen. Keine Verpflichtungen. Kein Blick zur Uhr oder zu Terminen. Niemand will etwas von mir. 

Wenn Freiheit in Einsamkeit kippt

Major Tom scheint genau das zu suchen. Ich stelle mir vor, wie er aus seiner Raumkapsel auf die Erde schaut. Die blaue Kugel wird kleiner und kleiner. Und mit ihr entfernt sich die Welt, das bisherige Leben, die Menschen, alles Vertraute. Major Tom hört nicht mehr auf die Stimmen im Kontrollzentrum. Das Raumschiff ist nicht länger auf Kurs. Wohin? Das weiß niemand. Immer weiter treibt es ab. Immer weiter hinaus. Tiefer in die Einsamkeit.

Die Kehrseite der Weite: Verloren im leeren Raum

Das ist die Kehrseite der Weite: Ich kann darin verloren gehen. Eben noch frei und losgelöst, jetzt allein. Major Tom ist nur noch ein Mensch, eingeschlossen in einer kleinen Raumkapsel. Alles hat sich verändert. Keine Scherze mehr. Die Leichtigkeit ist verschwunden. „Mir wird kalt“, sagt er. Niemand antwortet. Seine Reise wird zur Reise ohne Wiederkehr. Der Funkkontakt bricht ab. Dann: Funkstille.

Die Erde schimmert blau
Sein letzter Funk kommt
"Grüßt mir meine Frau"
Und er verstummt

Unten trauern noch die Egoisten
Major Tom denkt sich
wenn die wüssten
Mich führt hier ein Licht durch das All
Das kennt ihr noch nicht
Ich komme bald
Mir wird kalt

Eingeschlossen sein – mitten im eigenen Leben

Meine Geschichte endet zum Glück nicht so. Aber dieses Gefühl, eingeschlossen zu sein, das kenne ich. Nicht in einer Raumkapsel. Sondern mitten im Leben. Es gibt Tage, da wache ich auf und alles ist schon da. Die Gedanken. Die Sorgen. Die Liste mit Dingen, die erledigt werden müssen. Und ich liege noch im Bett und bin schon müde. Ich stehe auf, und es wird nicht besser. Ein Problem, das immer größer wird. Ich drehe es hin und her und komme doch nicht weiter. Und manchmal ist es auch das Gegenteil. Nicht zu wenig Ausweg, sondern zu viele. So viele Wege. So viele Möglichkeiten. Und ich stehe da und weiß nicht, welchen ich gehen soll. Auch das fühlt sich eng an. Als würde der Raum um mich herum kleiner werden, obwohl alle Türen offen stehen. Was dann? In ein Raumschiff steigen und verschwinden? Das geht nicht.

Halt finden, statt zu fliehen

Für mich ist dann etwas anderes dran. Etwas ganz Einfaches. Stehen bleiben. Nicht weiterdenken. Nicht weiterlaufen. Einfach stehen. Und Luft holen. Ich spüre den Boden unter meinen Füßen. Das ist das Erste, was zurückkommt: der Boden. Er ist da. Er trägt mich. Ich hebe den Kopf. Der Blick geht nach oben in den Sternenhimmel. Über mir diese unendliche Weite. Und hier unten der feste Boden. Und ich mittendrin. Nicht losgelöst. Nicht schwerelos. Aber frei. Ich spüre: Mein Leben ist Teil von etwas Größerem. Ich bin nicht allein.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ – ein biblisches Bild von Freiheit

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum." Dieser Satz steht in einem Gebet in der Bibel. Der Mensch, der so betet, hat genau das erlebt. Enge. Bedrängnis. Keinen Ausweg. Und dann Weite. Nicht weil er geflohen ist. Nicht weil er abgehoben ist. Sondern weil er sich an Gott gewendet hat. Ihm sagt, was ihn bedrängt. Und merkt: Da ist jemand, der zuhört. Da ist eine Verbindung, die bleibt, selbst wenn alles andere wegbricht. Manchmal reicht das. Nicht die große Lösung. Nicht der Ausweg. Sondern zu wissen: Ich bin nicht allein damit.

Warum ich bleibe – und Major Tom nicht

Das ist der Unterschied zwischen Major Tom und mir. Er treibt davon. Ich bleibe. Nicht weil ich muss. Sondern weil ich spüre: Hier unten, auf diesem Boden, mit diesen Menschen, in diesem Leben – hier ist Weite möglich. Nicht die grenzenlose Weite des Alls. Aber eine, die trägt.

Abheben dürfen – und sicher landen

Wenn ich das nächste Mal „Major Tom" höre, werde ich wieder lauthals mitsingen: „Völlig losgelöst von der Erde …" Für einen Moment hebe ich ab. Aber ich weiß auch: Am Ende lande ich wieder. Mit beiden Füßen auf dem Boden. Auf weiten Raum gestellt.

Völlig losgelöst von der Erde
Schwebt das Raumschiff schwerelos
Völlig losgelöst von der Erde
Schwebt das Raumschiff schwerelos
Völlig losgelöst von der Erde
Schwebt das Raumschiff völlig schwerelos