Die Rechnung, mit der wir rechnen
Worüber reden wir bloß eine ganze Woche lang? Das frage ich mich, bevor wir neunzehn Männer zu einer ökumenischen Segelfreizeit im westfriesischen Wattenmeer aufbrechen.
Zwischen Alltag, Technik und Weltgeschehen: Gespräche an Bord
Meine Sorge ist unberechtigt. Gesprächsstoff gibt es mehr als genug: Über die Arbeit und über die Kinder. Über neue Heizungstechnik und warum BMW den Z4 nicht mehr baut. Über die Frage, wann man am besten in Rente geht. Über Erinnerungen an das, was man schon miteinander erlebt hat. Und immer wieder über die Sorgen um diese Welt: um das Klima, um Krieg und Sabotage und darum, dass radikale Parteien das Blaue vom Himmel versprechen. Um all das, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet.
Wie blicken wir auf eine Welt im Wandel?
Keiner von uns wünscht sich eine vermeintlich heilere Vergangenheit zurück. Uns ist klar: Die Welt hat sich geändert und sie wird sich weiter verändern. Vieles, was wir lange für selbstverständlich gehalten haben – Frieden, Wohlstand, gesellschaftliche Stabilität–, ist verletzlicher geworden.
Was bleibt, wenn Sicherheit nicht mehr selbstverständlich ist?
Manchmal haben wir das Gefühl: Uns wird in nicht allzu ferner Zeit eine Rechnung präsentiert: Für all die Bequemlichkeit und Sicherheit, an die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten gewöhnt haben. Abends bringen wir das, was uns bewegt und beunruhigt, vor Gott. Wir beten. An diesem Abend hilft uns dabei ein Gedicht des katholischen Priesters und Schriftstellers Lothar Zenetti: „Am Ende die Rechnung“.
Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind, den Vogelflug
und das Gras und die Schmetterlinge,
Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert
für die Luft, die wir geatmet haben
und den Blick auf die Sterne
und für all die Tage, die Abende und die Nächte.
Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen und bezahlen:
„Bitte die Rechnung.“
Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:
„Ich habe euch eingeladen“, sagt der und lacht,
so weit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!
Das Leben als Geschenk: Die Botschaft von Lothar Zenetti
Zenetti nimmt das Bild einer Rechnung auf. Die aber müssen wir nicht bezahlen. Wir sind eingeladen. Durch seine Aufzählungen erinnert er daran: Der Sonnenschein, die Luft, die wir atmen ist ein Geschenk an uns. Ja unser ganzes Leben ist ein Geschenk. Die Probleme verschwinden durch die tröstliche Botschaft am Ende nicht. Unsere Verantwortung auch nicht. Aber vielleicht verändert sich etwas, wenn wir uns vergewissern: Bevor wir etwas leisten, retten oder bewahren können, sind wir selbst Beschenkte.