hr2 ZUSPRUCH
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Wöllenstein, Helmut

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Marburg

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Deutschland - meine Religion?

“Deutschland ist meine Religion” lese ich auf dem großen gelben Aufkleber an einem schwarzen Opel vor dem Baumarkt. Schade, dass der Besitzer nicht zu sehen ist. Ich würde ihn gern fragen, wie er das meint. 

Wenn Politik zur Glaubensfrage wird – wie rechtsextreme Parolen unsere Alltagskultur beeinflussen

Und ob er diese rechtsextreme Partei unterstützt. Deren Vertreter sagen, dass es ihnen genau darum geht: Sie wollen die Alltagskultur in Deutschland durchdringen und die Richtung allgemeiner Einstellungen und Überzeugungen umkehren. Das heißt auch, sie wollen das Christentum zurückdrängen, das unser Land seit 1500 Jahren prägt und dem in den westlichen Bundesländern bis heute mehr als die Hälfte der Menschen angehören. 

Gefährliche Normalisierung – warum Entmenschlichung in Worten zu Gewalt führen kann

Damit werden zum auch Beispiel die 10 Gebote in Frage gestellt. Etwa, „Du sollst nicht töten“. So meint doch der ehemalige Mitarbeiter einer entsprechenden Bundestagsabgeordneten: „Man sollte niemanden verurteilen, der ein bewohntes Asylantenheim anzündet“. Oder: „Bei so vielen Asylanten im Land würde sich jetzt ein Holocaust wieder lohnen“. 

Christliche Werte - Heimatgefühl - Vaterland - Muttersprache

Deutschland ist meine Religion. Mir graust es, wenn ich das lese. Nicht nur weil ich zu christlichen Werten stehe, auch Deutschland zuliebe. Ich mag dieses Land. Ich lebe gerne hier. Es ist mein Vaterland - um es mit einem alten Wort zu sagen. Seine Sprache ist meine Muttersprache. Ich fühle mich zuhause, wenn ich aus dem Urlaub aus Italien oder Frankreich zurückkomme in die schönen grünen hessischen Hügel und Wälder. 

Demokratie bewahren – Freiheit, Vielfalt und der Wert der offenen Gesellschaft

Ich bin dankbar, hier geboren und aufgewachsen zu sein, von den Menschen geprägt, gefördert und mit ihnen verbunden. Ich schätze unsere Demokratie mit ihrer Freiheit. Die Offenheit für viele Menschen aus aller Welt, die hier leben, arbeiten, studieren, sich einbringen, - auch mit ihrer Kultur und Religion. Ich engagiere mich dafür, dieses Land lebens- und liebenswert zu erhalten: Auch wenn jetzt darum gestritten werden muss, wie das praktisch zu gestalten ist. 

Vergangenheit mahnt – warum religiöse Verklärung gefährlich ist und nie wieder vorkommen darf

Ich will auf keinen Fall, dass mein Land vor die Hunde geht. Schon zweimal in der jüngeren Geschichte wurde Deutschland religiös verklärt. Zweimal haben sich Menschenmassen auf diesen Weg locken lassen. Zweimal sind Millionen dafür gestorben. Weitere Millionen wurden verletzt oder für Jahre ins Elend gestürzt. Im ersten und im zweiten Weltkrieg, die beide maßgeblich von Deutschland ausgingen.

Deutschland als Ort der Nächstenliebe – was religiöse Neutralität im Staat bedeutet

Deutschland zuliebe darf Deutschland nicht zu einer Religion werden, die andere ausgrenzt und vernichtet. Es soll ein Land bleiben, in dem nach dem Gebot der Nächstenliebe Menschen in Frieden leben können.