hr1 ZUSPRUCH
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Ein lächelnder Mann mit mittellangen, blonden Haaren und einer Brille steht in einem hellen, neutralen Hintergrund. Er trägt ein graugrünliches Hemd und sieht freundlich aus.

Eine Sendung von

Pastoralreferent Kath. Kirchengemeinde St. Peter und Paul, Höhr-Grenzhausen

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Zwei Hände liegen übereinander, eine mit einem Ring. Die Hände sind sanft und symbolisieren Nähe und Verbundenheit. Der Hintergrund ist dunkel, was die Hände hervorhebt.

„Ja - ich bin Seelsorger“

„Ach krass – den ganzen Tag beten?!“ - Das war die Reaktion, als ich mich neulich geoutet habe. Nicht mit etwas Wildem. Sondern ganz harmlos: „Ich bin Seelsorger.“ Und bei meinem Gegenüber: zack – Kopfkino. Klassiker. Ich, irgendwo im Klosterflur, Kerze in der Hand, leise murmelnd, völlig weltfremd. Beten – den ganzen Tag. Ich habe gelacht.

In Wirklichkeit ist es nämlich doch ein wenig anders.

Ich höre zu, ohne Urteil, ohne Eile

Mein Tag besteht aus Gesprächen. Mit Menschen, die traurig sind. Oder wütend. Oder müde. Mit Menschen, die in einer Lebenskrise stecken. Oder die gerade vor Glück platzen – und jemanden brauchen, der das mit aushält – der sich mitfreut. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren. Ich höre zu. Ohne Urteil. Ohne Eile. Ich bin einfach da.

Zuhören: am Telefon, zwischen Tür und Angel, auf der Parkbank

Seelsorge ist nicht „abgehoben“. Seelsorge ist mitten im Leben. Manchmal auf der Parkbank, zwischen spielenden Kindern. Manchmal am Telefon, wenn die Stimme zittert und Tränen fließen. Manchmal zwischen Tür und Angel – mit Kaffee in der Hand. Und manchmal mitten in einer endlosen E-Mail-Flut, bei der man merkt: „Hier wartet jemand auf ein offenes Ohr.“

Ja, ich bete – aber etwas anders

Und ja: Ich bete. Aber nicht immer so, wie man es sich vielleicht vorstellt. Manchmal ist Beten einfach: zuhören. Nicht sofort klug sein. Nicht sofort reparieren wollen oder können. Sondern einfach da sein. Manchmal lautet mein Gebet so: „Gott, bitte halt du das jetzt aus – ich kann’s gerade nicht.“ Und manchmal bete ich auch gar nicht mit Worten. Sondern mit einem tiefen Atemzug. Oder mit einem ehrlichen: „Ich weiß es auch nicht.“ Oder einem Lächeln, das sagt: „Ich bin hier. Ich höre dir zu.“

Menschen daran erinnern, dass sie nicht allein sind

Das Vorurteil vom „den ganzen Tag beten“ verrät eigentlich etwas Schönes: Die Sehnsucht danach, dass jemand da ist. Dass jemand Zeit hat. Dass jemand glaubt, dass kein Mensch verloren ist. Und vielleicht ist genau das der Job eines Seelsorgers: Menschen daran zu erinnern, dass sie nicht allein sind. Weder mit ihren Fragen. Noch mit ihrem Chaos. Noch mit ihrem Glück. Noch mit ihrem Leben.

Irgendwie war alles ein kleines Gebet

Und wenn ich abends nach Hause fahre, noch einmal tief durchatme, den Tag resümiere, spüre ich: Jeder Moment, jedes Gespräch, jedes Lächeln, jede Träne – irgendwie war alles ein kleines Gebet.

Vielleicht ist an dem Vorurteil dann doch etwas dran. Ja, als Seelsorger bete ich ziemlich viel, eigentlich: den ganzen Tag.