Der Garten von Madeleine Delbrêl
In diesem Frühjahr habe ich in Ivry, in der Nähe von Paris, das Haus besucht, in dem Madeleine Delbrêl lange gelebt hat; eine christliche Mystikerin des Alltags, die mich sehr fasziniert. Eine ältere Französin und ich haben zusammen vor dem Haus gewartet. Sie lebt schon ewig in Ivry, aber bisher hatte sie immer nur das Schild vorne an dem Haus gesehen, jetzt sei sie ja mal gespannt. Dann wurden wir eingelassen.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde sie zunächst zur Atheistin
Madeleine Delbrêl war eine französische Sozialarbeiterin, engagierte Christin und manche nennen sie, wie gesagt, eine Mystikerin des Alltags. Als Jugendliche erlebt sie den Ersten Weltkrieg und ist danach, in den zwanziger Jahren, erstmal überzeugte Atheistin.
Über ihren damaligen Freund kommt sie mit dem Glauben in Berührung und mit Menschen, für die Gott eine feste Größe ist. Und als ihr Freund die Beziehung beendet, um in ein Kloster einzutreten, ist sie zwar tieftraurig, nimmt diesen Glauben aber dann schon sehr ernst. Sie kann Gott nicht mehr einfach leugnen und beginnt zu beten. Dabei macht sie eine Gotteserfahrung, die sie zwar später manchmal erwähnt, aber von der sie nie wirklich erzählt, was passiert ist. Sie engagiert sich bei den christlichen Pfadfindern, studiert Sozialarbeit. Eine taffe, zupackende, lebenshungrige Frau.
Umgeben von Menschen, die nicht an Gott glaubten
Und als gläubige Christin und Sozialarbeiterin kommt sie ausgerechnet nach Ivry, einer kommunistisch regierten Arbeiterstadt. Und ist dort genau am richtigen Fleck! Auch wenn es diese Spannung gibt: Ihr wird schnell klar, dass Gott im Leben der meisten Menschen dort keine Rolle spielt, während ihr, Madeleine selbst, die Nähe zu Jesus und Gott doch so viel bedeutet und ihr Leben prägt. Aber bald merkt sie: Dann ist Gott eben durch Menschen wie sie dort präsent, sie nennt das „Gott einen Ort sichern.“
Sie wird eingeladen, am Vatikanischen Konzil mitzuarbeiten
Bald lebt sie dort in Ivry mit einer kleinen Gruppe von Frauen zusammen, ohne Ordensregel, aber doch mit geteiltem Glauben. Im Zweiten Weltkrieg hilft sie im Widerstand und ist eng verbunden mit der Bewegung der Arbeiterpriester. Madeleine ist gut vernetzt, auch über Ivry hinaus. Sie schreibt viel: Briefe, Gedichte, Gedanken. Von der katholischen Kirche vor Ort wird sie wegen der guten Zusammenarbeit mit den Kommunisten kritisch beäugt.
Das ändert sich, als sich die katholische Kirche mit dem Vatikanischen Konzil beginnt zu öffnen, Madeleine wird eingeladen, Vorträge zu halten und in der Vorbereitung des Konzils mitzuarbeiten. Überraschend stirbt sie 1964 kurz vor ihrem 60. Geburtstag an ihrem Schreibtisch.
Ihr Garten wird heute von Grundschülern gepflegt
Das Haus in der Rue Raspail 11 in Ivry lässt noch etwas vom Leben der Madeleine Delbrêl erahnen. Ihr Zimmer etwa ist weitgehend erhalten geblieben. Besonders gefallen hat mir der Garten hinter dem Haus. Auf großen Tafeln sind da Bilder von Madeleine, auf denen man mehr von ihrem Leben erfahren kann. Mittendrin sind große bunte Beete angelegt, jedes anders, mit Blumen und Kräutern bepflanzt. Die werden von den Grundschulklassen der Stadt gehegt und gepflegt.
Wir waren noch im Haus, da klingelte eine Lehrerin mit ihrer Klasse. Sie wollten ihr Beet besuchen. Der Garten füllte sich mit Stimmen. Ich bin mir sicher, das hätte Madeleine Delbrêl gefallen.