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Viertel, Dr. Matthias

Eine Sendung von
Dr. Matthias Viertel,
Evangelischer Pfarrer, Kassel

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Ein kleines Mädchen mit dunklen Haaren trägt ein weißes Kleid und einen Haarreif. Sie sitzt auf dem Arm einer Person und zeigt mit dem Finger in eine Richtung, als würde sie auf etwas hinweisen. Im Hintergrund sind verschwommene Gesichter von Erwachsenen zu sehen.

Das palästinensische Patenkind

Meine Kirchengemeinde hat die Patenschaft für ein Kind übernommen. Das ist ungewöhnlich, weil in den meisten Fällen nahe Familienangehörige als Paten gewählt werden, oder auch direkte Freunde. In diesem Fall war aber alles ganz anders, und das kam so:

Pilgerreisen nach Israel: Begegnungen, die verbinden

Als Pfarrer bin ich regelmäßig mit Gruppen nach Israel gefahren, gewissermaßen als Pilgerreise. Und meistens hatten wir denselben Busfahrer, der uns durch das Land kutschierte. Er hieß Raimon, wohnte in Nazareth und brachte uns immer sicher an die Orte, die wir aus der Bibel kannten.

Wer ist Raimon aus Nazareth?

Raimon erzählte gern von seiner Familie und von seinen Kindern. Das jüngste, ein Mädchen, sollte gerade getauft werden. Das erstaunte einige in unserer Reisegruppe. Wir wussten, dass Raimon Palästinenser ist und seine Familie ebenso. Die meisten sind deshalb davon ausgegangen: Raimon ist Moslem.

Christliche Palästinenser: Ein oft übersehener Teil der Gesellschaft

Aber dann klärte er uns auf. Er erzählte von Nazareth und davon, dass rund ein Drittel der Menschen, die dort leben, Christen sind. Palästinensische Christen. Auch Raimon, seine Frau und seine Kinder sind zugleich Palästinenser und Christen und haben überdies die israelische Staatsbürgerschaft.

Nazareth und seine Bedeutung

Nazareth – das ist die Stadt, aus der Jesus stammt. Dort wuchs er auf, in einer jüdischen Familie und besuchte die Synagogenschule. Jesus von Nazareth wurde er deshalb auch genannt. Heute leben in Nazareth überwiegend arabische Menschen, von denen eben ein Teil Christen sind, so wie Raimon.

Warum Differenzierung wichtig ist

In unseren Köpfen musste da einiges zurecht gerückt werden. Wir hatten schlicht diese Gegenüberstellung angenommen: Hier die islamischen Palästinenser, dort die jüdischen Israelis. Ein Schwarz-Weiß-Denken. Für Differenzierungen ist da kein Platz. Aber dieses vereinfachte Schema von Freund und Feind schürt die Konflikte.

Was bedeutet Identität wirklich?

Wer die Konflikte in Nahost begreifen, ja sogar überwinden will, muss zuerst differenzieren lernen: An erster Stelle steht die Unterscheidung zwischen Religion, ethnischer Abstammung und Staatsangehörigkeit.

Gemeinschaft bei der Taufe in Nazareth

Und dann fuhren wir alle zusammen nach Nazareth, an dem Wochenende, als die Tochter von Raimon getauft wurde. Die ganze Reisegruppe war bei ihm zu Gast. Wir saßen eng beieinander im Wohnzimmer und wurden mit Kuchen bewirtet.

Warum die Patenschaft wichtig ist

So kam es, dass die Gemeinde, vertreten durch mich als Pfarrer, die Patenschaft übernahm. Damit drückten wir unsere Verbundenheit aus mit den Menschen, die Palästinenser sind und Christen, und auch Bürger Israels.

Der Mensch im Mittelpunkt: Mehr als Kategorien und Zuschreibungen

Zugleich erinnert uns diese Patenschaft daran, wie schnell der einzelne Mensch aus dem Blick geraten kann, wenn ich in Schubladen denke und Partei ergreife. Der einzelne Mensch ist stets mehr als die Kategorisierung von Jude, Christ oder Moslem zulässt. Er ist nicht nur Palästinenser oder Israeli, sondern in erster Linie ein einzigartiger Mensch. Genau das soll die Taufe zum Ausdruck bringen.