"Dann hol´ ich meine große Schwester" – Ein Kaffee-Gespräch über Gott
Verena und Birgit sind Sandkasten-Freundinnen. Sie kennen sich schon seit vierzig Jahren. Gelegentlich treffen sie sich auf einen Kaffee und erzählen - so wie jetzt. Draußen weht der Herbstwind durch die Straßen, drinnen ziehen Erinnerungen vorbei – an Nachmittage auf dem Spielplatz.
Sandkasten-Freundinnen erinnern sich an ihre Kindheit
Verena sagt: „Der Spielplatz – das war damals unsere Welt. Dort haben wir gelernt etwas zu bauen, Spaß zu haben, Freundschaften zu schließen, uns durchzusetzen. Und wenn es Ärger gab, dann kam deine ältere Schwester Claudia.“
Wenn die große Schwester Schutz und Sicherheit gibt
Birgit bestätigt: „Ja, Claudia hat uns beschützt vor den Jungs von der anderen Straße. Sobald die uns geärgert haben, war sie da. Fünf Jahre älter, gefühlt doppelt so groß. Einmal hat sie einen am Kragen gepackt und geschüttelt. Danach hat sich keiner mehr getraut.“
Verena ergänzt: „Sie musste nicht einmal wirklich in der Nähe sein. Es hat schon gereicht, wenn du mit ihr gedroht hast. Dann war schon Ruhe.“ Beide lachen. Für einen Moment sind sie wieder Kinder.
Wer steht uns heute bei?
Dann wird Birgit nachdenklich und fragt: Wer steht uns heute eigentlich bei?“
Verena muss lächeln. Sie denkt: „Das ist wieder so ein typischer Birgit-Move. Eben noch locker in der Kindheit. Und plötzlich ganz ernsthaft. Das schätzt sie an ihrer Freundin. Sie geht in ihren Gesprächen gerne in die Tiefe.
So wie jetzt, denn Birgit ergänzt: „Heute ist wohl Gott an die Stelle meiner großen Schwester getreten. Gott ist da, wenn ich Hilfe brauche.“
Wenn Gott nicht kommt: Zweifel und Enttäuschung
Verena erwidert mit einem Staunen: „Ganz schön steile Kurve vom Spielplatz zum lieben Gott! Aber spannend. Denn bei mir ist das ganz anders. Mein älterer Bruder kam nie. Ich habe gewartet, auf dem Schulhof, im Regen, mit blutiger Nase. Aber er kam nicht. Genau so ist das für mich auch mit Gott. Er kommt nicht.“
Birgit fragt vorsichtig nach: „Bist du sicher?“ Verena bestätigt: „Ganz sicher. Und weißt du: Wenn der große Bruder nie kommt, merken das die anderen mit der Zeit. Irgendwann muss er sich zeigen, sonst rechnet niemand mehr mit ihm.“
Birgit bemerkt die Wucht, mit der ihre Freundin gesprochen hat und spürt ihre Enttäuschung.
Muss Gott zeigen, dass er da ist?
Dann erwidert Birgit: „Da gebe ich dir Recht. Meine ältere Schwester musste schon zeigen, dass sie da ist – und dass sie stark ist. Erst danach war sie wie eine unsichtbare Macht. Vielleicht ist das bei Gott ähnlich.
Verena sagt: „Und wenn dieses eine Mal bei mir nie kam? Bei meinem schweren Unfall nicht, bei der Scheidung nicht und auch sonst nicht.“
Birgit reagiert vorsichtig und überlegt: „Vielleicht ist Gott nicht wie der große Bruder mit der starken Faust, den du nie hattest, sondern anders. Vielleicht der, der dich damals aus dem Auto zog. Vielleicht die, die sich neben dich setzt und schweigt, bis du dein Herz ausschüttest.“
Gott lässt sich nicht herbeireden
Verena erwidert. „Na, da hätte ich doch etwas mehr erwartet.“
Birgit drängt es, darauf zu antworten. Doch dann schweigt sie lieber. Denn Gott lässt sich nicht herbei argumentieren. Man kann nur hoffen, dass er sich bemerkbar macht.