Bunte Farben
Eine ramponierte grüne Pappschachtel mit zwölf abgemalten Kreide-Stiften fällt mir beim Ausmisten in die Hände. Sie will sie gerade wegschmeißen, da halte ich inne. Ich musste diese Kreiden im sechsten Schuljahr kaufen für den Kunstunterricht. Das ist schon ewig lange her. Aber ich erinnere mich noch genau: Meine Eltern stöhnten. Für sie waren diese Künstlerkreiden ein teurer Luxus. Der Kunstlehrer versprach uns ein ganz neues Farberlebnis.
Die Entdeckung der Farbenwelt: Wie alles begann
Ich bin also zum ersten Mal im Leben ein Geschäft für Künstlerbedarf gegangen. Da gab es Tuben und Pinsel, kostbare Papiere und eben auch die Kreiden. Polychromos, so der Name. – viele Farben heißt das, vielfarbig. Im Unterricht lernten wir, mit diesen Kreiden zu arbeiten. Mit den Fingern konnte man die aufgetragenen Farben vermischen. Neue Farbtöne und Schattierungen entstanden. Ich sehe es noch vor mir: Eine Winterlandschaft in blassen Blautönen, Dunst und Nebel, zarte Grüntöne des ersten Frühlings - all das war kein Problem mit den bunten Kreiden.
Kunst, Erinnerungen und Lebensfarben
Ich halte die angeranzte Pappschachtel in der Hand und kann sie nicht wegwerfen. Sie hat mir zwei Türen im Leben geöffnet, für die ich dankbar bin: zum einen der Besuch im Geschäft für Künstlerbedarf. Das war für mich der Beginn einer großen Liebe zu schönem Papier, zu den Farben und zur Kunst. Ein weißes Blatt mit Farbe und Formen füllen - das ist wie das Leben selbst. Groß und weit liegt es vor mir.
Was lehrt mich ein weißes Blatt über das Leben?
Welche Farbe ich wähle, was ich male, hängt nicht nur von mir selbst ab. Ich kann nur das Material nutzen, was da ist. Aber ich habe Gestaltungsspielraum. Und wie beim Mischen der Farben überrascht mich das Leben immer wieder mit neuen Tönen und Wendungen.
Polychromos – Die Welt ist nicht schwarz-weiß
Zum Zweiten: Der Name „Polychromos“ – vielfarbig. Der Kunstlehrer in der sechsten Klasse hat mir mit den Kreiden gezeigt: die Wirklichkeit ist nicht nur schwarz-weiß. Es gibt mehr als „Die“ und „Wir“, Freund oder Feind. Das Leben hat viele Töne und Schattierungen. Im Miteinander und in mir selber.
Die vielen Töne der Liebe und des Glaubens
Zum Beispiel die Liebe: Sie ist mal leidenschaftlich rot und ein andermal tief und blau. In mir selber ist es mal licht, mal eher dunkel. Ich bin fröhlich oder traurig, sprühe vor Ideen oder fühle mich wie gelähmt. Gott nimmt Menschen an, wie sie sind. Alle leuchten in ihren je eigenen Farben. Glitzern und schimmern inklusive. Die Malkreiden erinnern mich daran. Und ich stelle die Schachtel mit den Kreiden wieder ins Regal.