Bubble Crasher
Vor einigen Jahren war ich pilgern auf dem Jakobsweg. Dort habe ich eine ungewöhnliche Freundschaft geschlossen. Mit einem älteren Mann aus Florida. Ich nenne ihn John.
Zwei Welten, zwei Lebensblasen
Ungewöhnlich ist diese Freundschaft nicht nur, weil uns ein Ozean trennt. Sondern auch, weil wir grundverschieden leben. In ganz eigenen Welten. Man sagt heute auch: in unterschiedlichen Bubbles – also in einer Blase, ohne Überschneidung mit anderen Lebenswelten. Das Phänomen ist bekannt: Menschen umgeben sich gerne mit anderen, die ähnlich ticken wie sie selbst, die ähnlich leben, ähnlich wählen. Andere Lebensentwürfe berühren sie kaum – eben wie in einer Blase.
Wenn Meinungen aufeinanderprallen
Dass John nicht in meiner Bubble ist, merke ich schnell. Manche gesellschaftlichen Entwicklungen ärgern ihn. Er sagt: Wie kann es sein, dass Frauen Schwangerschaften abbrechen? Und dass sich so viele Paare scheiden lassen? Die machen es sich doch alle zu einfach!
Zwischen Überzeugung und Verständnis
Das sehe ich anders. Und ich bin es gewöhnt, dass mein Umfeld meine liberaleren Sichtweisen teilt. John nicht. Aber: Uns verbindet das Pilgern. Wir teilen Blasenpflaster, Proviant und Erinnerungen miteinander. Und wir verstehen uns – nach und nach – immer besser.
Was steckt hinter Johns Haltung?
Er erzählt mir: Seine Frau hatte einmal eine Fehlgeburt. Deswegen findet er es unfassbar, dass sich andere aus freien Stücken gegen ein Kind entscheiden. So verstehe ich zumindest, warum das Thema Abtreibung für John so emotional ist.
Meine Geschichte vom Neubeginn
Und John erfährt von mir, dass ich Scheidungskind bin – und richtig froh darüber! Meine Eltern haben beide neue Partner gefunden, mit denen sie viel glücklicher sind. Und ich liebe meine Patchworkfamilie.
Ein Dialog trotz Unterschied
John versteht das. Gut findet er Scheidungen trotzdem nicht. Da werden wir uns doch nicht einig. Aber: Wir tauschen uns aus, respektvoll und ehrlich interessiert. So halten wir auch unsere Unterschiede aus.
Freundschaft über Kontinente hinweg
John und ich haben bis heute Kontakt. Er ist ein Freund geworden. Das ist nicht immer so, wenn man jemandem außerhalb der eigenen Bubble begegnet. Aber ich glaube, genau das brauchen wir: Orte, wo wir einander begegnen. Wo treffe ich Menschen, die ganz andere Positionen haben als ich? Und die trotzdem an ehrlichen Gesprächen interessiert sind?
Orte der Begegnung statt Mauern
Für John und mich ist der Jakobsweg so ein Ort geworden. Einen anderen finde ich in Thüringen. Dort gibt es ein kirchliches Projekt, das genau das versucht: Menschen ins Gespräch zu bringen, die politisch gegensätzliche Überzeugungen haben oder sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen. Das Projekt heißt „Bubble Crasher“. Die Blasen, die diese Menschen sonst voneinander trennen, sollen zum Platzen gebracht werden. Vor allem Jugendliche üben dort, wie man miteinander gut sprechen kann: Wie kann ich meine Position Menschen erklären, die mir nicht automatisch zustimmen? Und wie geht das Gespräch dann trotzdem weiter in einer interessierten und respektvollen Weise?
Bubble Crasher – Warum wir reden müssen
Bubble Crasher werden. Keine leichte Aufgabe. Aber für den Zusammenhalt in der Gesellschaft ist es wichtig, sich ernsthaft miteinander auszutauschen. Meine Pilgerreise damals hat mir gezeigt: das lohnt sich: Sprechen – zuhören. Unterschiede aushalten. Blasen platzen zu lassen, statt Mauern hochzuziehen.