hr2 ZUSPRUCH
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Kohl, Rüdiger

Eine Sendung von
Rüdiger Kohl,
Evangelischer Pfarrer, Theologischer Referent der Stellvertretenden Kirchenpräsidentin der EKHN

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Menschen stehen an einem Mahnmal, während sie Blumen niederlegen und in Bücher schauen. Die Atmosphäre ist nachdenklich und respektvoll, mit mehreren Rosen, die entlang der Wand platziert sind.

11.9.2001 - ein Stoßgebet, das bis heute trägt

Eine Schlagzeile habe ich nicht vergessen. Vor 25 Jahren stand sie in großen Lettern auf der Titelseite einer deutschen Tageszeitung. Da stand: „Großer Gott, steh uns bei!“ Das war einen Tag nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Und darunter stand: „Die Welt in Angst! Gibt es Krieg?“

Eine Schlagzeile, die nachhallt

„Großer Gott, steh uns bei!“ Ich weiß, viele Menschen haben diesen Satz damals wirklich ausgesprochen. Die, die vor Ort waren. Die Feuerwehrleute im Einsatz. Oder viele beim Anblick der Bilder aus New York in einem Wohnzimmer, vor dem Fernseher. Vielleicht später in einer Kirche, in einer Andacht. Oder irgendwo ganz allein. Dieser Satz ist nicht nur damals gesprochen worden. Menschen sagen ihn immer wieder. Bis heute, bei allen Krisen dieser Zeit.

Der Satz in der Krise

Oder im persönlichen Leben: Wenn jemand eine schlimme Diagnose hört. Wenn eine Beziehung zerbricht. Wenn einem das heranwachsende Kind zu entgleiten droht. Dann kommt manchmal auch: „Großer Gott, steh uns bei!“ Das kann schon alles sein, was einem einfällt. Ich muss nicht einmal wissen, was jetzt geschehen soll. 

Ein Gebet vom Apostel Paulus

Im Römerbrief in der Bibel schreibt der Apostel Paulus einen bemerkenswerten Satz: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf und tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen“ Römerbrief 8,26. Ich finde diesen Satz stark. Denn Paulus sagt nicht: Wenn du glaubst, dann findest du immer die richtigen Worte. Im Gegenteil. Es gibt Momente, da fehlen die Worte. Da bleibt nur ein Seufzen. Ein „Ach Gott“. Ein „Warum?“ Oder eben: „Großer Gott, steh uns bei.“

Wenn die Sprache versagt

Eine tröstliche Vorstellung. Ich muss also keine großen Worte finden. Ich muss Gott nicht erklären, warum ich Angst habe. „Steh uns bei.“ Das heißt zunächst nur: Sei da. Bleib bei uns. Lass uns in dem, was uns überfordert, nicht allein.

Ein Versprechen im Seufzen

Ich mag an diesem Gebet auch: Ich schreibe Gott nicht vor, wie er helfen soll. Es sagt nicht: Mach, dass alles wieder gut wird. Es sagt nicht: Nimm sofort die Angst weg. Es sagt nur: Steh uns bei. Vielleicht ist das sogar die tiefste Form des Vertrauens. Dass ich Gott nicht um eine bestimmte Lösung bitte, sondern um seine Nähe. Und manchmal geschieht genau darin etwas. Die Situation bleibt schwierig. Die Trauer bleibt. Die Angst ist nicht einfach verschwunden. Aber ich bin nicht mehr ganz allein damit.

Getragen durch schwere Zeiten

Wenn mir selbst die Worte fehlen, gibt es Worte, die mich tragen. „Großer Gott, steh uns bei!“ Das ist mehr als eine laute Schlagzeile. Das ist ein Stoßgebet für die Katastrophen der Welt. Aber auch für die Katastrophen des eigenen Lebens. Ich will darauf vertrauen: Gott hört auch ein Gebet, das kaum mehr ist als ein Seufzer. Gottes Beistand ist manchmal genau dies: Dass ich durch eine schwere Zeit hindurchgetragen werde – nicht weil alles gut ist, sondern weil ich nicht allein bin.