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Wucherpfennig, Dr. Ansgar

Eine Sendung von

katholischer Theologe, Kassel

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Licht im dunklen Wald

Samstag morgens in der Künstler-Nekropole

Am Samstag nehmen wir uns morgens immer Zeit, um einen ausgedehnten Spaziergang mit dem Hund zu machen. Dabei führt unser Weg oft von Kassel-Harleshausen in den Habichtswald zur Künstlernekropole hinauf. Die Nekropole ist eine besondere Totenstadt. Etwa 40 Künstlerinnen und Künstler haben dort seit den 1980er Jahren schon zu ihren Lebzeiten ihr eigenes Grab gestaltet, in dem sie später bestattet werden sollen. Dabei sind viele interessante letzte Ruheorte entstanden, und einige der Künstlerinnen und Künstler sind dort inzwischen auch schon beigesetzt.

Die unterirdische Skulptur wird einmal seine Asche aufnehmen

Ein Grab zieht uns dabei besonders an. Auf unserem Weg müssen wir von unten ein paar Kurven den Wald hinaufsteigen und finden es dann am Rand des Blauen Sees. Ella, die Golden-Retriever-Hündin, hat dann etwas Zeit zum Pausieren, denn wir bleiben eine Weile bei dem noch leeren Grab. Es ist ein Bronzeguss von Timm Ulrichs. Der Künstler hat den bronzenen Abguss seines Körpers als Hohlform kopfüber in den Boden eingelassen. Diese bronzene unterirdische Skulptur soll einmal seine Asche aufnehmen. Von oben sieht man nur seine offenen Fußsohlen – sie sind in der ebenen Erde verschlossen unter einer Glasplatte. In die Fußstapfen des Künstlers kann man eintreten und wird so zum sichtbaren, lebendigen Gegenbild zur der Bronzeskulptur des Körpers in der Erde. Wir tun das dort jedes Mal. 

Ich werde mir bewusst, wie kostbar jeder Augenblick ist

Wenn ich auf diesen Fußspuren stehe, blicke ich auf den See hinaus und in den Wald hinein. Jetzt im Herbst lassen die Bäume ihre bunten Blätter fallen. Viele davon sammeln sich auf dem See und machen seine Wasseroberfläche zu einem vielfarbigen Mosaik. Das ist für mich immer ein Moment des Memento Mori – jetzt im Herbst besonders. Ich werde mir bewusst, wie kostbar der Augenblick ist, den ich erlebe, weil mir dieses Leben einmal genommen werden wird. Ich wünsche mir, dass ich diesen Abschied aus meinem Leben bewusst erleben kann. „Jetzt und in der Stunde unseres Todes" heißt es in einem Gebet. Ich habe einmal gehört: Das sind die beiden entscheidenden Augenblicke im Leben eines Menschen. Das stimmt für mich. 

Mit Vertrauen in die ungewisse Zukunft gehen

Wenn das Sterben kommt, trete ich ein in eine ungewisse Zukunft, die ich nicht in meiner Hand habe. Etwas davon passiert aber eigentlich auch in jedem Augenblick: Mit jedem Jetzt beginnt etwas, das auf mich zukommt und über das ich nicht allein bestimmen kann. Das kann mir Angst machen, und das tut es auch manchmal. Ich muss mich dieser Angst aber nicht passiv überlassen. Ich kann bewusst in die ungewisse Zukunft hineingehen, ich kann mich ihr öffnen und sie mit Vertrauen in meine Hand nehmen. So kann ich sie auch mitgestalten. Ich hoffe, dass ich mit einem solchen Vertrauen auch einmal bei meinem Sterben in die Zukunft gehen kann.