Von Grund auf böse oder im Grunde gut?
Eigentlich möchte ich ihm gerne zustimmen. Oder doch nicht? Da bin ich mir nicht so sicher. Ich denke an Rutger Bregman. Ein Historiker aus den Niederlanden. Er hat ein Buch über die Geschichte der Menschheit geschrieben. Mit einer klaren Botschaft. Die steht schon im Titel und lautet: „Im Grunde gut“.
Was meint der Autor mit „Im Grunde gut“?
Bregman behauptet: Der Mensch ist im Grunde seines Wesens gut. Ausführlich begründet er das in seinem Buch. Beim Lesen bin ich hin und her gerissen: Einerseits möchte ich, dass er Recht hat. Andererseits drängt es mich zu widersprechen.
Glaube und Bibel – ein Gegensatz?
Auch mein Glauben ist betroffen. Denn ganz zu Beginn der Bibel beurteilt Gott seine Schöpfung als gut. Ausdrücklich sind damit auch die Menschen gemeint. „Und siehe, es war sehr gut“, heißt es in der Schöpfungserzählung (Genesis 1,31). Doch schon nach wenigen Kapiteln kommt Gott zu einem anderen Schluss und bezeichnet das Denken und Tun des Menschen als, so wörtlich, „böse von Grund auf.“ (Genesis 6,5 und 8,21)
Ist der Mensch im Kern gut oder böse?
Ist der Mensch im Kern böse oder gut? Von der Antwort auf diese Frage hängt sehr viel ab. Für mich persönlich im Alltag, wenn ich anderen Leuten begegne: Vertraue oder misstraue ich ihnen? Auch für die ganze Gesellschaft hängt viel davon ab. Etwa bei den Schülern in der Schule. Oder bei den Arbeitslosen im Jobcenter. Oder bei den Geflüchteten. Gehe ich davon aus, dass der Mensch im Grunde faul, durchtrieben oder gar gefährlich ist? Dann muss ich ihn antreiben und kontrollieren.
Hoffnung auf das Gute im Menschen
Oder ist er im Grunde fleißig und gutwillig? Dann kann ich ihm etwas zutrauen und ihn ermutigen. Dann kann ich auch hoffen, dass die Menschheit die großen Herausforderungen bewältigt, vor denen sie aktuell steht. Dies ist das Anliegen des Autors Rutger Bregman. Er will den Menschen etwas zutrauen. Denn er sagt: Wir bekommen, was wir erwarten.[3]
Bregmans Kernidee: Erwartung formt Wirklichkeit
Wer nur mit dem Bösem rechnet, wird es auch bekommen. Etwa beim Klimawandel. Viele denken: der sei unvermeidbar, weil sich die meisten Menschen darum ohnehin kaum kümmern wollen. So wird es dann auch wohl kommen. Deshalb: Wer etwas Besseres erreichen will, muss es erwarten.
Gutes Erwarten als Haltung
Dazu gehört auch, auf seine Mitmenschen anders zuzugehen. Sie sollen schon in der Ansprache merken, dass ich Gutes von ihnen erwarte. Es lohnt sich Rutger Bregman genau zuzuhören. Denn er bringt erstaunliches zutage. Sein Buch macht nachdenklich und auch Mut.
Musik 1: Vytautas Miškinis “Cantate Domino” (Lords of the Cords)
„Im Grunde gut“- so nennt Rutger Bregman sein Buch. Darin spannt er einen weiten Bogen über die gesamte Geschichte der Menschheit. Am Anfang waren die Menschen Jäger und Sammler. Als Nomaden zogen sie umher.
Warum Kooperation stärker ist als Kraft
In dieser Zeit prägten die Menschen ihr Gehirn, ihr Wesen und ihr Sozialverhalten aus. Und in dieser Lebensform war es unerlässlich, eng mit anderen zusammen zu arbeiten, miteinander zu teilen[4] und im Grunde seines Herzens gut zu sein. Denn Konflikte und gar Gewalt hielten von den wirklich wichtigen Aufgaben ab.
Der evolutionäre Vorteil des Guten
Warum hat sich der Mensch zur erfolgreichsten Lebensform auf der Erde entwickelt? Nicht wegen seiner Körperkräfte, da sind andere stärker. Nicht wegen seiner Intelligenz, die haben andere auch. Sondern wegen seiner sozialen Kompetenz. Weil er im Grunde gut war und mit seinen Mitmenschen gut umgegangen ist. Erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach Gemeinschaft[5]. Davon ist Bregman überzeugt.
Vom Teilen zum Misstrauen
Doch dann wurden die Menschen sesshaft[6]. Sie begannen privates Eigentum zu beanspruchen. Durch Besitz und Rang prägten sich immer größere Unterschiede aus. Später bildeten sich Staaten, die Konflikte eingingen[7]. Immer stärker wurde die Angst, etwas zu verlieren. Damit wuchs auch das Misstrauen gegenüber anderen.
Stress, Misstrauen und Kriege
Diese Zeit begann vor etwa 3000 Jahren. Das klingt lang, ist aufs Ganze gesehen aber kurz. Rutger Bregman geht davon aus: Die ursprünglich gute Prägung ist in den Menschen noch intakt. Im Innern sind sie auf Gut programmiert. Seitdem sie sesshaft sind, stehen die Menschen unter Stress. Sie sind umgeben von Misstrauen, Missgunst und Konflikten, bis hin zum Krieg.
Die Bibel als Spiegel der menschlichen Entwicklung
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Bibel wider. Ihre frühen Geschichten handeln von Nomaden. Die ziehen umher, besuchen einander und regeln ihre Konflikte meist friedlich. Die Bibel berichtet allerdings auch, dass es schon da Neid gibt, der zu Gewalt führen kann, etwa unter Geschwistern. Doch das Konfliktpotenzial verstärkt sich erheblich, als erste Städte entstehen: Babylon, Sodom und Gomorrha. Keine guten Orte, so beschreibt es die Bibel (Genesis 13,13). Dann tauchen die ersten Königreiche auf. Eindringlich warnen jüdische Propheten davor. Denn mit den Königen kommen die Machtansprüche, die Steuern und die Kriege[9]. Doch die Geschichte ist nicht aufzuhalten. Nicht im Volk Israel und auch nicht in der Menschheit.
Macht, Ideale und Versuchung zum Bösen
Bregman weiß natürlich von all dem Bösen, das Menschen einander antun. Er ist jedoch überzeugt: Eigentlich ist das nicht unsere Natur. Wir tun es einander nicht gerne an. Allerdings kann man Menschen dazu bringen, böse zu werden und Böses zu tun. Etwa durch schlechte Erfahrungen oder schlechte Einflüsse oder durch Drohungen. Oder durch Not. Deshalb schränkt Bregman ein: nur im GRUNDE gut.
Dabei ist er kein Idealist. Im Gegenteil, er misstraut Idealen. Denn oft sind ausgerechnet sie es, die die Menschen dazu verleiten, anderen Böses anzutun.
Warum Ideale gefährlich sein können
Zum Beispiel aus Kameradschaft und Treue. Oder aus Patriotismus und Rassismus. Oder weil man eine bestimmte Religion oder Gesellschaftsform durchsetzen will. Oder weil man einem Ideal von männlicher Stärke entsprechen will. Dann denken manche: „Wenn solche Ideale es verlangen, Böses zu tun, dann muss es eben getan werden.“ Deshalb rät Rutger Bregman: Prüft Ideale sehr kritisch. Er selbst setzt lieber auf das pure Menschsein. Denn im direkten Miteinander von Mensch zu Mensch kommt der gute Kern am besten zum Vorschein. Aber gibt es diesen guten Kern überhaupt? Viele bezweifeln das.
Musik 2: Dieter Wendel “Befreit” (Bläserensembles des Poseunenwerkes Bayern)
Der Mensch – im Grunde gut!? Von wegen! Ich brauche doch bloß die Nachrichten anzuschauen. Bregman sieht sie kritisch.
Warum gute Nachrichten selten sind
Denn sie fokussieren den Blick auf alles, was nicht gelingt[10]. Das ist ihr Auftrag, und den erledigen die Medienleute weithin gut. Doch dabei entsteht der falsche Eindruck, die Welt bestehe überwiegend aus Kriegen, Konflikten, Problemen und Verbrechen. Wo es gut läuft, entstehen meistens keine Nachrichten. Hinter jeder schlechten Nachricht stehen deshalb viele ungenannte gute Nachrichten.
Das Böse fasziniert
Ähnlich ist es bei Filmen und Romanen. Viele umkreisen das Böse, weil es fasziniert und spannend ist. Auch weil es im Alltag kaum vorkommt.
Bregman regt einen persönlichen Realitätscheck an, mit der Frage: Wo erlebe ich persönlich im Alltag Menschen, die mir oder anderen böse gesonnen sind? Ehrlich gesagt: Selten.
Im echten Leben überwiegt Freundlichkeit
Viel häufiger begegne ich friedlichen Menschen, die nichts Böses im Schilde führen. Da gibt es mal Missverständnisse oder unterschiedliche Meinungen. Es gibt schlechte Laune oder Unaufmerksamkeit. Aber kaum jemand will den anderen etwas Böses. Im Gegenteil: Ich erlebe viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Dennoch: ein negatives Menschenbild
Dennoch ist der Gedanke tief verankert, dass der Mensch im Kern böse sei und in Schach gehalten werden muss. An diesem Punkt sind sich fast alle einig, auch wenn sie sonst ganz unterschiedliche Meinungen haben: Ob Kommunisten oder Kapitalisten. Ob Philosophen oder Naturwissenschaftler[11]. Alle kommen in Bregmans Buch ausführlich zu Wort. Dann hält er dagegen.
Negative Sicht blockiert positives Denken
Zwar kann er viele Einwände gegen seine These entkräften. Dennoch erlebt er oft: Was nicht in das negative Bild vom Menschen passt, das dringt nicht durch. Nicht durch die Nachrichten. Nicht in das Bewusstsein der Menschen. Nicht in der Sozialforschung.
Kirchenlehre: Der Mensch ist von Geburt an sündig
Auch in den Kirchen galt als gesetzt, dass der Mensch im Kern böse ist, der Sünde verfallen, von Geburt an[12]. Er muss geläutert werden von Gott, von der Kirche. Diese Sicht galt über Jahrhunderte hinweg auch in den beiden großen Kirchen in Deutschland. Sie gehörten damals zu den Mächtigen und stützten die Machtstrukturen.
Menschenbild als Machtinstrument
Die Kirchen haben dazu beigetragen mit ihrem Bild vom Durch und durch sündigen Menschen. Denn ein negatives Menschenbild spielt all denen in die Hände, die Macht ausüben wollen, die andere unter ihrer Kontrolle halten wollen[13]. Diktatorische Herrscher zum Beispiel, egal ob in einem Staat oder einem Unternehmen. Die können immer sagen: „Ich muss für Ordnung sorgen. Ich halte für euch das Böse in Schach.“ Es stärkt auch die kirchliche Position, wenn der Mensch der Gnade Gottes bedarf, über die man als Kirche selbst meint verfügen zu können. Religiöse Institutionen stehen immer in der Gefahr, sich selbst zu überhöhen[14].
Christentum: Liebe als Menschenkern
Heute sehen die Kirchen klarer den Kern des Menschen und den Kern der christlichen Botschaft. Dieser Kern ist aus meiner Sicht die Liebe, mit der Gott die Menschen durchdringen will. Gott traut ihnen sogar zu, selbst Botschafterinnen und Botschafter seiner Liebe zu sein[15]. Dafür geht Gott auf die Menschen persönlich zu.
Der Kern des christlichen Glaubens
Das ist der Kern des christlichen Glaubens: In Gestalt von Jesus Christus lebt Gott die Liebe vor. Damit geht Gott ins Risiko – und wird dabei immer wieder enttäuscht. Denn Menschen sind gefährdet. Sie können sich vom Bösen faszinieren lassen. Aber sie können davon auch die Finger lassen. Das fordern viele in der Bibel, auch der Prophet Amos. Er sagt: „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebt und der Herr, der Gott Zebaoth, mit euch sei.“ (Amos 5,14)
Menschen zwischen Gut und Böse
Der Mensch kann Böses tun, aber im Kern ist er gut. Diese Hoffnung hat Gott nie aufgegeben. Das ist für mich der christliche Grundgedanke. Eigentlich eine wunderbare Botschaft. Dennoch halten viele den Menschen lieber für böse. Warum?
Musik 3: Johann Sebastian Bach “Bourrées aus: Orchestersuite h-moll” (Albrecht Mayer, Sinfonia Vasovia)
Warum halten viele den Menschen lieber für böse als für gut? Weil das bequemer ist. Wenn der Mensch im Allgemeinen böse ist, dann stehe ich selbst besser da. Dann erscheint mein meist harmloses Leben in einem besseren Licht. Ich bin ja nicht böse, begehe keine ich schwere Verbrechen.
„Der Mensch ist halt so“
Dem gegenüber erscheinen mein Egoismus und meine Gleichgültigkeit vergleichsweise harmlos. Und wenn ich davon etwas bei mir entdecke, kann ich das gut legitimieren. Ich rechtfertige das vor mir selbst, in dem ich sage: Der Mensch ist halt so! Das entlastet mich natürlich[17]. So wähnen sich viele in guter Gesellschaft. In einer Art Solidargemeinschaft der Nicht-ganz-so Schlechten.
Misstrauen schützt vor Enttäuschung
Und noch ein weiterer Grund, warum viele den Menschen lieber für böse als für gut halten: Es geht dabei auch um Vertrauen und die Angst, enttäuscht zu werden. Wer anderen vertraut, kann enttäuscht werden. Das merkt man schnell und bitterlich. Wer anderen misstraut, wird dagegen nicht enttäuscht, sondern immer bestätigt. Man merkt ja gar nicht, wie oft es richtig gewesen wäre, auf das Gute im Menschen zu setzen.
Negatives prägt sich siebenfach ein
Hinzu kommt noch etwas: Menschen empfinden Unangenehmes viel intensiver als Angenehmes. Ein böses Erlebnis beschäftigt uns sieben Mal länger als eine gute Erfahrung. Das verzerrt natürlich das Menschenbild ins Negative.
Bregman: Das Gut ist real
Rutger Bregman spricht sich für einen anderen Umgang damit aus – geprägt von Wissenschaft und Vernunft. Für ihn ist der gute Kern im Menschen nicht illusorisch, nicht naiv, sondern schlichtweg realistisch. Er sagt „Das Böse ist zwar stärker, aber das Gute kommt häufiger vor.“[18] Denn es setzt sich häufiger durch, das ist statistisch nachgewiesen. Deshalb ist es, rein statistisch gesehen, richtiger, vom Guten auszugehen[19] Damit lebt man besser. Sofern man es schafft, gelegentliche Enttäuschungen hinzunehmen. Bregman empfiehlt: Man soll schlechte Erfahrungen quasi einpreisen, sich davon aber nicht grundsätzlich erschüttern lassen.[20]
Neuer Realismus für bessere Zukunft
Warum ist ihm das so wichtig, dass er darüber ein dickes Buch schreibt? Weil sich das negative Menschenbild immer wieder selbst bestätigt. Eine bessere Zukunft ist möglich, wenn die Menschen ihren guten Kern wieder entdecken[21]: Deshalb ist es Zeit für einen neuen Realismus, sagt er[22].
Jesus als Kronzeuge für das Gute
Dafür kommt Bregman immer wieder auf Jesus zurück. Jesus ist sein Kronzeuge[23]. Denn er hat so gelebt, wie Bregman sich das vorstellt. Jesus ist den Menschen mit Liebe begegnet. Denn Jesus ist davon ausgegangen, dass sie im Kern gut sind. Von Gott geschaffen. Dieser Kern ist allerdings oft verborgen, umzingelt von schlechten Erfahrungen, vielleicht auch von Machtgier und Habgier. Oder von falschen Idealen. Aber der gute Kern ist da. Man muss nur zu ihm durchdringen.
Das Gute sehen - auch im scheinbar Verlorenen
Deshalb hat sich Jesus auf alle eingelassen. Gerade auch auf die, die als unrein, als sündig und verloren galten. Auch in ihnen hat er das potenziell Gute gesehen[24]. Um Gutes zu bekommen, muss man eben Gutes erwarten. Und dafür gelegentliche Enttäuschungen in Kauf nehmen.
Nicht Böses mit Bösem vergelten
Christen sollen deshalb nicht Böses mit Bösem vergelten (1.Petrus 3,9). Sondern beim Guten bleiben und damit in ihrem Gegenüber auch das Gute herauslocken (Römer 12,21). Bregman formuliert es so: Verzeihen ist keine edle Haltung, sondern eine gute Vereinbarung, ein guter Deal für ein besseres Leben miteinander[26].
„Im Grunde gut“ – ein Versuch ist es wert
Ich werde Bregmans Idee nicht mehr los. Zwar erkenne ich, wie gefährdet wir Menschen sind, einander Böses zu tun – schon immer. Und wie oft das auch geschieht. Aber noch viel öfter geschieht das eben nicht. Die Vorstellung vom bösen Menschen ist allzu bequem und allzu verbreitet. Das rückt Rutger Bregman in seinem Buch zurecht: Im Grunde gut - das bedeutet: Wir Menschen können auch anders. Ich finde: Einen Versuch ist es wert.
Schlussmusik 4: Christopher Tambling “Gloria aus: Missa Brevis” (The Embassy Singers, Cond. By Andrew Sims, Organ: Caroline Roth)
Rutger Bregman, Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, 1. Auflage 2019, Rowohlt
[3] Rutger Bregman, Im Grunde gut, 3. Auflage 2021, 284ff u.v.m. Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe
[4] S. 120
[5] S. 94
[6] S. 126ff
[7] S. 132
[9] S. 125f, 1.Samuel 8, Richter 9,8-15
[10] S. 30ff, 218ff
[11] S. 29f, S. 167ff, 250ff, 293ff u.a.
[12] S. 201
[13] S. 37
[14] S. 260f
[15] Johannes Evangelium 13,34f, 15.12, 17,26, Römer 5,5 u.a.
[17] S. 201
[18] S. 392
[19] S. 417
[20] S. 418
[21] S. 38, 415f
[22] S. 38
[23] S. 290ff
[24] S. 290f, 355
[26] S. 419f