hr2 MORGENFEIER
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Eine Sendung von

Katholischer Pfarrer, Pfarrei Sankt Josef in Neu-Isenburg

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Eine schimmernde, engelartige Gestalt mit großen, ausgebreiteten Flügeln schwebt durch eine Wolkenlandschaft im Himmel. Der Himmel ist hellblau mit zahlreichen weißen Wolken, die die himmlische Atmosphäre verstärken.

Geborgen und gesegnet ins neue Jahr

Der Jahreswechsel liegt nicht weit hinter uns. Vielleicht ist noch etwas von der Ruhe der Feiertage spürbar, vielleicht auch von der Melancholie, die das Alte verabschiedet und das Neue noch tastend betrachtet. 

Im neuen Jahr schaue ich erst zurück

In Hessen gehen ja auch jetzt erst die Weihnachtsferien zu Ende – da hatten sicher einige noch etwas Zeit, in die alten und neuen Kalender zu schauen. Ich gehöre zu denen, die in den ersten Wochen des neuen Jahres noch zurückschauen. Die vielen Neujahrsempfänge im Monat Januar laden mich weiterhin dazu ein. 

Gleichzeitig nehme ich einen Ausblick in das begonnene Jahr mit all dem, was ich erwarte, erhoffe, befürchte oder einfach noch nicht weiß. 

Was wird in diesem Jahr kommen?

Gerade am Anfang eines Jahres stellen sich viele Fragen: Was wird kommen? Was bleibt von dem, was war? Woher nehme ich Kraft, Mut und Zuversicht für das, was vor mir liegt?

Ein Lied, das viele Menschen gerade zu Jahresbeginn begleitet, ist das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. In meiner Gemeinde singen wir jedes Jahr dieses Lied im Jahresschlussgottesdienst und lassen unsere große Christusglocke läuten, sie trägt die Aufschrift: Christus gestern, Christus heute, Christus in Ewigkeit. Dieses Lied ist für mich mehr als ein schönes Kirchenlied. Es ist ein Lebenszeugnis, ein Gebet, ein Segen – und ein Halt in unsicheren Zeiten. 

Musik 1:        Von guten Mächten treu und still umgeben

(GL 430, Melodie: Kurt Grahl; aus „Singt, singt, singt dem Herrn!“ CD zum Klavierbuch Gotteslob)

Zwischen Rückblick und Ausblick

In den ersten Tagen des neuen Jahres mischt sich vieles: Hoffnung und Vorsicht, Neugier und Angst. Wir wissen nicht, was kommen wird – persönlich, gesellschaftlich, weltweit. Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Umwelt lassen uns in diesen Tagen nicht selten mit einem Gefühl der Ohnmacht zurück.

Gerade in solchen Zeiten suchen Menschen nach Worten, die tragen - nach Worten, die nicht beschönigen, aber stärken - nach Worten, die größer sind als unsere momentane Lage. Hier kommt für mich das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ ins Spiel.

Die „guten Mächte“ sagen: Ich bin nicht allein

Dieses Lied hat eine besondere Geschichte. Die Worte stammen von Dietrich Bonhoeffer, einem evangelischen Theologen, der im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime aktiv war. Er schrieb dieses Gedicht Ende 1944, wenige Monate vor seiner Hinrichtung, im Gefängnis.

Es ist wichtig, sich das bewusst zu machen, denn diese Zeilen sind nicht in einer behüteten, sicheren Situation entstanden. Sie wurden nicht geschrieben aus einem Leben im Wohlstand oder in äußerer Ruhe. Sie wurden geschrieben in einer Zeit größter Bedrohung, Ungewissheit und Angst.

Und doch beginnt das Gedicht nicht mit Klage, nicht mit Verzweiflung, sondern mit einem erstaunlichen Vertrauen:

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar“

Bonhoeffer weiß nicht, ob er den nächsten Tag erleben wird. Er weiß nicht, wie seine Geschichte ausgeht - und dennoch spricht er von „guten Mächten“, die ihn umgeben.

Die „guten Mächte“ geben Halt

Diese guten Mächte sind keine Zauberkräfte, die alles Leid fernhalten. Es sind auch keine Garantien für ein glückliches Ende. Die „guten Mächte“ sind für Bonhoeffer Wegzehrung für den steinigen, schweren Gang, von dem er ahnt, dass er kommen wird. In den guten Mächten erfährt Bonhoeffer auch Gott und seinen Halt. 

Diese guten göttlichen Mächte spürt Bonhoeffer auch durch die Liebe der Eltern und der Verlobten, die Treue der Freunde und auch Buchzeilen, die ihn stärken, nicht zuletzt aus der Bibel und dem Gesangbuch. Von diesen konnte er zehren bis zum Schluss. Es sind Mächte des Vertrauens, der Nähe Gottes, der Gewissheit: Ich bin nicht allein. 1

Wann das Lied zum Einsatz kommt

Dieses Lied hat für viele Menschen eine besondere Bedeutung. Ich erlebe, dass es häufig bei Beerdigungen gesungen wird, weil es Worte findet für Situationen, in denen Abschied, Trauer und Sprachlosigkeit überwiegen. Das Lied verspricht keinen schnellen Trost und keine einfache Antwort auf das Leid.

Aber es schenkt etwas anderes: die Zusage, dass ein Mensch auch im Dunkel nicht allein ist. Gerade am Grab entfalten die Worte ihre Kraft – sie sprechen von Geborgenheit, wo Halt verloren gegangen scheint, und von einer Nähe Gottes, die über den Tod hinausreicht und von einer Verbindung mit den Menschen, die man liebt, die aber nicht mehr in meiner Nähe sind.

Gleichzeitig erklingt dieses Lied oft zum Jahreswechsel. Dann stehen wir an einer anderen Schwelle: zwischen dem, was war, und dem, was kommen wird. Auch hier passt der Grundton des Liedes: Es blickt nüchtern auf die Unsicherheit des Lebens und lädt dennoch zu Vertrauen ein: „Erwarten wir getrost, was kommen mag.“ 

Zum Beginn dieses neuen Jahres wird das Lied für mich wieder neu zu einem Begleiter, der Mut macht, den nächsten Schritt zu wagen, nicht aus eigener Stärke, sondern getragen von einer größeren Zusage Gottes: behütet und gesegnet zu sein.

Musik 2:        Von guten Mächten treu und still umgeben

(GL 430, Melodie: Kurt Grahl; Arrangement Oliver Sperling; aus „Chormusik zum Gotteslob“)

Hoffnung nicht als billiger Trost

Seine hoffnungsvolle Tiefe gewinnt dieses Lied „Von guten Mächten“ aus seiner Entstehungsgeschichte. In einer Situation äußerster Bedrohung formulierte Dietrich Bonhoeffer kein Klagegedicht, sondern ein Vertrauenslied. Gerade dieser Gegensatz berührt bis heute: Worte der Hoffnung, geboren aus größter Not.

Vielleicht ist es genau das, was „Von guten Mächten“ zu einem so zeitlosen Lied macht. Es passt zu Abschieden und zu Neuanfängen. Es hält Trauer aus und öffnet zugleich den Blick nach vorne. Es schenkt Hoffnung – nicht als billigen Trost, sondern als leise, tragende Gewissheit: Was auch geschieht, ich bin nicht allein.

Das Lied zeigt die Realität

Was ich an diesem Lied beeindruckend finde, ist: Bonhoeffer verschweigt das Schwere nicht. Er spricht vom Alten, das die Herzen noch quält, von den bösen, schweren Tagen, die kommen können, vom schweren Kelch, der uns gereicht wird. Gerade darin liegt die Kraft dieses Liedes. 

Es nimmt die Realität ernst. Denn christlicher Glaube ist für mich kein Wegschauen, kein Schönreden. Er ist die Gewissheit: Gott bleibt auch dann bei uns, wenn das Leben schwer wird. Bonhoeffer greift Bilder aus dem Lukasevangelium auf, die in die Ölbergszene führen. 

Jesus bittet da in der Nacht vor seinem grausamen Tod am Kreuz: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ (Lukas-Evangelium 22, 42) Jesus erlebt das Schwere und findet Trost und Halt bei Gott, seinem Vater. 

Nicht allein unterwegs

Am Beginn eines neuen Jahres stehe ich nicht vor einem leeren Blatt, das ich allein füllen muss. Ich gehe meinen Weg mit vielen Menschen und mit Gott, weil ich erlebt habe: Freunde und Menschen, die mir nahestehen, und Gott sind es, die gestern bei mir waren, heute mit mir gehen und morgen schon auf mich warten. 

Bonhoeffer spricht im Lied immer wieder vom „Wir“. Glaube ist kein einsamer Weg. Wir sind miteinander unterwegs, getragen von Gemeinschaft, wir teilen Hoffnung miteinander – und auch Lasten. 

Für mich ist das ein wertvoller, tröstlicher Gedanke für das neue Jahr: Ich bin nicht alleine unterwegs, andere Menschen und vor allem Gott sind an meiner Seite. Das passt für mich auch zu einem Satz aus dem Lied, der besonders bekannt ist: „Erwarten wir getrost, was kommen mag“ - Ich kann der Zukunft vertrauen, weil ich sie nicht alleine bestehen muss.

„Erwarten wir getrost, was kommen mag“ 

Manchmal plane ich ja die Zukunft, als hinge alles von mir alleine ab. Ich versuche, vieles zu kontrollieren. Ich plane und organisiere - und doch merke ich persönlich und in der Begleitung von Menschen immer wieder: Das Leben lässt sich nicht vollständig planen: Krankheit, Krisen, Schicksalsschläge halten sich nicht an unsere Kalender.

„Erwarten wir getrost, was kommen mag“ heißt nicht: Es wird schon alles gut. Es heißt auch nicht: Mir kann nichts passieren. Es heißt vielmehr: Was auch kommt – ich muss ihm nicht allein begegnen. Das ist eine Haltung, die mich entlastet. Sie nimmt mir nicht die Verantwortung, aber sie nimmt mir die Illusion, alles allein tragen zu müssen.

Mit Vertrauen

Dietrich Bonhoeffer ruft mich in seinem Gedicht dazu auf, der manchmal offenen und bedrohlichen Zukunft nicht mit Resignation oder Panik zu begegnen, sondern mit einer Haltung des Vertrauens. Entscheidend ist: Bonhoeffer erwartet nicht, dass alles gut ausgehen wird, sondern dass Gott auch dann gegenwärtig bleibt, wenn es nicht gut ausgeht.

Bonhoeffers Situation damals war besonders schlimm und bedroht, im Gefängnis der Nationalsozialisten. Aber auch heute haben Menschen Angst vor der Zukunft und erleben die Gegenwart als unsicher: Kriege, Klimakrise, politische Spannungen, wirtschaftliche Sorgen oder persönliche Ängste, wie z.B. Krankheit, Zukunftsdruck oder Einsamkeit, prägen den Alltag. 

Auch heute wissen wir oft nicht, was kommen wird, und können vieles nicht kontrollieren. Bonhoeffers Worte laden dazu ein, sich der Zukunft nicht mit lähmender Angst zu stellen, sondern mit einer inneren Haltung der Zuversicht und Verantwortung. Das bedeutet nicht, Probleme zu verdrängen oder passiv zu bleiben, sondern handlungsfähig zu sein, weil ich mich innerlich getragen weiß.

So verstanden ist der Satz „Erwarten wir getrost, was kommen mag“ für mich ein Gegenentwurf zur Angstkultur unserer Zeit. Er ermutigt dazu, trotz Unsicherheit aufrecht zu leben, solidarisch zu handeln und aus einem tragenden Vertrauen zu schöpfen. 

Dietrich Bonhoeffer sagt mir: Ich kann der Zukunft mutig begegnen – nicht, weil sie berechenbar ist, sondern weil ich ihr nicht allein ausgeliefert bin. Ich darf planen, hoffen, Ziele setzen. Aber ich darf auch loslassen und sagen: Ich gehe diesen Weg nicht allein. Ich stehe unter einem Segen.

Musik 3:        Von guten Mächten treu und still umgeben

                        (Melodie: Siegfried Fietz; aus: „Von guten Mächten/Der andere Advent“)

Segen – mehr als ein guter Wunsch

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Was für ein Satz zum Jahresbeginn, in den ersten Wochen des neuen Jahres. Gott ist bei uns an jedem neuen Tag - nicht nur an den guten, sondern auch an den schweren. Für mich klingt dieser Satz wie ein Segen. Segen bedeutet: Gegenwart Gottes mitten im Leben.

Im Alltag verwenden wir das Wort Segen oft wie einen freundlichen Wunsch: Alles Gute, viel Glück, pass auf dich auf. Der biblische Gedanke von Segen geht tiefer. Segen heißt: Gott sagt Ja zu mir: Nicht erst, wenn alles gelingt. Nicht erst, wenn ich perfekt bin, sondern jetzt. So, wie ich bin. Jeden Augenblick. Segen heißt: Du darfst leben, wachsen, deinen Weg gehen – unter Gottes Zusage.

Zu Jahresbeginn wünsche ich in den Gottesdiensten Gottes Segen. Im vergangenen Jahr hat ein Gemeindemitglied zu mir gesagt: „Es tut gut, das neue Jahr mit dem Segen Gottes zu beginnen. Mir gibt diese Zusage Halt und Schutz und ich spüre, dass Gott mir Gutes schenken will.“ 

Segen im Alltag – kleine Zeichen, große Wirkung

Manchmal frage ich mich: Wie spüre ich diesen Segen? Wo wird er konkret? Oft ist Segen unscheinbar. Er zeigt sich in kleinen Momenten: in einem guten Wort zur richtigen Zeit, in einer Umarmung, in einem Menschen, der zuhört, in einem Anruf, der Mut macht, in der Kraft, einen weiteren Schritt zu gehen, obwohl man müde ist.

Ich denke an eine ältere Dame, die einmal sagte: „Ich habe nicht mehr viele große Pläne: Aber jeden Morgen bitte ich um den Segen für diesen einen Tag.“

Oder an einen jungen Vater, der mir erzählte, wie er jeden Abend seinem Kind die Hand auf den Kopf legt und still sagt: „Gott behüte dich.“

Das sind keine spektakulären Gesten. Aber sie verändern etwas. Sie machen deutlich: Ich bin getragen.

Sternsingeraktion – Segen, der unterwegs ist

In den vergangenen Wochen bis in diese Tage hinein begegnet uns der Segen auch ganz konkret auf den Straßen und in unseren Häusern: durch die Sternsingerinnen und Sternsinger.

Kinder und Jugendliche ziehen von Haus zu Haus, verkleidet als die Weisen aus dem Morgenland. Sie singen, sprechen Segensworte und schreiben über die Türen die Buchstaben CMB 

Viele wissen: Das steht nicht für die Namen Caspar, Melchior und Balthasar – sondern für den lateinischen Segensspruch:

Christus mansionem benedicatChristus segne dieses Haus.

Die Sternsingerinnen und Sternsinger bringen den Segen buchstäblich vor die Haustür. Sie bringen ihn in die Wohnungen, in die Familien, in den Alltag - und sie tun noch mehr: Sie sammeln Spenden für Kinder in Not – weltweit. Vielleicht haben auch bei Ihnen Sternsinger geklingelt oder Sie haben diese bewusst bestellt. 

Ich denke an eine Gruppe von Kindern, in meiner Kaplanszeit, die nach einem langen Nachmittag müde waren. Eines der Kinder fragte: „Warum machen wir das eigentlich?“ Die Antwort einer älteren Sternsingerin war einfach: „Damit andere Kinder eine Chance haben.“ 

Das Leitwort 2026 der Sternsinger

„Schule statt Fabrik – Sternsingen gegen Kinderarbeit“ heißt das Leitwort der diesjährigen Aktion Dreikönigssingen. Beispielland der Aktion ist Bangladesch, inhaltlich steht der Einsatz gegen Kinderarbeit im Mittelpunkt.

Die Sternsinger machen darauf aufmerksam, wie wichtig die Kinderrechte auf Schutz und Bildung sind. Durch ihren Einsatz werden Kinder in aller Welt gefördert: Straßenkinder, Flüchtlingskinder, Mädchen und Jungen, die nicht zur Schule gehen können, denen Wasser und Nahrung fehlen, deren Rechte missachtet werden oder die ohne ein festes Dach über dem Kopf aufwachsen. Kinder, Sternsingerinnen und Sternsinger werden zum Segen für andere, damit andere Kinder eine Chance haben.

Von guten Mächten – getragen und gesendet

Wer sich gesegnet weiß, kann auch selbst zum Segen werden. Vielleicht ist das eine Einladung für dieses neue Jahr, den Segen weiterzugeben – durch Worte, durch Taten, durch Aufmerksamkeit.

Der Segen ist kein Schutzschild gegen alles Schwere. Aber er ist eine Zusage: Du gehst nicht allein.

Das Lied „Von guten Mächten“ endet nicht mit Rückzug. Es endet mit einer Bewegung nach vorne: erwarten wir getrost, was kommen mag.

Am Anfang dieses neuen Jahres stehen wir nicht mit leeren Händen. Wir stehen unter einem Segen. Wir sind – mit Bonhoeffers Worten – von „guten Mächten“ wunderbar geborgen. Mögen wir diesen Segen annehmen. Mögen wir ihn weitergeben. Und mögen wir – getrost – erwarten, was kommen mag. 

Musik 4:        Von guten Mächten treu und still umgeben

(Siegfried Fietz/Markus Schöllhorn; Band KREUZ&quer aus „Ohne Worte“, 20 instrumentals)

 

1 Jürgen Henkys: Von guten Mächten treu und still umgeben, in: Geistliches Wunderhorn, S 456.