Frühlingsmusik, damit die Seele aufatmet
Sprecherin: Karmen Mikovic
Musikkonzeption: Uwe Krause
Autor:
Jedes Jahr im Mai erinnert mich ein Gedicht daran, wie lebendig die Welt klingt. Es sind Verse, die ich früh am Morgen im Ohr habe, wenn ich mit unseren beiden Hunden unterwegs bin. Das Gedicht heißt „Wünschelrute“ von Joseph von Eichendorff. Ich liebe es. Jetzt, im Mai, scheint es mir besonders gut zu passen.
Sprecherin:
„Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.“
Eichendorff und das Zauberwort: Wie singt die Natur?
Autor:
Wenn ich draußen bin, kommt es mir oft vor, als hätte jemand das Zauberwort gesprochen. Überall singt und klingt es. Die Natur ist eine große Symphonie. Die Amseln üben im Chor. Das Gras spielt eine Rhapsodie in Grün. Der Maienwind wogt durch die Bäume, als führte er den Bogen über die Saiten einer Violine. Der Himmel tönt trompetenhell. Trommelwirbel – und die Sonne geht auf. Die Welt hebt an zu singen.
Natürlich ist das sehr romantisch gesagt und menschlich, allzu menschlich gedacht. Als bräuchte die Natur unsere Instrumente - Geige, Trommel und Trompete. Sie braucht sie nicht. Sie hat ihre eigene Stimme und macht, was sie will, unabhängig von uns. Aber die Vorstellung ist schön: Es schläft ein Lied in allen Dingen. Da ist Musik drin, im Summen der Bienen, im Plätschern des Wassers, im Rauschen der Blätter.
Heute ist ein Sonntag für die Musik. Er hat den lateinischen Namen „Kantate“. Das bedeutet: Singt! In der Bibel richtet sich diese Aufforderung an alle Geschöpfe, an die Natur und an die Menschen als Teil der Schöpfung. Im Psalm 98 steht.
Sprecherin 2:
Singet für Gott ein neues Lied, denn er tut Wunder. Jauchzet zu Gott, alle Welt, singet, rühmet und lobet! Lobet Gott mit Harfen und mit Saitenspiel! Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor Gott! Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich vor Gott. (1)
Warum sollen Berge fröhlich sein?
Autor:
Berge, die fröhlich sind. Flüsse, die in die Hände klatschen. Das Meer, das braust, und alle Welt, die singt, rühmt, lobt. Das beschreibt eine Sehnsucht: So könnte die Welt sein. Nicht voller Misstöne und Lärmverschmutzung, sondern erfüllt von Klängen der Freude, egal, ob die schief oder sauber klingen. Wen stört es, ob die Flüsse im Rhythmus klatschen oder ob das Meer zu früh losbraust? Hauptsache, sie tun es aus purer Lebensfreude und mit Juchzen, weil Gott Wunder tut.
Halleluja! Das ist in vielen Psalmen die Gesanges-Aufforderung schlechthin. Halleluja bedeutet im Hebräischen: Lobt Gott! Das Wort ist lautmalerisch. Es meint Trällern, Jubeln, Johlen, Jodeln. Das sind die hohen Töne, wenn man so laut jubelt, dass der Kehlkopf hüpft und die Stimmbänder frei schwingen. So wird die Braut oder der Bräutigam begrüßt bei einem Hochzeitsfest. So will Gott die Menschen sehen und hören: Mit freier Kehle und Freude in der Seele. Halleluja! (2)
Musik 1: Ein schönes Halleluja
Singen macht glücklich: Was passiert im Körper?
Kantate! Singt! Ein Sonntag für die Musik. Was wäre das Leben ohne Singen, ohne Rhythmus, ohne Tanz? Was wären wir? Musik gehört von Anfang an dazu. Schon eine Mutter singt ihr Baby in den Schlaf. Das beruhigt und stellt eine tiefe Verbindung zwischen beiden her.
Singen macht glücklich. Das kann man sogar messen. Beim Singen erhöhen sich im Blut schon nach wenigen Minuten die Glücks-, Liebes- und Bindungshormone. Tiefes Atmen ist die beste Methode, Stress zu reduzieren. Singen entsteht durch langes, langsames Ausatmen. Wenn ich bewusst langsam ausatme, öffnen sich meine Lungen, ich habe mehr Raum in mir, um frische Luft zu schöpfen. Das Blut hat mehr Sauerstoff. Singen ist also gut gegen Stress. Und gut für die Konzentration. Beim Singen werden die beiden Gehirnhälften synchronisiert. Und: Wenn ich mit anderen singe oder musiziere, trainiere ich, auf andere zu achten, und lerne zuhören.
Musik ist ein Geschenk. Musik ist wie nicht von dieser Welt. Sie ist etwas Göttliches. Etwas, das mich an etwas Größeres erinnert, als ich selbst bin. Es gibt ja Menschen, die sagen von sich, sie können nicht singen. Aber dann singen sie doch! Lauthals im Fußballstadion, auf der Tanzfläche oder im Auto, wenn im Radio ihr Lieblingssong kommt. Die Musik wirkt einfach, und ich kann nicht anders: Ich singe mit, ob ich den Ton treffe oder nicht.
Selbst wer nichts hört, spürt die Vibrationen von Musik im Körper. Musik ist das, was bleibt, wenn die geistigen Kräfte nachlassen. Ich habe erlebt, wie das Gesicht gestrahlt hat bei einem Mann mit Demenzerkrankung bei dem Lied: „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder.“ Ein Moment, in dem sein Inneres ganz da war, auch wenn seine Erinnerung wegbröckelte. Die Seele vergisst Namen, verliert Worte. Musik aber ist wie eine Freundin. Sie singt das Lied deines Lebens, wenn du den Text vergessen hast.
Musik 2: Refrain von Lilian Harvey, „Das gibt’s nur einmal“
Erinnerte Melodien: Warum bleibt ein Lied im Herzen?
Das gibt’s nur einmal. In dem Lied schwingt beides mit: Das Glück übers Verliebtsein und der Schmerz darüber: Auch das schönste Gefühl ist vergänglich. „Denn jeder Frühling hat nur einen Mai.“ Musik und Singen machen Gefühle hörbar und bewahren sie auf in den Tönen und im Rhythmus.
Martin Luther hat Musik geliebt. Er wusste, Musik hat heilende Kraft. Luther schreibt:
Sprecherin:
„(…) die Musica ist ein Gabe und Geschenke Gottes, nicht ein Menschengeschenk. So vertreibt sie auch den Teufel und macht die Leute fröhlich; man vergisset dabei allen Zorns, Unkeuschheit, Hoffart und anderer Laster.“ (2)
Autor:
Die Musik vertreibt den Teufel. Nicht den Teufel mit Hörner, Bocksfuß und Schwefelqualm. So sieht man ihn auf Bildern, doch so meine ich es nicht. Die Musik vertreibt den Teufel – das ist kein Exorzismus. Beim Teufel oder bösen Geistern denke ich an finstere Stimmungen. Sie überfallen einen regelrecht. An den Tagen, an denen ich meine, ich schaffe es nicht, es ist alles zu viel, es hat keinen Sinn. Wenn ich alle Kraft brauche, um am Morgen aus dem Bett zu kommen. Wenn die Seele erschöpft ist und ich das Gefühl habe, ich bin einer trüben Macht hilflos ausgeliefert, dann nennt das die Bibel: „Ein böser Geist hat ihn verstört.“ So war das bei Saul, dem König von Israel. In der Bibel steht seine Geschichte und wie Musik ihm geholfen hat:
Sprecherin:
Der Geist des Herrn hatte Saul verlassen. Von Zeit zu Zeit quälte ihn aber ein böser Geist, der seine Stimmung verfinsterte. Auch der kam vom Herrn.
Da sprachen Sauls Leute zu ihm: „Du weißt, dass es ein böser Geist ist, durch den Gott deine Stimmung verfinstert. Unser Herr braucht nur etwas zu sagen, deine Knechte stehen bereit.
Wenn du es willst, suchen wir einen Mann, der auf der Harfe spielen kann. Wenn dann der böse Geist Gottes über dich kommt, gleitet seine Hand über die Saiten. Und gleich wird es dir besser gehen.“ (1. Samuel 16, 14-16)
David und Saul: Wie Musik wieder aufatmen lässt
Musik 3:
Sprecherin:
Saul antwortete seinen Leuten: „Also gut! Seht euch um nach einem Harfenspieler und bringt ihn zu mir!“ Da meldete sich einer von den jungen Leuten und sagte: „Ich weiß von einem! Es ist der Sohn Isais aus Betlehem. Der kann Harfe spielen. Er ist mutig und ein guter Soldat. Klug ist er auch und sieht gut aus. Ja, der Herr ist mit ihm!“ (…)
So kam David zu Saul und trat in seinen Dienst. Saul liebte ihn und machte ihn zu seinem Waffenträger. (…) Sooft aber der böse Geist Gottes über Saul kam, nahm David die Harfe zur Hand und spielte. Da konnte Saul befreit aufatmen und es ging ihm besser. Denn der böse Geist hatte ihn verlassen. (1. Samuel 16, 17+18+21+23)
Musik 4:
Wenn die Seele finster wird: Was hilft dann wirklich?
Autor:
Gott schickt einen bösen Geist und quält König Saul mit finsterer Stimmung. Das ist ein Satz, der im Kopf bleibt, weil er so hart klingt. Gott gilt doch sonst als die Quelle alles Guten. Aber hier schickt Gott Böses. Oder lässt es zu. Das passt nicht ins Bild vom liebevollen Gott, und doch ist es genau das, was viele Menschen in dunklen Phasen berichten. Ich kenne diese Erfahrung.
Meine Mutter hatte immer einen intensiven Glauben an Gott, mit dem sie uns vier Kinder großgezogen hat. Sie war Theologin und eine der ersten Pfarrerinnen in der evangelischen Kirche von Bayern. Ihr Glaube hat uns geprägt – und doch ist es bei ihr selbst einmal ganz anders gekommen.
Mit ihrem Ruhestand ist sie in tiefe Depressionen hineingerutscht. Es war, als hätte ein böser Geist sie verstört. Wir haben sie kaum wiedererkannt. Einmal hat sie zu mir gesagt: „Vergesst mich! Gott hat mich verworfen.“ Das ist die Wirkung einer tiefen Depression: Man fühlt sich ausgegrenzt, verloren, verlassen. Ich bin darüber erschrocken, dass sie sich so fühlte: von Gott verworfen. Ein Gefühl, das viele Menschen in der Finsternis kennen. Es hat lange gedauert, bis ihre Ärztin die richtigen Medikamente für sie gefunden hat. Sie ist Gott sei Dank wieder aufgetaucht aus ihrer Seelenfinsternis, die auch eine Gottesfinsternis war. Der böse Geist hatte sie endlich wieder verlassen. So heißt das in der Sprache der Bibel. König Saul hat Glück im Unglück. Er hat Menschen um sich, die sehen, was mit ihm los ist. Seine Diener. Die schauen nicht tatenlos zu, wie Saul sich selbst verliert. Sie reden mit ihm, statt wegzuschauen und sagen: Wir können helfen.
Wir halten aus gutem Grund die Selbstverantwortung jedes Menschen hoch. Und doch zeigt Sauls Geschichte: Es gibt Situationen, da kann ich diese Verantwortung gar nicht mehr allein tragen. Da sehe ich nicht, was mit mir los ist und was mir helfen kann. Dann brauche ich andere, die für mich aktiv werden. Eine Lotsin oder ein Lotse, der mich leitet durch die Krise und aus ihr heraus. Das kann mein Mann sein, meine Familie. Die mir sagen: Halte durch, wir sind da. Oder auch Außenstehende wie bei König Saul: seine Diener.
Sie werden aktiv. Und wissen: Mit ein bisschen „Kopf hoch! Lass dich nicht hängen! Wird schon wieder“ ist es nicht getan. Saul braucht mehr als ein gutes Wort, sondern jemanden, der konkret handelt. Er braucht kompetente Hilfe. Darum sagen seine Leute: „Gib uns den Auftrag, dass wir jemanden kommen lassen, der für dich Harfe spielt.“ „Ja, holt jemanden, der für mich spielt!“ Ein kleiner Satz, aber ein großer Schritt, um sich zu öffnen.
Musik! Ein Lied macht den Unterschied… Ein Musikstück, das stimmig ist, wenn ich schwermütig und melancholisch bin. Ein Lied, wenn ich vor lauter Glück die ganze Welt umarmen möchte. Es gibt die Melodien, die mir durch Liebeskummer hindurch geholfen haben oder durch andere Krisen. Die Musikstücke, mit denen ich Wut und Frust rauslassen kann. Ein Lied zum Putzen. Und da ist der Choral, bei dem ich weiß: Den hat meine verstorbene Mutter geliebt. In der Musik ist sie mir nahe. Es ist eine Strophe aus dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“, die Bitte an Christus: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür.“
Ich vermute, jede und jeder hat so eine eigene Playlist, eine Sammlung mit Musik und Liedern für die verschiedenen Stimmungen und Lebenslagen. Was auch immer David auf seiner Harfe gespielt hat: König Saul hat es in seiner Schwermut geholfen: „Da konnte Saul befreit aufatmen und es ging ihm besser. Denn der böse Geist hatte ihn verlassen.“ Musik kann Böses vertreiben. So meinte das Martin Luther: „Man vergisset dabei allen Zorns, Unkeuschheit, Hoffart und anderer Laster.“ Nun ja, meine Erfahrung ist: Alle Laster schleichen sich nicht sofort davon. Aber mit Musik wird es auf jeden Fall besser mit mir. Ich fühle mich freier, leichter, weniger verriegelt.
Musik 6:
Musik als Schutz und Kraft: Was stärkt uns wirklich?
Zur Zeit der Bibel war Musik sogar ein Mittel gegen die Pest. Eine Seuche stellte man sich wie Pfeile vor, die unsichtbar fliegen und den Menschen treffen. Und als Gegenmittel hatten antike Figuren ein Schutzschild in der einen Hand und eine Leier, also eine Harfe in der anderen. Die Leute waren nicht naiv: Sie wussten auch damals: Singen oder Harfe-Spielen machen nicht automatisch gesund. Aber sie spürten: Musik stärkt, Musik hält zusammen, Musik nährt die Kraft, weiterzuleben. Alles ist gut, was die Abwehrkräfte stärkt. Und Musik stärkt die Abwehrkraft.
Wenn die Welt aus dem Takt ist, gibt Musik Rhythmus. Es beruhigt, dass in der Musik ein Ton auf den anderen folgt. Eine Melodie ist wie ein Geländer. Daran kann ich mich halten, wenn alles andere wackelt.
Dafür muss ich nicht singen können wie eine Popsängerin oder ein Startenor. Musik ist etwas Alltägliches. Eine Tischplatte kann zur Trommel werden, und zwei Kochlöffel dienen als Percussion. Ich kann versuchen, auf Grashalmen zu pfeifen. Ich kann mit den Händen flöten wie eine Nachtigall. Und zu Hause für mich singen sowieso – oder summen oder brummen, je nachdem. Musik verstärkt jedes Gefühl, jede Stimmung, jeden Gedanken. Vorsicht: auch die schlechten. Der Vater einer Freundin hat sich in seinen depressiven Phasen immer zurückgezogen und schwere Musikstücke gehört. Die Musik hat seine negative Stimmung vertieft und verstärkt.
Mit Musik kann man Menschen manipulieren. David in der Bibel ist nicht nur ein genialer Harfenspieler. Er wird später als König auch ein großer Kriegsherr. Mit Kriegsmusik, mit Schlachtgesängen kann man Soldaten aufeinanderhetzen. Viele kennen den Spruch: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Von wegen! Das haben die Nazis gründlich widerlegt. Sie haben mit ihren mörderischen Liedern den Hass gegen Jüdinnen und Juden geschürt. Sie haben Musik in ihr Gegenteil verkehrt. Denn eigentlich soll Musik böse Geister vertreiben. Sie soll nicht das Schlechte, sondern das Beste in uns hervorbringen. Dafür ist Musik gemacht: für das Gute. Für das, was in uns lebendig ist, für Mitgefühl, Freude, Verbundenheit.
Musik ist eine Weise, wie ich mir Gott vorstelle als Person. Person, das kommt vom lateinischen Wort „personare“ und heißt übersetzt: das, was heraustönt. Gottes Stimme, die heraustönt. Sie klingt durch die Dinge und Lebewesen, die mich umgeben, durch die Menschen, denen ich begegne. Wenn ich in der Natur unterwegs bin und den Eindruck habe, die Welt fängt an zu singen.
Wenn es für einige Momente ruhig wird und ich den Klang der Stille hören kann. In schlaflosen Nächten Gottes Stimme, die herausklingt wie Singen gegen die Angst. Gottes Stimme, die mir sagt: Ich bin da. Fürchte dich nicht!
Ich hoffe, auch in meiner letzten Stunde wird Musik um mich sein. Der volle Klang der Welt, die unsichtbar sich um mich weitet, eine himmlische Symphonie.
So stelle ich mir überhaupt Zukunftsmusik vor: eine Musik, die für die ganze Schöpfung geschrieben ist, für Harfe und Stimmbänder, Flügel und Violoncello, Schlagzeug, E-Gitarre und Orgel, aber auch für die stummen Dinge und groben Klötze, für das Summen der Mücken und den Walgesang.
Das ist das Ziel: Kanate! Singt! Ihr alle! Die ganze Schöpfung! Frei von Angst. Mit Freude. In Harmonie. In Frieden
Musik 7
(1) Psalm 98 in Auswahl
(2) Vgl. Silvia Schroer/Thomas Staubli, Die Körpersymbolik der Bibel, Gütersloher Verlagshaus, 2. überarbeitete Auflage 2005, S. 45.
(3) Martin Luther, Vorrede zu Georg Rhaus ‚Symphoniae iucundae‘, 1538
(4) 1. Samuel 16,14-23 in Auswahl