hr2 MORGENFEIER
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Prähler, Patrick

Eine Sendung von

Katholischer Pfarrer der Domgemeinde St. Peter in Fritzlar mit St. Bonifatius in Ungedanken

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Eine Person mit lockigem, braunem Haar trägt ein weißes Kleid und einen Haarschmuck aus Blumen und Bändern. Sie ist von hinten zu sehen und schaut auf eine grüne, lichtdurchflutete Landschaft.

Der Weiße Sonntag und seine österliche Botschaft

„Quasimodogeniti“ – das rufe ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, heute Morgen zu: Quasimodogeniti! Vielleicht denken Sie jetzt an den buckligen Glöckner aus Notre Dame. Aber falsch gedacht. Mit ihm hat dieses Wort nichts zu tun. Es geht vielmehr um den heutigen Sonntag – den Weißen Sonntag. Und genau den bezeichnet dieses etwas sperrige Wort: Quasimodogeniti. Aber Hand aufs Herz: Wissen Sie eigentlich, warum dieser Sonntag „weiß“ heißt?

Quasimodogeniti – der Weiße Sonntag erklärt 

Der lateinische Name stammt aus dem ersten Petrusbrief. Dort heißt es: „Quasi modo geniti infantes“ – „wie neugeborene Kinder“. Ein schönes Bild. Doch was hat das mit der Farbe Weiß zu tun? Stellen wir uns vor: wir leben in der frühen Kirche. Menschen ließen sich in der Osternacht taufen. Sie wurden vollständig untergetaucht – im Wasser eines Flusses oder Brunnens. Ein starkes Zeichen: Das alte Leben wird abgelegt, ein neues beginnt.

Die weiße Taufe: Zeichen von Reinheit und Neubeginn

Nach der Taufe erhielten die Neuchristen ein weißes Gewand. Weiß – als Zeichen der Reinheit, des Neuanfangs, des neuen Lebens mit Gott. Dieses Kleid war nicht nur ein Stück Stoff. Es erinnerte jeden Tag daran: Ich bin neu geboren. Ich gehöre zu Gott. Ich darf ein Leben beginnen, das getragen ist von seiner Liebe.
Und warum trugen sie es eine ganze Woche lang? Ganz praktisch: Die Taufe fand meist nachts statt, in der Osternacht, und der Sonntag danach war der erste Tag, an dem die Gemeinde wieder vollständig zusammenkam. Die weiße Kleidung symbolisierte dabei eine ganze Woche des neuen Lebens, in der die Täuflinge Schritt für Schritt in die Gemeinschaft eingeführt wurden – jeder Tag ein gelebtes Zeichen der Reinheit und des Aufbruchs.
Sie trugen das Gewand bewusst bei allen täglichen Verrichtungen: beim Essen, beim Beten, bei Begegnungen in der Gemeinde. So wurde die Taufe nicht nur ein einzelner Moment, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der das neue Leben spürbar machte – sichtbar für alle und erfahrbar für sie selbst.
Erst am Sonntag nach Ostern legten sie diese weißen Kleider wieder ab. Doch die Botschaft blieb: Das neue Leben, das Gott schenkt, hört nicht mit der Woche auf. Es begleitet uns weiter, in allen kleinen und großen Momenten unseres Lebens. So entstand der Name dieses Tages – der Weiße Sonntag, Quasimodogeniti, der Sonntag der „neugeborenen Kinder“.

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Erstkommunion: Kinder erleben den Glauben

Heute steht weniger die Herkunft des Namens im Mittelpunkt, sondern das, was an diesem Tag geschieht. Viele Kinder treten zum ersten Mal an den Altar und empfangen die Heilige Kommunion. Festlich gekleidet, die Mädchen in weißen Kleidern, die Jungen im Anzug. Aufgeregt und immer mit leuchtenden Augen.
Es sind besondere Gottesdienste. Die Kinder gestalten sie mit: Sie lesen Texte, tragen Fürbitten vor, die oft selbstgestaltete Kommunionkerzen werden entzündet, die Kinder bringen sich aktiv ein und man spürt: Hier ist etwas in Bewegung. Hier geschieht etwas. Und danach wird gefeiert. Mit Familie, mit Freunden. Ein Festtag, der in Erinnerung bleibt.

Das Feuer des Glaubens entzünden

Was man leicht übersieht: Dieser Tag kommt nicht aus dem Nichts. Monate der Vorbereitung gehen voraus. Die Kinder entdecken ihren Glauben – spielerisch, neugierig, offen. Dabei entzündet sich manchmal etwas Besonderes: ein kleines Feuer, ein Funke des Glaubens im Herzen.
Der Weiße Sonntag ist mehr als ein Fest, das wir ein oder höchstens zwei Tage lang zelebrieren. Dieser Tag zeigt vielmehr: Glaube wächst Schritt für Schritt – im Alltag, in Begegnungen und Gesprächen, in jedem kleinen Moment, der das Vertrauen auf Gott spürbar macht. Ein schönes und bedeutsames Fest also, dieser Weiße Sonntag – und zugleich eine Einladung, zu entdecken, wie Glauben uns tragen kann.

Glaube ist Beziehung: Gott im Alltag erleben

Ich persönlich wünsche mir, dass dieses Feuer nicht so schnell wieder erlischt. Dass es weiter genährt wird. Dass Kinder hineinwachsen können in den Glauben und in die Gemeinschaft der Kirche. Manchmal gelingt das. Aber oft verschwindet dieses kleine Feuer auch wieder. Und das finde ich schade. Denn wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, dann sehe ich: Der Glaube hat mir immer wieder Halt gegeben. Kraft geschenkt. Orientierung. Natürlich ist das eine persönliche Erfahrung. Aber ich bin überzeugt: Glaube kann tragen – gerade in schwierigen Zeiten. 

Hoffnung in existenziellen Momenten

Eine Erfahrung hat mir das besonders deutlich gemacht. Ich war auf einer Beerdigung. Der Vater einer guten Freundin war gestorben. Noch relativ jung – 48 Jahre. Er hatte Krebs. Die Familie hatte ihn lange begleitet, ihn zu Hause gepflegt, und lange Abschied nehmen dürfen. Ihr Glaube spielte dabei eine große Rolle. Er hat sie getragen durch diese schwere Zeit. Und am Tag der Beerdigung wurde genau das sichtbar. Als das Requiem begann, sangen wir das erste Lied. Und dann passierte etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe. Die 13-jährige Tochter des Verstorbenen trat nach vorne. Sie ging zum Mikrofon. Und was mich sofort irritierte: Sie wirkte ruhig. Fast – ja – fast fröhlich. Dann sagte sie: „Ich begrüße euch alle auch im Namen meiner Familie. Ich freue mich, dass so viele gekommen sind, um heute den Geburtstag meines Vaters zu feiern.“

In der Kirche hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Die Reaktion der Menschen reichte von völliger Irritation über diese Aussage bis hin zu bejahendem Nicken und Lächeln. In diesem Moment hat sich etwas auch bei mir verändert. Ich konnte zum einen meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Aber gleichzeitig war da etwas anderes. Etwas, das schwer zu beschreiben ist. Da war Glaube spürbar. Ganz konkret. Nicht als Theorie, sondern als Wirklichkeit. Dieses Mädchen war getragen von einer tiefen Gewissheit: Der Tod ist nicht das Ende. Das Leben geht weiter – bei Gott. Das war für mich ein Moment, in dem die Botschaft von Ostern greifbar wurde. „Fürchtet euch nicht“ – dieser Satz war plötzlich nicht nur ein Bibelwort, sondern erfahrbar. Der Glaube hat dieser Familie Kraft gegeben. Hoffnung. Perspektive. Und genau diesen Glauben wünsche ich uns allen. 

Musik

Glaube weitergeben: Kinder begleiten

Aber wie kann so ein Glaube wachsen? Wie kann er bleiben? Für mich lässt sich das in einem Wort zusammenfassen: Beziehung. Tragende Beziehungen entstehen nicht von allein. Sie brauchen Zeit. Aufmerksamkeit. Vertrauen. Austausch. Man muss investieren. Sich öffnen. Da sein. Und genauso ist es auch mit dem Glauben. Wenn ich Gott in meinem Alltag keinen Raum gebe, wenn ich keinen Kontakt pflege, keine Beziehung aufbaue – dann wird dieser Glaube kaum tragfähig sein. Aber wenn ich beginne, mein Leben mit Gott zu teilen, wenn ich ihn suche – in der Stille, im Gebet, in Begegnungen –, dann kann etwas wachsen. Dann kann dieser Glaube zu einem Netz werden, das mich trägt. Wenn ich an die Beerdigung damals denke, dann sehe ich genau das: eine Beziehung, die getragen hat – über den Tod hinaus.

In das Netzwerk Gottes treten

Und wenn Sie jetzt an Ihr eigenes Leben denken: Gab es nicht auch Momente, die alles durcheinandergebracht haben? Zeiten, in denen nichts mehr sicher schien? Was hat Ihnen damals geholfen? Was hat Ihnen Halt gegeben? Vielleicht waren es Menschen. Vielleicht Gespräche. Vielleicht auch stille Momente. Ich glaube: In all dem war Gott gegenwärtig. Oft leise. Oft unscheinbar. Aber da. Gerade in den Momenten von Abschied und Verlust hat mir die österliche Botschaft immer wieder Trost geschenkt: Das Leben ist nicht zu Ende. Es geht weiter. Bei Gott. Der Tod ist nicht das letzte Wort. Dieses Mädchen bei der Beerdigung hat mir das auf eine Weise gezeigt, die ich nie vergessen werde: Der Tod ist – im Glauben – ein Übergang. Ein „Geburtstag“ zum ewigen Leben. Ist das nicht genau die Botschaft von Ostern?

Glaube weitergeben, weil er trägt

Und damit sind wir wieder beim Weißen Sonntag. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich es so schade finde, wenn Kinder nach der Erstkommunion plötzlich aus dem Gemeindeleben verschwinden. Denn sie verlieren etwas. Eine Chance. Nämlich die Chane eine Beziehung, die ein Leben lang tragen kann, aufzubauen. Vielleicht ist deshalb dieser Tag auch ein kleiner Impuls an uns alle: Begleiten wir die Kinder weiter. Ermutigen wir sie. Leben wir ihnen Glauben vor. Nicht, weil wir volle Kirchen wollen. Sondern weil wir ihnen etwas zutrauen: Hoffnung. Halt. Vertrauen. Denn unsere Welt braucht das. Wir erleben Unsicherheit. Konflikte. Zerbrochene Beziehungen. Vieles gerät ins Wanken. Gerade deshalb ist diese Botschaft so wichtig: Es gibt eine Hoffnung, die trägt. Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern den Auftrag gegeben, diese Botschaft weiterzugeben. Nicht als Zwang. Sondern als Einladung. Eine Einladung zu einer Beziehung, die heilt und trägt.

Musik

Auch Zweifel haben Platz

Vielleicht denken jetzt einige: Das klingt schön – aber ich kann das nicht so glauben. Auch das gehört dazu. Denn Zweifel ist kein Gegenteil von Glauben. Er ist oft ein Teil davon. Schauen wir auf die Zeit nach Ostern. Die Jünger sind verunsichert. Sie haben Angst. Sie verstehen nicht, was geschehen ist. Und dann kommt Jesus zu ihnen. Durch verschlossene Türen hindurch. Und was sagt er?
Nicht: „Warum habt ihr gezweifelt?“ Sondern: „Friede sei mit euch.“ Das ist die erste Botschaft der Auferstehung: Frieden. Gott kommt nicht mit Vorwürfen. Sondern mit offenen Armen. Und dann ist da Thomas. Der Zweifler. Er sagt: „Wenn ich es nicht sehe, kann ich es nicht glauben.“ Und Jesus? Er weist ihn nicht zurück. Er lädt ihn ein: „Leg deine Hand in meine Wunden.“ Ein starkes Bild. Die Wunden sind noch da. Aber sie haben ihre Macht verloren. Sie sind verwandelt. Und das ist vielleicht die tiefste Botschaft: Gott nimmt unsere Zweifel ernst. Unsere Wunden. Unsere Fragen. Wir dürfen damit zu ihm kommen.
 

Ein Traum für unsere Welt: Hoffnung im Alltag leben

Vielleicht ist es ein Traum, dass alle Menschen diese Hoffnung teilen. Aber jeder Weg beginnt im Kleinen. Bei uns. Bei unseren Kindern. In unserem Alltag. Der Weiße Sonntag erinnert uns daran: Wir sind eingeladen, neu anzufangen. Immer wieder.
Nicht aus eigener Kraft – sondern weil Gott uns neues Leben schenkt. Gott lässt uns teilhaben an der Auferstehung. Das heißt: Unser Leben ist mehr als das, was wir sehen. Unsere Brüche sind nicht das Ende. Unsere Wunden können verwandelt werden.
Er trägt uns – auch in Zweifel und Angst. Und er tut das aus einem einfachen Grund:
Weil er uns liebt. Das feiern wir heute: Den Sonntag der „neugeborenen Kinder“. Kinder, die darauf vertrauen dürfen, dass ihr Leben gehalten ist. Und das gilt auch für uns. Dass wir neu anfangen dürfen. Dass wir hoffen dürfen. Dass wir getragen sind.
Vielleicht gehören wir ja auch dazu. Sie auch

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