hr2 MORGENFEIER
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Roth, Cornelius

Eine Sendung von

Katholischer Domkapitular, Fulda

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Die Aufnahme zeigt die majestätischen Vulkane Ararat und seine kleinere Schwester in einer weitläufigen Landschaft. Im Vordergrund erstreckt sich ein grünes Feld, während die schneebedeckten Gipfel der Berge im Hintergrund deutlich sichtbar sind.

Armenien – Wo der Glaube trägt und Hoffnung Licht wird

Haben Sie schon eine Idee, wohin Sie dieses Jahr in den Urlaub fahren? Wenn Sie mal eine Alternative zu Strand- und Bergurlaub haben möchten, kann ich Ihnen Armenien empfehlen. Vor fast 10 Jahren durfte ich mit einer Studiengruppe dort unterwegs sein und die grandiosen Klöster, Kirchen und Landschaften erleben, die uns nachhaltig beeindruckt haben. Vor allem der Berg Ararat, den wir nahezu wolkenfrei von der armenischen Seite aus bewundern konnten - was scheinbar nur ganz selten vorkommt -, hat uns fast die Sprache verschlagen. 

Begegnungen in einem besonderen Land

Aber es ging um mehr als um schöne Berge und Landschaften. Es ging uns um die Menschen und ihre Geschichten. Besonders der Überlebenswille dieses gebeutelten Volkes, das 1915 zu großen Teilen einem Genozid zum Opfer fiel und auch heute wieder unter schweren Verlusten im Zusammenhang mit dem Krieg gegen Aserbaidschan zu leiden hat, bleibt mir bis heute in Erinnerung. Das Nationalmuseum in der Hauptstadt Jerewan, das dem Völkermord an den Armeniern gewidmet ist, hat uns tief berührt und mich an die Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem erinnert. Seit dieser Fahrt fühle ich mich jedenfalls den Armeniern und ihrer Geschichte verbunden; nicht zuletzt, weil Armenien die erste Nation war, in der das Christentum im Jahr 301 Staatsreligion wurde – lange vor dem Römischen Reich.

Gebetswoche für die Einheit der Christen

Die diesjährige Gebetswoche für die Einheit der Christen, die immer in der Woche vor dem Fest der Bekehrung des Apostels Paulus am 25. Januar begangen wird, hat ihre Texte und Gebete aus der Tradition der armenischen Kirche genommen und schenkt uns damit einen Blick in diese altehrwürdige Tradition aus dem Osten. Die armenisch-apostolische Kirche gilt als eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt überhaupt und spielt seit fast zwei Jahrtausenden eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der spirituellen und historischen Identität des armenischen Volkes. Diese Kirche, die im frühen vierten Jahrhundert gegründet wurde und deren Wurzeln bis in die apostolische Zeit zurückreichen, ist mehr als eine religiöse Organisation; sie verkörpert nationale Widerstandsfähigkeit, kulturelles Erbe und spirituelle Stärke.

Lernen von der Spiritualität des Ostens 

Diese Kirche bietet nicht nur geistlichen Beistand, sondern hat auch die armenischen Traditionen, die armenische Sprache und die armenischen Werte bewahrt, insbesondere in Zeiten der Not und der Fremdherrschaft. In der heutigen Zeit, insbesondere angesichts von Herausforderungen wie dem Krieg um Berg-Karabach und der Vertreibung der dortigen armenischen Bevölkerung, dient die Kirche den Armeniern weiterhin als Quelle der Kraft und des Trostes. Heute ist sie ein Leuchtfeuer des Glaubens, der Einheit und der Kontinuität für die Armenier weltweit und bietet Einsichten, die in der weltweiten christlichen Gemeinschaft allgemein Widerhall finden. 

 Musik: Nikolai Rimsik-Korsakow – Neeme Järvi, Scottisch National Orchester – Suite from Mlada 

 Da wir in Deutschland häufig nur die katholische und evangelische Kirche vor Augen haben, lohnt ein Blick auf die kleine orientalisch-orthodoxe Kirche Armeniens. Nicht nur ihre Widerstandskraft über all die Jahrhunderte, sondern auch ihre Liturgie und Spiritualität sind faszinierend. Auf unserer Pilger- und Studienreise konnten wir auch an einigen Gottesdiensten teilnehmen, die von wunderschönen Gesängen geprägt waren und uns etwas über die Ästhetik der Liturgie lehren konnten. 

Liturgie voller Schönheit und Tiefe

Auch wenn große Teile des Gottesdienstes hinter einem Vorhang stattfinden, der in der armenischen Kirche die Ikonenwand der anderen orthodoxen Kirchen ersetzt, strahlt diese Liturgie spirituelle Tiefe aus. Dazu gehören auch die Bilder und Ikonen von Heiligen, die in der armenischen Kirche hoch verehrt werden. Heilige sind wie Fenster zur Ewigkeit. Überhaupt ist das Gefühl für die Transzendenz und die Göttlichkeit stärker ausgeprägt als in der doch eher nüchternen westlichen Theologie. Dies zeigt sich auch im Lobpreis des Lichtes, der in der Liturgie eine wichtige Rolle spielt. Gottvoll und erlebnisstark Liturgie feiern – was heutige Pastoraltheologen auch bei uns fordern -, kann man in Armenien immer wieder erleben.

Einheit der Christen

Von hier aus schaut der Weltgebetstag auf das Anliegen der Einheit der Christen. Er hat in diesem Jahr das Motto aus dem Epheserbrief (4,4): „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung.“ Die Einheit ist ein Auftrag Gottes, der den Kern unserer christlichen Identität betrifft; sie ist mehr als nur ein Ideal oder eine Modeerscheinung. Ökumenisch zu sein und zu leben ist für mich der konkrete Versuch, die Bitte Jesu um die Einheit seiner Jünger, die er in der Nacht vor seinem Leiden und Sterben vor den Vater gebracht hat, umzusetzen.

Die Einheit der Christen – ein göttlicher Auftrag

Die Spaltung der Christen ist und bleibt ein Ärgernis und wir müssen alles tun, dass diese Spaltung ein Ende hat. Gerade in unserer Zeit können wir es uns eigentlich nicht mehr leisten, als Christen mit verschiedenen Stimmen zu sprechen. Die Herausforderungen durch die Gesellschaft, in der die Gottesfrage immer irrelevanter wird, können wir nur gemeinsam angehen. Es wäre wichtig, dass wir hier gemeinsam zu ethischen und politischen Fragen Stellung beziehen, aber auch die Gottesfrage wachhalten. Es ist unsere Aufgabe und unsere Berufung, die harmonische und symphonische Einheit unseres Lebens in Christus inmitten unserer Vielfalt widerzuspiegeln. Diese göttliche Einheit steht im Mittelpunkt unserer Sendung und wird von der tiefen Liebe Jesu Christi getragen, der uns ein alles verbindendes Ziel vor Augen gestellt hat.

Einheit ohne Uniformität

In einer Welt mit unterschiedlichen und oft getrennten Traditionen und Ausdrucksformen des christlichen Glaubens erinnert uns der Epheserbrief daran, dass alle Gläubigen Glieder des „einen Leibes“ Christi sind. Bei dieser Einheit geht es nicht um Uniformität, sondern um ein gemeinsames Bekenntnis zu den zentralen Wahrheiten des Glaubens. Es ist ein kraftvolles Zeugnis für die verwandelnde Kraft des Heiligen Geistes, wenn Christen unterschiedlicher Herkunft mit einem gemeinsamen Ziel und einer gemeinsamen Vision authentisch und aufrichtig zusammenkommen – nicht nur Katholiken und Protestanten, sondern auch orientalische Christen, die durch Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea oder dem Irak heute häufiger bei uns anzutreffen sind.

Musik: Georgs I. Gurdjieff - The Gurdjieff Ensemble & Levon Eskenian – Prayer 

Hoffnung, die nicht zugrunde geht

Die Lehre von der Einheit der Kirche wird im Epheserbrief weiter ausgeführt, wenn es dort heißt, dass alle Christen zu der „einen Hoffnung“ auf Erlösung und ewiges Leben berufen sind. Diese „eine Hoffnung“ bedeutet, dass alle Gläubigen nach demselben Ziel streben – dem ewigen Leben mit Christus. Dies ist das letzte Ziel und die Motivation für ein christliches Leben, das eine gemeinsame Vision und ein gemeinsames Ziel für alle Gläubigen darstellt und sie auf ihrem Glaubensweg und in ihrem täglichen Leben vereint. Diese gemeinsame Vision überbrückt konfessionelle und kulturelle Gräben und ermutigt uns, auf jede erdenkliche Weise zusammenzuarbeiten. 

Wir alle als Zeugen der Hoffnung

Die „gemeinsame Hoffnung“ zum Ziel unserer Berufung zu machen, definiert unsere Mitgliedschaft in der Kirche im Sinne einer weltweiten Gemeinschaft in der Hoffnung auf Heil und ewiges Leben. Wir leben in einer Zeit, in der vielen Menschen die Hoffnung verloren haben: Die weltpolitischen Perspektiven machen uns Angst, wenn Kriege oder zumindest Kriegsandrohungen zur Tagesordnung gehören, Menschen in vielen Ländern dieser Welt unterdrückt werden und allgemein das Recht des Stärkeren gilt. Für andere sind persönliche Schicksalsschläge wie der Verlust eines geliebten Menschen, berufliche Existenzängste oder eine Krankheit Grund dafür, dass die Hoffnung immer mehr schwindet. Vielleicht sind Menschen hier gefragt, aus ihrem Glauben heraus Jesus Christus als Grund unserer Hoffnung ins Spiel zu bringen. Das hat nichts mit Schönwetterglauben zu tun, der die Probleme unserer Zeit nicht ernst nimmt oder über die Nöte hinweg geht mit der Floskel: „Es ist doch alles nicht so schlimm.“ Vielmehr geht es um eine Hoffnung, die durch das Kreuz Jesu hindurch gegangen ist und deswegen nicht zugrunde geht, weil sie in Gott ein Fundament hat – gerade auch in schweren und dunklen Zeiten.

Gelebte Hoffnung statt nur frommer Worte

Schon vor 50 Jahren hat das Synodenpapier „Unsere Hoffnung“ genau das in folgende Worte gebracht: „Der Weg der Kirche (…) ist der Weg gelebter Hoffnung. Er ist auch das Gesetz aller kirchlichen Erneuerung. Und er führt uns in die einzige Antwort, die wir letztlich auf alle Zweifel und Enttäuschungen, auf alle Verwerfungen und alle Indifferenz geben können. Sind wir, was wir im Zeugnis unserer Hoffnung bekennen? Ist unser kirchliches Leben geprägt vom Geist und der Kraft dieser Hoffnung? „Die Welt“ braucht keine Verdoppelung ihrer Hoffnungslosigkeit durch Religion; sie braucht und sucht - wenn überhaupt - das Gegengewicht, die Sprengkraft gelebter Hoffnung. Und was wir ihr schulden, ist dies: das Defizit an anschaulich gelebter Hoffnung auszugleichen.“

Musik: Arvo Pärt - Paul Hillier – Theatre of Voices – Arvo Pärt: De Profundis - Missa Sillabica – 2. Gloria  

Licht vom Licht als Licht

Licht bringt Hoffnung und Wärme – das Fehlen des Lichtes haben erst kürzlich viele Menschen in Berlin durch einen tagelangen Stromausfall erleben müssen. Kälte und Dunkelheit zu ertragen, bringt uns an den Rand der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.  Die armenischen Brüder und Schwester kennen aus ihrer Tradition, Christus als Licht und Hoffnung in den Fokus zu rücken. Eine kleine Anekdote aus dem Leben des Hl. Nerses, der bereits im Jahr 1173 starb, erzählt: Eine Sekte sonnenanbetender Heiden, die zu seiner Zeit in Armenien verbreitet war, wollte er für den Glauben zurückgewinnen. Die Symbolik von Christus, dem Licht, durchdrang deshalb seine Gebete, Hymnen und Schriftlesungen. So versuchte er, das Interesse der Sonnenanbeter zu wecken. Nicht durch Einschüchterung oder Verhandlungen wollte er die „Abtrünnigen“ wiedergewinnen, sondern durch ein kreatives und liebevolles Angebot des Allerbesten, was das christliche Zeugnis seiner Kirche zu bieten hatte. 

Werbung mit dem Besten

Vielleicht kann dies als Vorbild für uns alle dienen, die wir uns um eine Gemeinschaft bemühen, die Gott für uns gewollt hat. Wir werben mit dem Besten, was wir zu bieten haben, und drohen nicht mit dem Gericht in dem Fall, dass man den Glauben an Christus, das Licht, nicht annimmt. Das funktioniert in unserer Zeit ohnehin nicht mehr.

Ein Gebet, das inspiriert

Ein Gebet, das von armenischer Spiritualität inspiriert ist, kann uns dabei helfen: „Gnädiger Herr, Gott aller, Wegweiser für die Verlorenen, Licht für alle, die in der Finsternis sind. Unsere Augen richten sich auf dich, höre unsere Gebete. Möge die Sonne deiner Herrlichkeit strahlen und allen Licht und Leben schenken, vom Osten bis zum Westen und vom Norden bis zum Süden. Lass die Morgenstrahlen deines ewigen Frühlings uns erwecken, die wir auf dein Kommen warten. O Jesus Christus, Licht vom Licht, wir sind zusammengekommen, um deinen heiligen und kostbaren Namen anzubeten – nimm Wohnung in uns. Dein lebensspendender Glanz entfache in uns eine tiefere Liebe zueinander. Dein strahlendes Licht rühre uns an, damit unsere Einheit immer weiter aufblüht. Lass uns in deinem göttlichen Glanz in Eintracht blühen wie die vielfältigen Blumen im Garten deines Königreichs. Wir wollen dich immer mit einer Stimme voll Freude preisen und verherrlichen mit dem Vater und dem Heiligen Geist jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Dieses Gebet fasst zusammen, was christliche Hoffnung ausmacht: Christus als Licht in der Dunkelheit, als Weg für die Verlorenen und als Quelle der Einheit. Es bittet um eine Hoffnung, die Herzen verwandelt, Gemeinschaft wachsen lässt und uns befähigt, Gottes Liebe sichtbar zu leben – heute und in Ewigkeit.

Musik: Paul Avgerinos – Phos Hilarion - „Du Licht vom Lichte“ – ostkirchlicher Hymnus – 7:20 Min.