hr1 ZUSPRUCH
hr1
Lemmer, André

Eine Sendung von
André Lemmer,
Katholischer Dechant in der Pfarrei Sankt Elisabeth in Kassel

00:00
00:00

Wir brauchen keine Einzelkämpfer

Es gibt Erlebnisse, die werden größer, wenn man sie mit anderen teilt. Ein Sonnenaufgang zum Beispiel. Allein kann er wunderschön sein. Aber wenn jemand danebensteht und beide für einen Moment sprachlos sind, bekommt dieser Augenblick noch einmal eine andere Tiefe. Manche Erfahrungen brauchen ein Gegenüber. Das gilt auch für den Glauben.

Geteilte Erlebnisse wirken tiefer

Im zehnten Kapitel des Matthäusevangeliums sendet Jesus seine Jünger aus. Interessant ist: Er schickt sie nicht als Einzelkämpfer los. Sie gehören zu einer Gemeinschaft. Sie tragen denselben Auftrag und dieselbe Hoffnung. Niemand muss alles alleine schaffen.

Das gefällt mir. Denn Glaube lebt nicht davon, dass jeder für sich möglichst perfekt ist. Er lebt davon, dass Menschen gemeinsam unterwegs sind. Dass einer den Mut hat, wenn der andere zweifelt. Dass einer zuhört, wenn dem anderen die Worte fehlen. Und dass man sich gegenseitig daran erinnert, dass Gott längst da ist.

Glaube braucht ein Gegenüber

Ich glaube sogar: Viele Gotteserfahrungen werden erst in Gemeinschaft möglich. Im gemeinsamen Singen, im Gebet, im Gespräch. Oder wenn Menschen füreinander da sind, ohne viele Worte zu machen. Oft entdecke ich Gottes Nähe gerade durch andere Menschen.

Jesus sendet seine Jünger nicht alleine aus

Das gilt auch für den Auftrag, von Gott zu erzählen. Mission hat keinen guten Ruf, wenn sie belehren oder überreden will. Jesus meint etwas anderes. Seine Jünger sollen Frieden bringen, Kranke besuchen, Hoffnung wecken und den Menschen zeigen: Gottes Reich ist euch nahe.

Das gelingt nicht durch laute Stimmen oder starke Einzelpersonen. Es gelingt dort, wo Menschen glaubwürdig miteinander leben. Wo Vergebung möglich ist. Wo man einander trägt. Wo sichtbar wird: Niemand muss allein durchs Leben gehen.

Niemand muss alleine durchs Leben gehen

Vielleicht ist das die stärkste Botschaft unseres Glaubens. Nicht, dass wir auf alles eine Antwort haben, sondern dass wir gemeinsam unterwegs sind: mit unseren Fragen, unseren Freuden und unseren Sorgen.

Denn Gott begegnet uns oft nicht nur in der Stille des eigenen Herzens. Sondern auch im Lachen, im Teilen, im Tragen und im Vertrauen einer Gemeinschaft.