hr1 ZUSPRUCH
hr1

Eine Sendung von
Hannah Schnegelberger,
Evangelische Pfarrerin, Schlitzerland

00:00
00:00

Grenzenloser Garten

Manchmal beginnt Veränderung ganz unscheinbar. Nicht in großen Reden, sondern auf ein paar Quadratmetern Boden hinter dem Haus. So wie bei meinen Eltern.

Ein Garten für eine Flüchtlingsfamilie

Auf ihrem Grundstück gibt es seit einiger Zeit einen neuen Garten. Er gehört nicht ihnen, sondern einer Flüchtlingsfamilie. Die lebt seit einiger Zeit im Dorf, hatte aber bisher nur wenig Kontakt. Nun hat die Familie herumgefragt, ob jemand ein bisschen Boden abgeben würde – für Gemüse und Blumen. 

Ein einfaches “Ja” mit großer Wirkung

Meine Eltern haben kurz überlegt: Sie haben doch die große Wiese hinter dem Haus. Könnte das passen? Und dann haben sie einfach Ja gesagt. Ja, zu einem Stück Boden. Und: Ja, zu einem Stück Vertrauen. Seitdem wird dort gehackt, gegossen, gesät. Meine Eltern stellen Werkzeuge zur Verfügung, besorgen, was fehlt und öffnen ganz selbstverständlich ihren Garten. Dafür hilft Süleyman mit seiner Familie beim Gießen oder wenn etwas Schweres getragen werden muss. 

Gemeinsam säen, gießen und helfen

Mich fasziniert: Der Garten meiner Eltern hat keine klare Grenze mehr zwischen „unser“ und „euer“. Da ist ein gemeinsames Dazwischen entstanden. Ein Streifen Erde, auf dem Vielfalt wächst – im wahrsten Sinne des Wortes. 

Wo „unser“ und „euer“ verschwimmen

Nicht sauber getrennt zwischen „dort euer Gemüsebeet“ und hier „mein Rosenstock“. Und auch nicht nach „wir von hier“ und „die von dort“. Stattdessen wächst es bunt. Mit unterschiedlichen Wurzeln. Und alle unter derselben Sonne, im selben Regen, auf einem Boden.

Vielfalt wächst auf gemeinsamem Boden

Das kleine Gartenstück hat etwas verändert. Für Süleymans Familie, die jetzt ihr eigenes Gemüse anbaut. Für meine Eltern, die sich freuen, weil es wächst und blüht in ihrem Garten. Vor allem aber auch im Miteinander im Ort. Mittlerweile kennt man sich, man kommt ins Gespräch. Zwischen den Beeten pflegen die Menschen nicht nur ihre Pflanzen, sie teilen auch ihre Erfahrungen: Sie erzählen einander, wie die Tomaten am besten wachsen, was in diesem Jahr gut gelingt und welche Tricks sich bewährt haben.

Gemeinsam wachsen – im Garten und im Leben

Es ist ein Geben und Nehmen, das leise gewachsen ist – und das den Garten zu einem Ort macht, an dem mehr entsteht als nur Gemüse: Ein Ort, an dem aus Fremden Nachbarn werden. Ein Stück Erde, wo Zusammenleben wächst – grenzenlos und bunt.