hr1 ZUSPRUCH
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Baumgarten, Eva-Maria

Eine Sendung von

Katholische Gemeindereferentin im PV St. Michael Hohe Rhön, Hilders-Eckweisbach

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Grüne Wiese mit Berg im Hintergrund

Der Berg ruft

Berge üben auf mich eine bleibende Faszination aus. Berggipfel sind Sehnsuchtsorte für mich geworden und dabei spielt es gar keine Rolle, ob ich nun in der Rhön auf der Milseburg stehe oder auf einem Zwei- oder gar Dreitausender in den Alpen. Entscheidend ist für mich der Blick in die Weite; dieses Gefühl von Unbegrenztheit und Freiheit. Auf dem Berg erfahre ich mich als regelrecht herausgehoben aus dem Alltag. Ich gewinne dort Abstand und komme auf besondere Weise zur Ruhe. 

Faszination auf dem Gipfel

Wenn die Bibel immer wieder davon erzählt, dass sich Jesus auf den Berg zurückzieht, dann kann ich das gut nachvollziehen. Der Berg wird nach der Überlieferung des Evangeliums allerdings auch zum Ort der Berufung und der Sendung. Jesus nimmt die Zwölf, die er sich erwählt hat, mit auf den Berg. Sie erhalten dort drei Aufträge: 

Sendung statt Gipfelruhe

Erstens: bei ihm zu sein. Wer mit Jesus auf den Berg geht, der ist eingeladen, mit ihm Beziehung aufzunehmen. Ich stelle mir vor, wie er vielleicht neben dem ein oder anderen Jünger steht und sie gemeinsam ihren Blick in die Ferne schweifen lassen. Es braucht nicht viele Worte, nur das Zusammensein und die gleiche Blickrichtung. 

Talwärts mit einem besonderen Auftrag

Der zweite Auftrag lautet, dass die Jünger verkünden sollen. Nicht irgendetwas, sondern eben das, was sie aus der Beziehung zu Jesus gelernt haben. Dazu müssen sie vom Berg hinabsteigen und hingehen zu den Menschen. Ihre Jesus-Beziehung bleibt keine Privatsache, sondern sie müssen Haltung zeigen. 

Das meint der dritte Auftrag: Dämonen austreiben. Dort, wo alles trostlos erscheint, sollen sie gegen alle Angst Hoffnung bringen. Gegen den Zynismus Mitgefühl und Demut an den Tag legen und heilsam sein, wo Worte und Taten verletzen. Von wegen “Gipfelglück und himmlische Ruhe” - das klingt nach Arbeit und Anstrengung. 

Und was ist mit mir?

Ich schaue mir noch einmal den dreifachen Auftrag an und stelle fest, dass er noch nicht endgültig erfüllt ist. Wenn Jesus damals so eine bunte Gruppe an Typen gerufen hat – Fischer, Zöllner, Hitzköpfe bis hin zu seinem Verräter -, warum sollte heute in der Liste nicht mein Name stehen? Oder der meiner Nachbarin, der meines Arbeitskollegen, einer Freundin, meines Partners? 

Steht auch mein Name auf seiner Liste?

Manchmal ruft uns Jesus auf einen Berg, damit wir Abstand gewinnen können. So erkennen wir das Wesentliche. Aber: Er lässt uns nicht auf dem Berg zurück, sondern er sendet uns immer wieder in die Täler dieser Welt. Auch heute. 

Um mir dieses beschriebenen Lebensgefühl zu gönnen, nehme ich mir einen Tag Auszeit. Dazu habe ich mich in München mit meinem geistlichen Begleiter verabredet und erhoffe mir von unserem Treffen, dass die Zeit der Reflexion und der damit verbundene Abstand zu meinem Schreibtisch mir wieder etwas Durchblick in meinem Alltagswahn verschafft.