hr1 ZUSPRUCH
hr1
Schäfer, Christoph

Eine Sendung von
Christoph Schäfer,
Katholischer Religionslehrer, Rüsselsheim

00:00
00:00
Ein Mensch in einer orangefarbenen Jacke sitzt und schreibt mit einem Stift in ein offenes Notizbuch. Das Notizbuch liegt auf einem festen Untergrund. Die Hand ist deutlich sichtbar und konzentriert auf das Schreiben.

Aufmerksam durch den Alltag

Heute ist „Tag des Tagebuchs“. Er soll besonders an Anne Frank erinnern. An ihr berühmtes Tagebuch. Sie hat es am 12. Juni 1942 bekommen. Zu ihrem 13. Geburtstag. Lange hat Anne, die in Amsterdam gelebt hat, dann dieses Tagebuch geführt: voller Angst. Und in bedrückender Isolation. Denn Deutschland hatte Holland überfallen und die jüdische Familie Frank musste sich vor den Nazis verstecken.

Die Zeit darf sich nicht wiederholen

Schließlich hat man die Familie entdeckt – und fast alle Mitglieder ermordet. Auch Anne. Ihr Vater überlebte, hat das Buch veröffentlicht. Wie viele andere bin ich froh darüber. Obwohl Tagebücher ja privat sind. Denn wenn ich darin lese, spür ich:  Es schildert sehr authentisch eine furchtbare Zeit. Die sich nicht wiederholen darf. 

Sie war eine brillante junge Autorin

Der „Tag des Tagebuchs“ heute will auf das Schicksal dieser besonderen Tagebuchschreiberin aufmerksam machen – und zugleich auch das Tagebuchschreiben generell ins Bewusstsein rücken. Obwohl es natürlich schon etwas ganz anderes ist, wenn ich heute Tagebuch führe: über meinen friedlichen und sicheren Alltag. Außerdem war Anne Frank wirklich eine brillante junge Autorin. Sie wollte Schriftstellerin werden. 

So ein Eintrag geht einfach „tiefer“

Aber etwas ist ja vielleicht doch ein bisschen ähnlich. Ich hab nämlich beim Lesen ihres Tagebuchs immer wieder gemerkt: Es gibt eine Art allgemeines Tagebuch-Gefühl, das sich in den Texten widerspiegelt. Nämlich die Erfahrung, dass diese Art zu schreiben etwas Positives mit einem macht. Mir geht das auf jeden Fall auch so. Ich nehme zum Beispiel den Alltag bewusster wahr. Finde Worte für Gefühle, die ansonsten nur dumpf herumwabern. Und kann dann besser mit ihnen umgehen.  Beim Blättern in meinen alten Kladden stoße ich auf ganz unterschiedliche Stellen, an denen ich dieses Schreibgefühl spüre. Zum Beispiel dann, wenn es um eine Trennung ging. Oder ein Problem im Job. Aber auch um Glücksmomente. Gerade bei ihnen merke ich: Ein Tagebucheintrag geht „tiefer“. Wirkt länger nach als das schönste Foto. 

Tagebuchschreiben tut wirklich gut

Einer Studie zufolge greift fast jeder Zwölfte regelmäßig zu Kladde und Stift. Die hohe Zahl an Tagebuchschreibern hat mich erst verblüfft. Wahrscheinlich hängen es aber einfach die meisten nicht an die große Glocke. Und vertrauen, ohne eine große Sache daraus zu machen, ihrem Tagebuch immer wieder etwas an. Weil sie – wie ich – finden: Tagebuchschreiben tut wirklich gut.