hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Trusheim, Hermann

Eine Sendung von
Hermann Trusheim,
Evangelischer Schulpfarrer, Hanau

00:00
00:00
Fußballfans in einem Stadion mit blauen Trikots ihrer Mannschaft.

You’ll never walk alone

Da habe ich mich ins Weite aufgemacht – und auf einmal wird’s ganz eng. Bei schönem Wetter aufgebrochen und dann plötzlich in einen Sturm geraten. So kann’s geschehen. Was dann? Bin ich völlig allein in Sturm und Dunkelheit? 

You’ll Never Walk Alone: Was hilft, wenn das Leben plötzlich eng wird?

Für mich gibt der Titel “You’ll never walk alone” darauf eine Antwort: ‚Du wirst niemals allein gehen‘ – ‚Du wirst niemals allein gehen müssen.‘ Bereits im Musical “Carousel” im Jahr 1945 wird der Songs als sehr gefühlvolle Ballade präsentiert, er spendet Trost und Hoffnung, sogar über den Tod hinaus. Ein Chor singt:

Musik‚ You’ll never walk alone (Carousel)

Von der Musical-Ballade zur weltweiten Hoffnungshymne

In der Version von Gerry and the Pacemakers, immer noch getragen gesungen, wird er zur Hymne des FC Liverpool. Viele andere Fußballvereine übernehmen das Lied. Es ist inzwischen aus den Stadien nicht mehr wegzudenken, und so kennen viele mindestens den Refrain. Noch mal auf andere Art bekannt wird “You’ll never walk alone” als Trost- und Hoffnungsspender in der Corona-Zeit.

Musik: You’ll never walk alone (Gerry and the Pacemakers)

Warum die Version der Toten Hosen mich besonders bewegt

Meine Lieblingsversion stammt von den Toten Hosen. Als die Band um Leadsänger Campino das Stück in die Finger bekommt, bringen sie mächtig Tempo hinein. Schon die ruhig gesungenen Teile werden mit im Stakkato geschlagenen Triolen unterlegt. Der Rhythmus treibt den Song kräftig voran. Jetzt wird ‚You’ll never walk alone‘ zum rockigen Powersong.

Musik: You’ll never walk alone (Die Toten Hosen)

When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark
At the end of a storm
There’s a golden sky
And the sweet silver song of a lark

Wenn du durch einen Sturm gehst
Halte deinen Kopf oben und fürchte dich nicht vor der Dunkelheit
Am Ende des Sturms ist ein goldener Himmel
Und das süße, silberhelle Lied einer Lerche

Die poetische Botschaft hinter dem Liedtext

Das wollte ich sofort mit meiner Band covern. Aber so einfach war das nicht. Die Begleitung besteht aus recht komplexen Akkorden. Wir habe eine Weile gebraucht, das hinzukriegen. Und es passt ja auch zum Lied: Da werden sehr poetische Bilder gebraucht, die dazu einladen, sie für mich zu übersetzen. Da geht’s um schwierige Angelegenheiten aber auch um Hoffnung und Mut.

Sturm und Dunkelheit als Bilder für Lebenskrisen

Der Sturm, in den ich gerate, wird besungen, ebenso die Dunkelheit, die mir Angst macht, wird besungen. Und gleich im nächsten Vers setzt der Song etwas dagegen: Kopf hoch, keine Angst. Am Ende des Sturms wartet ein goldener Himmel und silbern singt eine Lerche: Sie gilt als Vogel, dessen Gesang einen neuen, besseren Tag verheißt.

Wie Hoffnung das Leben wieder weit macht

Ich kenne auch Erfahrungen, die die Weite des Lebens eng machen: Unglück bricht über einen herein. Da wird ein Freund plötzlich schwer krank. Ein lieber Mensch stirbt. Für eingefleischte Fans wird es dunkel, wenn ihre Mannschaft ein wichtiges Spiel verliert. Aber es wird etwas dagegengesetzt: Mut und Hoffnung machen das Leben wieder weit. 

Kraft statt Durchhalteparolen: Was das Lied wirklich vermittelt

Im Fall eines verlorenen Spiels geht das einfacher: Ich blicke mutig voraus aufs nächste Spiel. Wenn jemand krank wird oder jemand gestorben ist, ist es weitaus schwerer, wieder Mut und Hoffnung zu fassen. Irgendwelche Phrasen kann ich da nicht gebrauchen. Bei den Toten Hosen klingt “You’ll never walk alone” nicht nach einer platten Durchhalteparole, sondern nach Kraft, die ich bekomme.

Musik: You’ll never walk alone (Die Toten Hosen) 

Walk on through the wind
Walk on through the rain
Though your dreams be tossed and blown

Gehe weiter durch den Wind
Gehe weiter durch den Regen
Auch wenn sich alle Deine Träume in Luft auflösen.

Wer geht mit mir? Die zentrale Frage des Songs

Darum geht’s: Weitergehen, durch Wind und Regen, sogar, wenn meine Träume zerplatzen. Es geht weiter, auch wenn es eng wird in der Weite. Das ist für mich die Botschaft: You’ll never walk alone - Du wirst niemals alleine gehen. Aber wer geht da eigentlich mit?

Meine persönliche Erfahrung mit „You’ll Never Walk Alone“ in Irland

Hier ist meine Geschichte mit “You’ll never walk alone”: Ich war ziemlich stolz, dass wir den Song mit der Band so ungefähr in der Tote Hosen-Version hinbekommen hatten. Und so kam er auf meine Playlist für einen Reise mit dem gemieteten Wohnmobil durch Irland. Der Linksverkehr machte kaum Probleme. Dafür aber enge Straßen, gesäumt von Hecken, deren Äste dem Spiegel gefährlich nahekamen. Von wegen weiter Landschaft. Und dann wurde es auch noch dunkel und es regnete.

 Als ich in einer kleinen Stadt einem entgegenkommenden Auto mit meinem Riesenschiff ausweichen wollte, machte es einen lauten Schlag. Ich war einem parkenden Auto in die Seite gefahren. Anhalten und erst mal ein Stoßgebet in den Himmel schicken: “Lieber Gott, mach, dass kein Mensch verletzt ist!”. Das war das Erste. Dann sofort nachschauen, ob das auch so war. Gott sei Dank nur Blechschäden. Und Gott sei Dank war meine Frau da, die hat mich gleich beruhigt. Denn ich war natürlich völlig durch den Wind und fühlte mich der Situation ausgeliefert. Aber ich war ja nicht allein. 

Ein Unfall im Ausland und die Erfahrung, nicht allein zu sein

Die herbeigerufene Polizei war ruhig und besonnen. ‚Hauptsache kein Personenschaden‘, sagte der Officer. Sogar die geschädigte Autobesitzerin reagierte freundlich: ‚Das repariert mein Sohn‘ war ihr Kommentar. Unsere Fahrt konnte weitergehen, und ich hörte “You’ll never walk alone” jetzt noch mal ganz neu:

Musik: You’ll never walk alone (Die Toten Hosen) 

Walk on, walk on,
with hope in your heart
And You’ll never walk alone,
You’ll never walk alone

Geh weiter, geh weiter,
Mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen

Gott als Begleiter auf allen Wegen

Wer mich begleitet, das lässt der Song offen. Und ich denke, ganz bewusst. Menschen können das sein, und sind es hoffentlich. Für mich ist Gott ein wichtiger Begleiter. “You’ll never walk alone" wurde für mich zu einem Reisesegen – nicht in der Weise, dass er mich vor allem beschützt, der Unfall ist ja passiert. 

Gleiche Botschaft: Psalm 139 und „You’ll Never Walk Alone“

Aber Gott gibt mir Mut und Hoffnung: Sogar wenn’s in der Weite eng wird, geht es doch weiter. Ich kann weiter gehen, weil ich nicht allein bin. Und ich denke, aus diesem Grund steht “You’ll never walk alone” inzwischen auch im Evangelischen Gesangbuch. Hier erinnert mich das Lied an Gottes Begleitung, wie sie der Psalm 139,9 poetisch beschreibt: “Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge zum äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich fassen und deine Rechte mich halten.”

Du wirst niemals allein sein: Die bleibende Botschaft des Liedes

 “You’ll never walk alone” ist für mich das rockige Echo dieser schönen alten Worte: Es geht weiter, auch wenn’s eng wird. Du kannst weitergehen, denn du wirst niemals allein sein. Gott ist da, und er ist für dich da: In der Weite und auch, wenn’s eng wird.

Bei Campino und den Toten Hosen beginnt der nächste Refrain nur mit Gesang und Rhythmus. Das ist eine Einladung zum Mitsingen, und wenn’s sein soll, auch zum Mitgrölen im Stadion. Denn auch gemeinsame Fangesänge schaffen Gemeinschaft: You’ll never walk alone.

Musik:  You’ll never walk alone (Die Toten Hosen)