Weltkindertag 2026 – starke Kinder, starke Zukunft
Heute ist Weltkindertag: Da muss ich immer daran denken, wie ich einmal dabei war, als wir vor Jahren vom Jugendrotkreuz an diesem Tag eine Kistenrutsche aufgebaut haben. Für alle, die das nicht kennen: Es funktioniert ungefähr wie eine normale Rutsche, nur rutscht man statt auf dem Hosenboden in einer Kiste und statt über eine Metall- oder Kunststofffläche über lauter kleine Rollen. So kann man ziemlich schnell rutschen – und viel Spaß haben.
Der Weltkindertag: Seit 1989
Unser Angebot war nur eines von Vielen, damals beim Fest für Kinder und Familien. Solche Feste gibt es auch heute in vielen hessischen Städten und Gemeinden, mit Spielen, Musik und viel Action. Seit 1989 wird der Weltkindertag am 20. September begangen. In diesem Jahr wurde nämlich die Kinderrechtskonvention bei den UN völkerrechtsverbindlich verabschiedet, und seitdem ist der Tag immer beliebter geworden.
Was bedeutet das Motto „Starke Kinder, starke Zukunft“?
Der Kindertag bietet so viel Wichtiges: Kinder und Familien sind auf den Plätzen und Straßen präsent, Ehrenamtliche können sich vernetzen – und dann gibt es auch noch jedes Jahr ein Motto, das von UNICEF ausgegeben wird. In diesem Jahr heißt es: „Starke Kinder, starke Zukunft“. Aber was sind starke Kinder?
Klar, es geht nicht ums Gewichtheben oder Armdrücken, sondern eher um Chancen, sich zu entwickeln und zu entfalten. Kinder sollen stark sein, das bedeutet: sie sollen Bildung bekommen und gesund aufwachsen dürfen, sie sollen mitreden und mitentscheiden bei Fragen, die sie angehen, sie sollen sicher und geborgen leben. Eben alles, was in den Kinderrechten verbürgt ist.
Wie können Kinderrechte und Kinderschutz Kinder stärken?
Wer mit Kindern arbeitet, ob haupt- oder ehrenamtlich, dem begegnen der Kinderschutz und die Kinderrechte immer wieder. Ich habe das Gefühl, dass mich dieses Motto „Starke Kinder, starke Zukunft“ schon lange begleitet.
2009, mit 15 Jahren, habe ich meinen ersten Gruppenleiterkurs gemacht. Ich erinnere mich noch gut an viel rechtlichen und praktischen Input, aber auch daran, wie wir sensibilisiert wurden für Privat- und Intimsphäre, für Besonderheiten und Bedürfnisse von Heranwachsenden. Es ging immer darum, den Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden, sie zu schützen und zu stärken, damit sie wachsen und Neues ausprobieren können.
Prävention ist wichtig
Ganz andere Ausmaße nahm das Thema Sicherheit und Kinderschutz dann nach 2010 an. In diesem Jahr kam eine Welle ins Rollen, erst in der katholischen Kirche, später auch in der evangelischen Kirche und in staatlichen und privaten Institutionen und in den letzten Jahren auch verstärkt im Sport. Immer mehr kam der Missbrauch, die sexualisierte Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen allen Alters ans Licht.
Die Debatte, der Sprachgebrauch und vor allem auch die Konzepte in der Prävention haben sich in den letzten 16 Jahren immer wieder verändert und weiterentwickelt. Aber an ein grundlegendes Anliegen erinnere ich mich direkt von meinem ersten Präventionskurs her: Kinder müssen erleben, dass ihr Wort zählt. Dass ihr Nein zählt. Dass es nicht egal ist, was sie empfinden.
Wer sich gegen den nassen Schmatzer und die als zu eng empfundene Umarmung von Oma zu wehren traut, hat bessere Chancen, sich zu schützen, wenn jemand ihm oder ihr wirklich schaden will. Wer mit sich und seinem Selbstwertgefühl klarkommt, muss niemand anderen klein machen, um sich gut zu fühlen. Wer merkt: ich komme vor, muss nicht darum kämpfen, im Mittelpunkt zu stehen. Und wer das in seiner Kindheit erlebt und verinnerlicht, erinnert sich auch als erwachsene Person daran. Starke Kinder, starke Zukunft.
(Musik)
Kinderrechte auf Freizeiten: Die richtige Balance finden
Kinderrechte und Kinderschutz: Das Thema begegnet mir in meiner Arbeit und im Ehrenamt immer wieder. Seit vielen Jahren fahre ich mit meiner Heimatgemeinde ehrenamtlich auf Kinderfreizeit, sechs Tage in den Sommerferien. Längst bin ich eine der ältesten Mitarbeiterinnen und traue mich nicht mehr, mich so richtig mit Schwung die Wasserrutsche runterzustürzen – man wird ja vorsichtiger mit dem Alter –, aber ich genieße die Zeit unter Kindern und jungen Menschen.
Als Team versuchen wir immer sehr stark, eine Balance zu leben: Jedes Kind soll individuell vorkommen. Niemand soll etwas tun müssen, was ihr oder ihm unangenehm ist oder Angst macht. Trotzdem gibt es Regeln: wir essen, spielen, basteln gemeinsam und feiern zusammen Gottesdienst, und irgendwann sollen alle Kinder auch mal schlafen – oder zumindest so leise sein, dass die anderen schlafen können.
Ich bin überzeugt: In dieser Woche gibt es für alle immer viel zu lernen. Das beginnt mit kleinen Dingen, wie gemeinsam mit dem Essen anfangen und auch wieder vom Tisch aufstehen. Aber es gibt eben auch größeren Themen: Konflikte aushalten und ohne Gewalt lösen. Jemanden in Ruhe lassen, der oder die gerade Ruhe braucht. Und beim Beten nicht zu stören, auch wenn es mir selbst vielleicht nichts bedeutet. Weil es anderen wichtig ist.
Raum für Kreativität lassen
Und auf noch etwas achte ich, so gut ich kann, auch wenn es mir manchmal schwerfällt. Kinder tun unangepasste Dinge. Und das reizt uns Erwachsene.
Zum Beispiel hat dieses Jahr ein Tisch mit ungefähr zehnjährigen Jungs sein gemeinsames Stück Butter so bearbeitet und kleiner gekratzt, dass es einem Boot immer ähnlicher wurde. Mein erster Impuls war, wie so oft: „Lass das, iss die Butter normal. Du nimmst dir zu viel. Und nimm vor allem nicht die Finger zum Modellieren!“ Und dann habe ich mich nochmal zurückgehalten, bevor ich etwas gesagt habe.
Ich habe erst überlegt. Was am Butterboot ist tatsächlich ein Problem und was nicht? Was stört nur mich und was hat echte, negative Folgen? Mein Ordnungssinn kann ruhig mal hinter der Kreativität zurückstehen, aber bei potenziell ungewaschenen Fingern im Gemeinschaftsessen hört die Freundschaft auf.
Und so wurde aus meinem ersten Impuls eine andere Ansage: „Ich möchte, dass ihr nur Besteck und nicht die Finger benutzt. Jeder nimmt sich nur so viel Butter wie sonst auch. Außerdem müssen alle Butter essen dürfen, egal, ob sie sich beim Abschneiden geschickt anstellen oder nicht.“ Diese Regeln musste ich zwar gegen Widerstände durchsetzen, aber es war für mich definitiv eine bessere Lösung als angepasst stillsitzende Kinder, die sich nicht mehr trauen, etwas auszuprobieren.
(Musik)
Kindererfahrungen prägen spätere Entscheidungen als Erwachsene
Ich möchte unsere Kinderfreizeit und unsere Regeln zum Beispiel beim Butterbrotschmieren nicht überbewerten oder überstrapazieren. Aber ich glaube schon: Erfahrungen in der Kindheit haben einen Einfluss darauf, was Jugendliche und Erwachsene später tun und lassen, wie sie leben und Entscheidungen treffen. Ich hoffe, dass die Jungs gelernt haben: Sie müssen sich nicht immer konform verhalten. Und es geht nicht darum, dass Ältere über Jüngere dominieren und ihnen etwas aufzwingen.
Wir können es uns nicht leisten, unsere Kinder zu sturem, blindem Gehorsam zu erziehen. Sie müssen selbst denken, selbst entscheiden und auch selbst Konsequenzen tragen, sonst kann sie später jede und jeder rumschubsen und manipulieren.
Sie brauchen ein Konzept von richtig und falsch, von gut und schädlich. Nur so können sie sich als Erwachsene eine Meinung bilden und ihren Standpunkt vertreten. Nur so verlieren sie weder sich noch ihre Mitmenschen und die Gesellschaft aus dem Blick.
Die Balance finden
Die Regel ist einfach. Du, deine Meinung, deine Bedürfnisse, deine Stimme: sie zählen und sind wichtig. Aber die aller anderen auch. Es gilt, die Balance zu finden. Das ist die eigentliche Stärke. Sich immer durchsetzen und Recht behalten, sich immer den Löwenanteil sichern, sieht vielleicht stark aus.
Aber echt stark ist es, zu- und abgeben zu können. Anderen ihre Erfolge nicht zu neiden und sie auf dem Weg zu unterstützen. Hilfe zu geben und sie auch anzunehmen. In diesem Sinne brauchen wir starke Kinder für eine starke Zukunft. Die den Überblick behalten und ihre Bedürfnisse mit denen der anderen ins Verhältnis setzen.
In der Bibel bringt Jesus es auf einen einfachen Spitzensatz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Beides ist wichtig. Und das eine funktioniert nicht ohne das andere. Wer beides in Balance hält, ist stark – und gut gewappnet für die Zukunft.