Pfingsten – Himmel in Bewegung
Guten Morgen und - frohe Pfingsten!
Wenn das Wetter schön ist, nutzen viele Leute die Tage zum Unterwegssein. Hinaus in die frühsommerliche Natur, wir hatten ja schon sehr warme Tage! Und der Montag ist schließlich auch noch frei. Stellen Sie sich vor, selbst der Himmel und der liebe Gott sind dieser Tage draußen unterwegs! Es ist ja Pfingsten!
Klar, spielen da für mich als Religionsmensch auch Gottesdienst und Kirche eine Rolle. Nach Ostern und Weihnachten ist Pfingsten das wichtigste Fest, wir haben dazu tolle Lieder und anregende Bibelgeschichten. Aber die Nachfrage nach dieser Art klassischer Religion ist bei vielen Menschen heute eher gering. Obwohl ich schon glaube, dass sie religiöse Bedürfnisse und spirituelle Sehnsüchte haben, nur suchen sie die Erfüllung woanders.
Eben zum Beispiel in der Natur, mit der Familie, bei Erlebnissen mit Freunden… Und da finde ich es richtig gut, dass, wie gesagt, auch der Himmel und der liebe Gott dieser Tage draußen unterwegs sind. Das hat viel mit dem Wind zu tun und mit dem Feuer. Beides sind nicht wirklich passende Elemente für Innenräume, nicht mal für riesige Kathedralen und geräumige Dome.
Der liebe Gott ist draußen unterwegs…
Ja, der liebe Gott ist an Pfingsten vor allem draußen unterwegs. Er geht gerne unter die Leute und liebt die überraschenden Begegnungen. Und der Wind und das Feuer - da ist er ganz in seinem Element. Wie man sich das vorstellen kann, dazu komme ich gleich… Sturm und Feuer gehören zu den – sagen wir mal - vielfältigen „Verkehrsmitteln“, mit denen der Himmel sich der Erde annähert, Gott dem Menschen…
Natürlich liebt er es auch mit Hilfe seiner Engel zu den Menschen zu kommen, die es – da bin ich mir sicher – sowohl als himmlische wie als irdische Wesen gibt. Oder als „Geistesblitz“. Er kommt auch ganz handfest im gesegneten Brot und im verwandelten Wein zu uns Menschen. Und in allem, womit wir einander nähren und stärken und beschenken, besonders die Bedürftigen.
Aber heute an Pfingsten, da sind der Wind und das Feuer seine Gefährte…
Das mit dem Wind konnte ich kürzlich besonders intensiv erleben: mit meiner Frau und einer Freundin zu Besuch auf der Insel Borkum! Manchmal nur eine Prise, ein Säuseln, ein Windhauch, dann aber ein gewaltiger Schub mit großem Wolkenwirbel. Der Wind hat mir wunderbar das Hirn freigepustet und dann meine Sinne geöffnet für seine himmlischen Botschaften. Man spürt sich selbst ganz besonders, wenn der Wind von vorne anbrandet.
Aber auch wenn er uns von hinten zwischen die Schulterblätter fährt, als wollte er uns Flügel verleihen! Und wie frei erst die Lungen werden! Ein tiefes Einatmen bis zum Abheben und Schweben, gefühlt jedenfalls; und ein Ausatmen, das Raum schafft in uns für Neues, körperlich wie geistig. Ja, das alles kann der Wind. Und er trägt uns besondere Botschaften zu…
Die SängerInnen und der Wind
Ich will den eher Skeptischen unter Ihnen nicht zu schnell mit der Bibel kommen, die da Interessantes zu erzählen hat. Ich fange mal mit den Künstlern an, die kennen sich da auch aus, besonders die Sänger:
Musik 1: (eventuell ein „KlangFetzen“ Cat Stevens „The wind“)
Ich erinnere an Zarah Leander: „Der Wind hat mir ein Lied erzählt von einem Glück, unsagbar schön! Er weiß, was meinem Herzen fehlt, … Der Wind hat mir ein Lied erzählt“
Und Bob Dylan hat so viele Fragen, auf die – „blowing in the wind“ - nur der die Antwort weiß. Donovan kann eher den Wind einfangen als eine verflogene Liebe, „trying catch the wind“. Und Cat Stevens lauscht – „I listen to the wind of my Soul“ - „dem Wind seiner Seele“. Vom gefährdeten Leben erzählen „the candle…“ und „the Dust in the Wind“, und der dazu „weinende Sommerwind“; voller Power und Veränderungskraft aber der berühmte „wind of change“… Leider z.Zt. nicht an der „Moskva“ und beim „Gorky Park“…
Heiliger „Wind of Change“
Aber damals beim Ur-Pfingstfest in Jerusalem – so stelle ich es mir vor – da muss es ein solcher „Wind of Change“ gewesen sein, der den verängstigten Freundinnen und Freunden Jesu in die Glieder fuhr und ins Hirn und ins Herz. So jedenfalls erzählt es der Frohbotschafter Lukas in seiner Apostelgeschichte:
„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apostelgeschichte 2,1-4)
Wie sie jetzt aus dem Haus heraus, auf die Straße und unter die Leute kommen, damit hält der Erzähler sich überhaupt nicht auf. Er erzählt sofort, wie „entgeistert“, bestürzt, fassungslos vor Staunen die vielen Fremdarbeiter und Auslandstouristen sind, die sich gerade in Jerusalem aufhalten, dass sie alle diese einfachen aramäischen Fischerleute in ihren fremden Sprachen verstehen können.
Wunder der Verständigung
Nach dem gewaltsamen Tode Jesu waren seine Freundinnen und Freunde nur noch ein Häuflein Elend gewesen; hatten sich verängstigt verkrochen, weil ihnen sonst ähnliches passieren könnte. Da braust der Himmel auf die Erde herab und erstürmt die Herzen dieser Verzagten! Er gibt ihnen „Worte wie Feuer“, dass sie völlig angstfrei gleichzeitig in „flammender Rede“ und wie mit „Engelszungen“ von Jesus und dem Himmelsvater erzählen können. Was für eine Begeisterung! Welch ein Wunder gelingender Kommunikation.
Und darum sind gerade an Pfingsten der Liebe Gott und sein Himmel draußen unterwegs, um Geist zu versprühen und um Verständigung zu wecken: dass z.B. Politiker und ihr Volk die gleiche Sprache sprechen, dass Eheleute nicht aneinander vorbeireden, dass Hiesige und Fremde einander besser verstehen… Dass er Ermutigung und Bewegung und Erneuerung freisetzt, der „heilige wind of change“!
Musik 2: (eventuell ein „KlangFetzen“ Scorpions „Wind of change“)
Die Kirche und ihre „Beisterungsflaute“
Meine liebe, gute, alte Kirche singt heute begeistert ihre Pfingstlieder. Gleichzeitig bleibt sie, wie die Jünger damals, das verängstigte Häuflein, fürchtet sich immer noch vor allzu viel „Wind of change“. Sie flüchtet dann gerne unter die „Schutzmäntel“ ihrer frommen Tradition und „will darunter sicher steh‘n, bis alle Stürm‘ vorüber gehen“ – auch die des Heiligen Geistes! Heiliger Geist ist in der Sprache der hebräischen Bibel übrigens eine weibliche Kraft und bricht und mischt damit – zumindest sprachlich – die männlich dominierte Götterwelt ganz ordentlich auf.
Himmel in Bewegung, Gott draußen unterwegs - als heilige Geistkraft zu Pfingsten!
Echte Begeisterung empfinde ich übrigens heute als Mangelware, nicht nur in meiner Kirche, auch in unserer Gesellschaft. Gut, wenn mein Fußballclub etwas erreicht, und wenn es nur der Klassenerhalt ist, dann gibt es Jubelchöre… Ansonsten sehe ich viele sorgenvolle Mienen, eher deprimierte Stimmung.
Nichts kommt so recht in Gang - außer den Abwärtstrends... Da würde ich mir schon mal so ein Brausen vom Himmel wünschen und dass die heilige Geistkraft uns bisschen Feuer macht, mit Verlaub gesagt „auch unter dem Hintern“!
„Pfingstlied heute“
Schon vor vielen Jahren hat der von mir sehr verehrte Frankfurter Dichterpfarrer Lothar Zenetti – diesjahr wäre er hundert geworden - diese „Begeisterungsflaute“ aufgegriffen. Er will uns Mut machen, dass wir – wenn schon der große Seelenaufbruchssturm nicht gelingen will – doch immerhin auch etwas kleinere „Pfingstbrötchen“ backen könnten… So würde wenigstens etwas Bewegung und bisschen mehr Geist den Stillstand aufbrechen. Seinen Wünschen schließe ich mich gerne an:
Lothar Zenetti, Pfingstlied heute
Die Wunder von damals müssen’s nicht sein, auch nicht die Formen von gestern, nur lass uns zusammen Gemeinde sein, eins so wie Brüder und Schwestern…
Auch Zungen von Feuer müssen’s nicht sein, Sprachen, die jauchzend entstehen, nur gib uns ein Wort, darin Wahrheit ist, dass wir, was recht ist, verstehen…
Ein Brausen vom Himmel muss es nicht sein, Sturm über Völkern und Ländern, nur gib uns den Atem, ein kleines Stück unserer Welt zu verändern…
Der Rausch der Verzückung muss es nicht sein, Jubel und Gestikulieren,
nur gib uns ein wenig Begeisterung,
dass wir den Mut nicht verlieren…
(Auf seiner Spur, Schwabenverlag, 2026, S.45)
Wo auch immer wir den Tag heute verbringen: draußen im Grünen mit Wind um die Nase, drinnen in der Kirche mit frohen Gesängen, seien wir gespannt, was und wer uns heute begegnet! Schließlich sind der Himmel und der liebe Gott heute auch unterwegs! Es ist ja Pfingsten!
Musik 3: (eventuell ein „KlangFetzen“ Bob Dylan „Blowin‘ in the wind“)